Nah am Wasser gebaut


An seinen Ufern gedeihen die Immobilienpreise so prächtig wie die subtropischen Pflanzen. Die Schönheit des Lago Maggiore begeistert seit Jahrhunderten Träumer und Investoren. Eine Reise durch Wildnis und Villen an einen Ort der natürlichen Spannungen.

Der Blick von den Brissago-Inseln Richtung Naturschutzgebiet Bolle di Magadino

Der Blick von den Brissago-Inseln Richtung Naturschutzgebiet Bolle di Magadino

Das Haus hat immer noch Stil. Selbst wenn die Auffahrt zum Grandhotel Locarno an der Via Sempione 17, wo einst Staatsmänner und Filmstars unter den Granitsäulen ausstiegen, heute ein trostloser Parkplatz ist. Die Eigentümer um Giancarlo Cotti, einen der mächtigsten Immobilienhändler des Tessins, schlossen das Hotel 2005, um eine „Reflexionspause“ einzulegen. Das macht Olivier Acs, den letzten Concierge des Hotels, wütend. „Ich verstehe, wenn man ein Hotel schließt, das keine Gäste hat“, sagt er. „Aber wir waren für das Filmfestival immer ein Jahr im Voraus ausgebucht, und auch sonst lief es prima.“
Der Zorn von Acs beruht auf einem dieser Widersprüche, von denen es an den Ufern des Lago Maggiore so einige gibt. Die Suche nach diesen Gegensätzen beginnt im Foyer des Grandhotels. Im halbdunklen Raum muffelt es. „Ich könnte heulen“, sagt der ehemalige Hotelmitarbeiter. Es schmerze zu sehen, wie jedes Jahr ohne Gäste an die Bausubstanz des Hauses gehe. Wenn Acs über den drei Stockwerke hohen Kronleuchter spricht – „der weltgrößte aus Muranoglas, dessen Reinigung allein zwei Wochen dauert“ –, klingt es, als rede er vom Familienerbstück. Ein Denkmal der Tessiner und ein wenig auch der Weltgeschichte ist das Grandhotel. Es wurde 1876 eingeweiht, zwei Jahre nachdem die Gotthardbahn das Tessin erreicht hatte – und damit der erste bescheidene Wohlstand. 1925 ebneten hier die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Deutschlands Weg in den Völkerbund. Im Hotelgarten wurde 1946 das Filmfest von Locarno geboren, das wichtigste kulturelle Ereignis der Region. Unter Denkmalschutz, fürchtet Acs, werde das Hotel nie kommen. Pessimistisch prophezeit er: „Hier soll dasselbe passieren wie mit dem Grandhotel in Brissago.“ Das Traditionshaus stand so lange leer, bis die hohen Sanierungskosten den Abriss rechtfertigten. An seiner Stelle steht jetzt ein Betonklotz mit Apartments. In Locarno muss es nicht ganz so schlimm kommen. Im Januar 2012 wurde ein neuer Plan der Eigentümer bekannt: Das Hotel samt Nebengebäude Casa Rossa und Grundstück soll für 92,2 Millionen Franken verkauft und mit einem neuen, unterirdischen Wellness-Bereich (kostet zusätzlich 3,4 Millionen) wieder betrieben werden. Neben den ehrwürdigen Gemäuern sollen aber auch für 8,4 Millionen Neubauten mit Eigentumswohnungen entstehen. Gesucht wird also ein Investor, der insgesamt 104 Millionen Franken lockermacht. Sicher gut verdienen würde er an den neuen Apartments, die sich für insgesamt 20 bis 25 Millionen verkaufen ließen. Am Lago Maggiore, einem der teuersten Immobiliengebiete der Schweiz, wo ein Quadratmeter Bauland bis zu 15 000 Franken kostet, wird die kulturelle und natürliche Schönheit oft in bare Münze gewechselt. Leider geht das immer wieder mit dem Verlust von Denkmälern und dem Entstehen von Bausünden einher. Nachhaltig wirtschaftet die Branche nicht. Denn am Ende könnte das eigentliche Kapital angegriffen werden: die Schönheit.
Die natürlichen Reize der Region sind allerdings so gewaltig, dass sie von Menschenhand kaum gänzlich zu zerstören sind. Vor 200 Millionen Jahren begann die Entwicklung dieser Landschaft. Das Tessin war damals ein flaches Stück Meeresgrund, an dem sich Muscheln sammelten und in Kalkstein verwandelten. Bis das heutige Italien, das sich von der afrikanischen Kontinentalplatte gelöst hatte, auf Europa zutrieb und mit der Landmasse kollidierte. Nach dem Zusammenstoß türmte sich der Meeresboden zu kilometerhohem Gebirge auf, während das Gestein Afrikas unter der europäischen Platte verschwand. Entlang der Nahtstelle entstand eine seitliche Spannung. Sie entlud sich in einem Bruch.
Die Cimetta, drei Seilbahnfahrten und fast 1500 Höhenmeter oberhalb von Locarno, steht am Rand dieser Trennlinie zwischen Nord- und Südalpen. Von hier sieht es aus, als sei das Gebirge beim Aufeinandertreffen der Kontinentalplatten wie ein Knäckebrot gebrochen. Da die Berge den Lago Maggiore vor kalten Nordwinden schützen, herrscht ein subtropisches Klima. Es gibt mehr Palmen, Wärme und Sonne als irgendwo sonst in der Schweiz.
Wasser und Eis kämpften immer wieder gegen die Berge. Vor 15 000 Jahren, in der letzten Eiszeit, schoben sich riesige Gletscher über das Land. Sie bewegten Felsen unter sich, die ein tiefes Becken ins Gebirge ritzten: Der Lago Maggiore entstand. An seiner tiefsten Stelle misst er 372 Meter, sie befindet sich 170 Meter unterhalb des Meeresspiegels.
Das Wasser der einstigen Gletscherflüsse Maggia und Ticino knabbert bis heute an den Bergen. Die Maggia mit ihrem stärkeren Gefälle spült Felsen und Geröll in den See. Von oben sieht ihr Mündungsdelta aus wie eine Zunge, die sich in den See streckt. Darauf liegen die Städte Locarno und Ascona. Wo der flachere, träge Ticino in den See fließt, ist der Grund sandig, da er kein grobes Gestein bewegen kann.
Einst war das Ticino-Delta ein großer Sumpf, der sich gut 20 Kilometer hinauf bis nach Bellinzona erstreckte. Der Flusslauf änderte sich nach jedem Hochwasser. Aber weil im Mündungsgebiet auch die Malariamücken eine gute Brutstätte hatten, fingen die Tessiner 1888 an, den Fluss zu begradigen. Seitdem ist der Strom gebändigt, der Sumpf ausgetrocknet, das Land wird intensiv genutzt. Malaria gibt es auch nicht mehr. Nicht alle Eingriffe in die Natur gehen auf Kosten der Schönheit.
Mit dem Sumpfgebiet drohte aber auch ein einzigartiges Ökosystem zu verschwinden. 1974 erklärte der Kanton Tessin das, was vom Ticino-Delta übrig geblieben war, zum Naturschutzgebiet. Bolle di Magadino heißen die 660 Hektar Flussdelta, die in ein absolutes und ein, nun ja, etwas weniger absolutes Schutzgebiet unterteilt sind.
An diesem Sonntagmorgen herrscht in den Bolle (italienisch für „Blasen“) Ruhe. Die Biologin Sabina Salvioni führt Gäste an Methanblasen sprudelnden Auen und mächtigen Dammmauern vorbei, hinein in ein Feuchtgebiet, das Milliarden von Mücken als Brut- und rund 160 Zugvogelarten als Rastplatz nutzen. „Hier finden Vögel nahrhafte Insekten und fressen sich voll, bevor sie die Alpen überqueren“, erklärt Salvioni. Zu sehen sind Grau- und Silberreiher sowie ein Eisvogel, der direkt vor der Biologin wegfliegt. „Das passiert sehr selten“, sagt sie begeistert. Dazu findet sie kürzlich abgestreifte Schlangenhäute. Ein 45Teil der Bolle ist renaturiert. „Wir haben dem Fluss wieder die Möglichkeit gegeben, neue Sandinseln zu formen“, erklärt Salvioni und zeigt auf das Nordufer der Ticino-Mündung. Dort sieht es permanent anders aus als auf den neuesten Landkarten.
Es ist fast idyllisch – bis am Flugplatz von Magadino, der innerhalb des Naturschutzgebiets liegt, der Fallschirm-Wettbewerb eines österreichischen Getränkekonzerns beginnt und laufend Flugzeuge abheben. „Nicht ideal“, sagt Salvioni, „aber soll der Flugplatz verschwinden?“ Es ist wieder einer dieser Zwiespälte, den der Wohlstand an den See brachte.
Von dieser Entwicklung hat auch Britta Soldati-Krantz profitiert. Als Relocation-Manager hilft sie Menschen, die sich im Tessin niederlassen, bei allen Belangen: von der Wohnungssuche über Bankkonten und Steuern bis zur Schule für die Kinder. Bevor sie für ihre Kunden einige der raren, leeren Traumhäuser am Lago Maggiore besucht, macht sie einen Abstecher ins Verzascatal – vielleicht weil sie diese Landschaft noch immer liebt. In Lavertezzo, an der Talbrücke Ponte dei Salti, deren zwei Bögen das smaragdgrüne Wasser des Flusses Verzasca überspannen, erzählt sie: „Meine Mutter brachte uns hierher zum Schwimmen.“ Das war in den Sechzigerjahren, als Soldati-Krantz, ein junges Mädchen und ihre Familie gerade aus Schweden ins Tessin gezogen war. Mondän ist an diesem Tal nichts, es herrschen Fels, Wasser und Natur. Um zu arbeiten, fährt die Immobilien-Expertin dann an den See. Oberhalb von Brissago besucht sie ein langes, rosafarbenes Gebäude im Landhausstil, das auf Interessenten wartet.
In Ascona steht eine andere Villa, die 1968 von Alberto Camenzind, dem Chefarchitekten der Schweizer Landesausstellung Expo 1964, gebaut wurde. Das Sockelgeschoss des Hanghauses aus Naturstein erinnert an die Rustici, die traditionellen Steinhäuser der Tessiner Täler. Wohn- und Esszimmer, erreichbar von unten über eine Treppe aus massiven Steinquadern, sind nach Osten, Süden und Westen verglast und auf den See ausgerichtet. Auf den mächtigen Deckenbalken thront das Obergeschoss mit den Schlafzimmern und einer Haut aus Kupfer.
Vor schlechtem Geschmack ist aber selbst ein solches Haus nicht sicher. Das Wohngeschoss hat einen dunklen Parkettboden und vor dem Eckfenster eine Bar, die den Blick auf den See versperrt. „Der Vorbesitzer hat viel Geld investiert, um die Patina der Zeit zu entfernen“, sagt Peter Rabitz von der Immobilienagentur Wetag. Früher verkaufte er Villen in Los Angeles, seit der amerikanischen Immobilienkrise macht er Investoren das Tessin schmackhaft. Zum Beispiel so: „Ascona soll das Saint-Tropez des Lago Maggiore werden“, sagt er. Davon ist der Ort, in dem Plastikstühle in Restaurants zum Standard gehören, aber noch weit entfernt.
Eine der Ersten, die den See unter den Reichen und Kreativen bekannt machte, war die Baronin Antoinette de Saint-Léger. Sie kaufte 1885 die Brissago-Inseln und ließ auf der großen eine Villa bauen, Pflanzen aus aller Welt einführen und lud Künstler wie James Joyce und Rainer Maria Rilke ein. Als der Baronin 1927 das Geld ausging, kaufte Max Emden, ein jüdischer Kaufmann aus Hamburg, die Inseln. Er ließ die Villa der Baronin abreißen und ein neoklassizistisches Herrenhaus bauen. In seinem persönlichen Garten Eden wurde er von nackten Schönheiten umgeben, mit denen er auf dem See Wasserski fuhr.
Ein Hauch der vergangenen Zeit ist noch spürbar im Botanischen Garten des Kantons Tessin. „Ich möchte, dass die Menschen hier entschleunigen, ihr Handy ausschalten“, sagt Guido Maspoli, Direktor der Insel, der diesen exotischen Flecken mit Feingefühl pflegt. Er weiß, wie einmalig er ist. Denn eigentlich dürfte es keine Insel in einem See geben, der durch Gletscherbewegungen ins Gebirge gefurcht wurde. Aber hier neutralisierten sich die Kräfte der Flüsse Maggia und Ticino. Das Überbleibsel aus dem Kampf zweier Gletscher sieht aus wie die Miniatur eines Alpenzugs.
Auf der Insel spenden Bambuswälder Schatten, Kakteen wachsen in einem Beet aus Vesuv-Lava. Zudem gibt es Zierbananen, Farne sowie eine Palmenpromenade und Max Emdens römisches Bad. Der Zauber des Lago Maggiore und all seine Widersprüche aus der Erdgeschichte, dem Klima, der Vegetation, der Baulust verschmelzen hier auf ideale Weise zu einem paradiesischen Tagtraum.

Autor: Juha Päätalo

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