Hier geht die Post ab


Wer das Tessin im Linienbus erkundet, hat einen großen Vorteil: Er kann permanent aus dem Fenster schauen. Drei Ausflüge
im schönsten öffentlichen Verkehrsmittel der Welt.

Der Bus von Piora nach Piotta passiert das Örtchen Altanca.

Der Bus von Piora nach Piotta passiert das Örtchen Altanca.

Die Heilkraft des Wassers lockte einst reiche Mailänder an diesen Ort, der wie das Ende der Welt wirkt. In einem vier mal zwei Meter großen Becken schimmert Thermalwasser. Dampf steigt auf und verliert sich unter einer niedrigen Decke, die von Spuren des Verfalls gezeichnet ist. Einige Marmorwannen erinnern noch an die noble Vergangenheit der 1812 erbauten Bagni di Craveggia. Die bessere Gesellschaft ließ sich früher in Sänften hier hinauf ins Valle Onsernone tragen, um zu kuren. Heute reisen Abenteurer und Esoteriker mit dem Postauto an.
Andernorts wäre ein Linienbus nicht das Verkehrsmittel erster Wahl für Individualisten: feste Fahrpläne, rumpelndes Fahrwerk, plüschige Polyestersitze. Doch die Schweizer Busse, genannt Postautos, sind mehr als nur Teil des öffentlichen Nahverkehrs: Sie sind ein Schweizer Kulturgut. Ihre Hupsignale erklingen in einer Tonfolge aus der Oper „Wilhelm Tell“. Und sie erschließen selbst geheime Plätze wie die 1951 von einer Lawine zerstörten Bagni di Craveggia. Von der Station in Spruga bis zu den Ruinen geht man zu Fuß 40 Minuten. Oben angekommen, baden Gäste in handwarmem Thermalwasser inmitten einer unheimlich schönen, fast gespenstischen Atmosphäre.
Die Tour zum verwitterten Kurhaus ist die erste von drei Routen in die verstecktesten Winkel des Tessins – mit Postautos. Wer in den gelben Wagen unterwegs ist, deren Abfahrtszeiten minutengenau mit der Schweizer Bundesbahn synchronisiert sind, spürt den Herzschlag dieses Landstrichs.
Etappe eins beginnt am Bahnhof von Locarno mit Warten. Zwei Minuten bevor der Bus ins Onsernonetal starten soll, sind die Türen noch geschlossen. Ist etwa nicht um 10.16 Uhr Abfahrt? Natürlich. Max Walti, 44, schließt die Tür für 20 Fahrgäste auf und lässt pünktlich den Motor an. Auch wenn sie im Süden der Eidgenossenschaft stolz sind auf die italienische Sprache und das dazugehörige Lebensgefühl: Fahrpläne sind den Tessinern heilig.
Kaum fransen die letzten Vororte von Locarno aus, beginnt das zerklüftete Valle Onsernone, das auch als reizvollste Sackgasse der Schweiz gilt. Die Passagiere Trudi Berr, 79, und Hedi Würgler, 86, sind Nonnen des Bethesda-Ordens auf Urlaub. „Gottes Natur ist hier einfach am schönsten“, sagt Trudi. Die beiden Schwestern aus Basel blicken aus dem Fenster nach draußen, wo Weißtannen und Grauerlen wachsen und ab und zu ein paar Häuser zu sehen sind, darunter auch die typischen Rustici aus Naturstein. Die meisten dienen Städtern als Wochenendhäuser, ohne Strom und Wasser. In den acht Dörfern und ein paar Weilern der Gegend leben nur 800 Menschen, verteilt auf 22 Kilometer – von der Talmündung in Intragna bis ins etwa 1000 Meter hoch gelegene Spruga. Früher war das Onsernonetal eine Schmugglergegend, in den Siebzigerjahren kamen die Hippies. Mancher Aussteiger blieb bis heute.
Der Dieselmotor zieht den Bus höher und höher. Die Felsvorsprünge, auf denen die Siedlungen stehen, werden immer enger. Wollte Walti seinen Bus wenden, müsste er dafür bis zur Endstation in Spruga fahren. „Die größte Gefahr sind nicht Steinschläge, sondern die anderen Autofahrer“, sagt der Chauffeur, während seine Husky-Augen konzentriert vorausschauen. Vor jeder unübersichtlichen Kurve betätigt er die Hupe: „Tüt, tüüüt, tüt!“: cis, e, a – wie von Rossini für seine Opernouvertüre über den Schweizer Nationalhelden komponiert. Wer will, kann sich das Postauto-Signal sogar von der Website des Busbetriebs als Handy-Klingelton herunterladen.
Auch wenn die älteren Schwestern Trudi und Hedi dafür keine Verwendung haben, gehören sie zur Postauto-Fangemeinde: „Mit Bus und Bahn kommt man in der Schweiz selbst ins letzte Tal. Das Gepäck kann man sich auch schicken lassen“, sagt Trudi. Wer sich von Walti fahren lässt, hat mehr Gelegenheit, sich einzulassen – auf die Natur, die Menschen, die Schönheit des Tessins im Allgemeinen.
Die zweite Route führt von Lugano zum Monte Generoso. Am Morgen startet der regionale Pendelzug S 10 nach Chiasso. Im Abteil: Reservisten, die in ihrer Uniform kostenlos zu Wehrübungen fahren, überdrehte Schulklassen und gelassene Schweizer. Nervöse deutsche Touristen beruhigen sie mit der Auskunft, dass zum Umsteigen acht Minuten Zeit seien und der Bus Richtung Scudellate an der Haltestelle direkt gegenüber starte.
Der König der Landstraßen ist nicht zu übersehen: sonnengelb, mit weißem Dach und einem riesigen Posthorn an den Flanken. Das Symbol erinnert an die Zeit, als zunächst Kutschen und später Busse Brief- und Paketsendungen sowie Passagiere bis in die hintersten Täler der Schweiz transportierten. Heute arbeitet die Post im Briefverkehr ganz überwiegend mit fließbandtauglichen Plastikkästen. Die Strichcodes der Sendungen werden automatisch eingelesen, unscheinbare Lieferwagen fahren sie zu den Zustellern. Nur in abgelegenen Gebieten nehmen Postautos noch Briefe und Pakete mit. Meistens aber Reisende, mehr als 100 Millionen im Jahr.
Der gelbe Bus lässt die Vororte und Weinterrassen der Grenzstadt Chiasso hinter sich. Immer wieder steigen Fahrgäste aus und ein, insgesamt leeren sich die Sitzreihen. An der Endstation Scudellate, dem letzten Halt im Muggiotal, verlässt eine Handvoll Wanderer den Bus. Auf dem rund zweistündigen Fußmarsch zum Gipfel in 1704 Metern Höhe tauchen sie ein in eine bilderbuchartige Kulisse samt Kastanienhainen, braun gefleckten Kühen und zutraulichen Ziegen.
Kurz vor dem Ziel wird deutlich, warum der Monte Generoso als einer der schönsten Ausflugsberge des Tessins gilt: Die Landschaft öffnet sich und gibt den Blick frei auf den Comer und den Luganer See. Wie verliebte Schmetterlinge tänzeln Paraglider durch die Luft. Extremsportler Francesco Galli, 35, bleibt dagegen am Boden. Der Mann mit den braunen Strubbelhaaren und den dicken Polstern an Knien und Ellbogen fährt gut 1400 Höhenmeter bergab. Auf einem Einrad. Wie gefährlich sein zweistündiger Balanceakt ist, begreift am ehesten, wer die orange-blaue Zahnradbahn Richtung Tal nimmt.
Die Holzwaggons der einzigen Schweizer Schmalspur-Zahnradbahn südlich der Alpen ruckeln 40 Minuten nach Capolago. Teils mit 22 Prozent Gefälle. Nach dem Knochenschütteln ist die Schiffsfahrt über den Luganer See zurück in die Stadt eine einzige Wiegennummer. Das finden auch Mama und Papa Rütschi, die mit ihren Kindern Samuel, 9, Sara, 11, und Daniel, 15, durchs Tessin reisen – ganz ohne eigenes Auto. „Wir fahren immer mit Bus und Bahn in den Urlaub“, erklärt der Vater, „das schont die Nerven und ist günstig, weil man mit der Juniorkarte bis 16 Jahre kostenlos mitfahren kann.“ Wer würde so etwas über den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland sagen? Während die Kinder genau beobachten, wie Kapitän Mauro Bertini das Linienschiff an Villen am Ufer vorbeilenkt, lässt sich das Ehepaar Rütschi an Deck den Wind um die Nase wehen und blickt entspannt Richtung Sonnenuntergang.
Die letzte Tagestour führt von Bellinzona ins Bleniotal und über den Lukmanierpass, 1914 Meter hoch gelegen, an der Grenze zu Graubünden. Sie ist die längste der drei. Die Reise beginnt am Bahnhof der Kantonshauptstadt mit einer Zugfahrt ins weiter nördlich gelegene Biasca. Sonnenlicht durchströmt das Abteil, die Burgen der ehemaligen Zollstadt Bellinzona glimmen wie golden lackiert.
Der Bus Nr. 131, der vom Bahnhof in Biasca Richtung Olivone fährt, ist überraschenderweise nicht gelb, sondern braun-grün, weil er von der lokalen Busgesellschaft betrieben wird. Das Gefährt ist ziemlich betagt und schnaubt bei jedem Stopp, an dem Wanderer mit Stöcken und Hausfrauen mit Einkaufstaschen zusteigen. Draußen wandelt sich die Landschaft allmählich. Das liebliche Bleniotal wird mit jedem Kilometer alpiner. Helle Bergdörfer stehen vor einer baumlosen und Ehrfurcht gebietenden Gebirgskette.
Nach dem Umsteigen in Olivone/Posta sind es noch 18 Kilometer bis zum Pass. Die Straße besteht aus aneinandergeklebten Betonplatten. Es holpert. Der Weg bleibt zwar selbst im Winter geöffnet, wird von den Postautos allerdings nur bis Mitte Oktober befahren. Im Sommer sieht das Tessin hier aus wie die Aufbauten einer Modelleisenbahn mit vereinzelten Tannen und kargen Grasflächen. Christian Oliva, 27, blaues Hemd, schwarze Haare, möchte trotzdem nirgendwo anders sein Postauto fahren als „auf der schönsten Strecke der Welt“, wie er sagt: „Ich habe mich extra für die Route zum Lukmanier beworben. Es war gar nicht so einfach, den Job zu bekommen“, verrät der Chauffeur. Er stammt aus dem Süden des Kantons, wohnt aber mittlerweile im Bleniotal. Morgens nimmt er für das Restaurant an der Passstation auch mal ein Stangenweißbrot mit hoch oder am Abend ein Päckchen mit runter. Allerdings selten, denn oben am Pass arbeiten die Menschen nur, sie wohnen im Tal und verschicken ihre Post meist von dort. Das Bleniotal boomt und ist auch dank der Postautos hervorragend angebunden. Seit den Neunzigerjahren sind immer mehr Menschen hierhergezogen. Die meisten der 7000 Talbewohner leben vom Tourismus.
Höhenerfahrene Wanderer wie Rüdiger Schostak, 55, lieben die Gegend. Der Münchner macht sich nach einem Cappuccino im Restaurant auf der Passhöhe mit einer kleinen Gruppe auf den Weg ins Pioratal. Die Region gilt mit ihren 28 Bergseen als eine der schönsten des Tessins. Wer alle seltenen Vögel und Pflanzen am Wegesrand gebührend bestaunen würde, käme nie in den veranschlagten vier Stunden ans Ziel. Neben der Natur ist der Piorakäse eine weitere Attraktion, zum Beispiel bei einer Vesperpause auf der Cadagnohütte. Die Käsesorte gehört zu den berühmtesten der Schweiz und ist außerhalb des Tals schwer zu bekommen. Das Rifugio Lago Ritom ist die letzte Jausenstation, bevor es wieder talwärts geht – und zwar in einer der steilsten Standseilbahnen Europas. Langsam gleitet der feuerrote Kasten mit seinen stehenden Passagieren hinab nach Piotta. Die durchschnittliche Steigung beträgt 71 Prozent – gefühlt ist die Bahn ein ziemlich spektakulärer Panorama-Aufzug, der fast senkrecht ins Tal fährt.
Am Ende der dritten Tour ist klar, dass der kurze, gut ausgeschilderte Fußweg von der Talstation zur Postauto-Haltestelle ruhig, aber nicht zu zögerlich gegangen werden sollte. Noch bevor auf dem Plan nach der Abfahrtszeit geschaut werden kann, biegt schon der gelbe Bus um die Ecke, der zurück Richtung Bellinzona fährt. „Tüt, tüüüt, tüt!“ Cis, e, a. Einsteigen, entspannen, ankommen. Im Tessin ergeben Landschaften, Busse und Bahnen ein Gesamtkunstwerk mit großem Erholungswert.

Autorin: Meike Mai

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