Rund fürs Leben


Nirgendwo kann man besser schlemmen als auf einer griechischen Hochzeitsfeier. 14 geschlachtete Lämmer, 800 Liter Wein, Berge von Teig und Kübel voller Honig …

Normal – dieses Wort taucht ab sofort nicht mehr auf. Denn die Hochzeit von Simos Podotas, 34, und Flora Atsoniou, 28, ist alles andere als das. Es fängt bei der Gästeliste an, die es gar nicht gibt. Weil klar ist: Wenn diese beiden „Ne“ (griechisch für „Ja“) sagen, ist die ganze Insel dabei! Simos und Flora sind auf Sifnos aufgewachsen, zwei Fährstunden von Athen entfernt. Etwa 2500 Menschen wohnen hier. Sechs Tage lang ist der Bräutigam von Haus zu Haus gepilgert und hat alle persönlich eingeladen. „Das wird erwartet“, erklärt Giorgos Venios, der Chef des Tourismuskomitees von Sifnos. „Weil jeder jeden kennt.“ 700 haben zugesagt. Auch Giorgos. Er liebt Feste wie diese: Teenager in bonbonfarbenen Cocktailkleidern werden so lustvoll in Spanakotiropitas (Käse-Spinat-Taschen) beißen, wie es nur Mädchen können, die Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ nicht kennen. Ein Priester wird mit aufgeknöpftem Talar einen schlüpfrigen Song für die Braut singen, und die Musiker werden erst um zehn Uhr morgens mit wunden Fingern ihre Instrumente einpacken.

Giorgos Venios hat 41 seiner 51 Lebensjahre auf Sifnos verbracht. An seine Schulzeit auf dem Festland erinnert sich der Mann mit den großen, braunen Augen und dem kleinen Genussbäuchlein ungern. Genauso wenig an seine Flitterwochen in Thailand: „Ich verlor sieben Kilo, weil mir das Essen nicht schmeckte.“ Sifnos ist nicht so berühmt wie die Kykladeninseln Naxos oder Mykonos. Aber Kenner schwärmen von der köstlichen Küche – wahrscheinlich sind daher die meisten Urlaubsgäste Franzosen. Der Lehm der Insel ist besonders hitzebeständig, das Töpferhandwerk hat eine jahrhundertealte Tradition. Parallel dazu entstanden Tontopfgerichte, die im Holzofen zubereitet werden. So wie Revithia: Kichererbsensuppe, die jeden Sonntag auf den Tisch kommt. Samstagabends werden die Kichererbsen mit Wasser und Zwiebeln in den Ofen geschoben und garen über Nacht. Nach der 10-Uhr-Messe wird der Topf geöffnet. „Es duftet himmlisch“, schwärmt Giorgos. „Ein bisschen frische Zitrone rein, Oliven dazu, fertig.“ Zusammen mit Freunden und Verwandten löffelt er los. Essen und Gemeinschaft – auf Sifnos sind das wesentliche Komponenten der Lebensfreude-Gleichung. Darum packen mehr als 70 Helfer mit an, um die Hochzeit von Simos und Flora kulinarisch zum Erfolg werden zu lassen. Sie schneiden unter anderem 40 Kilo Auberginen in hauchdünne Scheiben, rollen 15 Kilo Blätterteig aus, verwandeln 100 Pakete Toastbrot in Sandwiches und schleppen 800 Liter Wein ins Edem-Hotel im Süden von Sifnos. Dort, nahe dem Platis Gialos, einem der schönsten Strände der Insel, findet die Feier statt.
Hinter dem Edem-Hotel steigt dicker Rauch in den blauen Himmel. Vor einem steinernen und weiß getünchten Holzofen steht ein Mann mit schwarzen Kringellöckchen und bärigem Lächeln. In seinen Händen hält er einen gusseisernen Haken, mit dem er runde Tontöpfe aus der Glut zieht. Es ist Ioannis (sprich: Jannis)

Benakis, 45, Hotelchef und einer der drei Hochzeitsköche. Er bereitet eine Inselspezialität zu: Mastello – in Weißwein gegartes Lamm. Bräutigam Simos hat dafür 14 Tiere vom Bauernhof seiner Familie geschlachtet. Ioannis fügt Wein seiner eigenen Reben hinzu, würzt das Gericht mit frischem Dill. „Mehr muss nicht dran“, sagt er. „Das Inselfleisch hat ein eigenes Aroma. Das liegt an der Meeresluft.“ Ein paar Häuser weiter steht der Bauernhof seines 86-jährigen Vaters Antonis. Er stellt Olivenöl, Honig sowie Käse selbst her. Zwei eigene Sorten gibt es auf Sifnos: den harten, in Rotweinsatz eingelegten Manoura und Mizithra, einen Ricotta-ähnlichen Weichkäse. Der hutzelige Mann mit dem buschigen, grauen Schnauzbart baut Tomaten, Zucchini, Gurken, Kürbisse und Okraschoten an. Antonis muss nicht einkaufen gehen. Wie viele Einheimische versorgt er sich selbst. Nur den Ouzo, den er seinen Gästen schon morgens um elf anbietet, brennt er nicht selbst.

Fünf Stunden lang hat Ioannis das Lammfleisch in dem auf 400 Grad erhitzten Ofen garen lassen. Jetzt ist es butterweich, zerfällt beim Hochheben und duftet nach getrockneten Salbeizweigen, die Ioannis vor dem Garvorgang ins Feuer geworfen hat. Mastello gab es früher nur am Ostersonntag. „Aber das Gericht ist so beliebt, dass es inzwischen das ganze Jahr über auf den Speisekarten steht“, sagt der Küchenchef. Viel Fleisch hat sich das Brautpaar gewünscht, auch Souvlaki (Fleischspieße) und Paidakia, gegrillte Lammkoteletts, die bergeweise serviert werden. Die Gäste essen sie wie Kartoffelchips: schnell und mit fettigen Fingern. „Auf Sifnos gibt es keine Vegetarier“, erklärt Ioannis.

Die ungekürzte Reportage finden Sie im Reisemagazin Griechenland ab Seite 120. Auch hier zu bestellen.

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