Menschen im Tessin


Zwei Scheinriesen, ein Sprachtalent, der Filmpräsident, der Mann mit der Trompete, ein Liebespaar, die Zöllnerin, ein Tee-Experte und eine Minigolferin.

DIE SCHEINRIESEN

Dominique Vuigner (links) und sein Sohn Joel

Dominique Vuigner (links) und sein Sohn Joel

Die Schweiz ist ein kleines Land – doch für manche nicht klein genug. Dominique Vuigner, 58, und sein Sohn Jöel, 28, haben mitgeholfen, das Land nachzubauen: Im Park Swissminiatur stehen auf einer Fläche von knapp zwei Fußballfeldern mehr als 120 berühmte Bauwerke wie Burgen, Bauernhöfe und Brücken – alle 25-mal kleiner als in natura. Durch diese Fantasiewelt fahren Schiffe, Zahnradbahnen und ein Nachbau des Glacier Express. Auf die Idee kam Dominiques Vater Pierre, als er eine ähnliche Anlage in Den Haag besuchte. 1959 gründete er sein Liliput in Melide. „Für meinen Vater war das nur ein Geschäft, heute steht der Park im Zentrum unserer Familie“, sagt Dominique Vuigner, hier am Fuß des drastisch geschrumpften Bergs Jungfrau. Ein Bastler ist er trotz allem nie geworden. „Um den Aufbau kümmern sich mein Sohn (oben im Bild) und mein Bruder, ich bin auf diesem Gebiet eine Katastrophe und mache alles kaputt.“

DIE RADIO-AKTIVE

Sandy Altermatt

Sandy Altermatt

Heimat könnte ein schwieriges Thema sein für eine Frau, die durch die Welt zu schweben scheint. Unser Foto zeigt Sandy Altermatt auf dem San Salvatore mit Blick auf den Luganer See. Geboren in Zürich, zog sie bald mit ihrem deutsch-schweizerischen Vater und ihrer ägyptischen Mutter ins Tessin. „Nach der Schule wollte ich andere Länder sehen“, sagt Altermatt. Für den Starfotografen Michel Comte arbeitete sie in New York und Paris. Auch in Portugal und Guatemala verbrachte sie längere Zeit, um Sprachen zu lernen und als Reiseleiterin zu jobben. Und trotzdem kehrte sie vor zehn Jahren zurück. „Richtig zu Hause fühle ich mich nur, wenn ich den Luganer See und die Berge Monte Brè und San Salvatore sehe“, sagt die 42-Jährige. Ihre Weltgewandtheit nutzt sie nun für den Schweizer Radio- und Fernsehsender RSI. Sie moderiert dort Musiksendungen und Liveshows, meist auf Italienisch, manchmal auf Deutsch oder Französisch. Beim Jazzfestival in Lugano interviewt sie dann auch mal Musiker auf Englisch, Spanisch oder Portugiesisch. „Ich hatte einfach Glück, mit so vielen Sprachen aufzuwachsen“, sagt Altermatt. So fühlt sie sich überall wohl – bleibt aber fest im Tessin verwurzelt.

DER FESTMACHER

Marco Solari

Marco Solari

Früher war er ein viel fliegender Topmanager, heute lädt Marco Solari die Welt ins Tessin ein. Der gebürtige Berner besuchte als Kind seine Großeltern im südlichen Kanton, nach dem Studium wuchs sein Aktionsradius: Er arbeitete für den Reisekonzern Kuoni in Bangkok, Rio de Janeiro, auf den Kanaren und saß für den Medienriesen Ringier im Vorstand. Seit 2007 ist Solari Präsident von Ticino Turismo, seit 2000 Präsident des Filmfests von Locarno. „Ich war seit früher Jugend ein eifriger Kinogänger, mit Vorliebe für thematisch Schwieriges“, sagt er, „in der Welt des Films finden Sie alles: Starlets und Genies.“ Nach Locarno zieht es traditionell Letztere, von Claudia Cardinale, Harrison Ford und Gérard Depardieu bis Literaturnobelpreisträger Dario Fo. Auf der Piazza Grande, wo Solari auf unserem Foto steht, werden sich auch im August 2012 wieder 6000 Menschen vor einer Leinwand versammeln, um das 65. Filmfest zu feiern. Und danach? „Meine Frau fragte mich kürzlich, wann meine kontemplative Lebensphase beginnt“, sagt der 67-Jährige, „ich blieb ihr die Antwort schuldig.“

DER MUSIKDIREKTOR

Franco Ambrosetti

Franco Ambrosetti

Wie wichtig Improvisieren ist, erfahren viele Ökonomen im Kampf gegen die Eurokrise. Franco Ambrosetti lebt in der Schweiz, fernab der europäischen Gemeinschaftswährung. Doch lernte er das Improvisieren spielend – und das vor Jahren. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Lugano leitete nicht nur das Stahl-Familienunternehmen, sondern auch Musikgruppen. Er war zugleich Präsident der Tessiner Handelskammer und gefeierter Trompeter. 1985 wählte ihn der italienische Sender Rai zum besten Jazzmusiker Europas. „Wenn man künstlerisches Talent hat, liegt der Weg zum Erfolg in der Organisation der Zeit“, sagt der 70-Jährige, hier im Parco Ciani. „Geprägt hat mich die Verbindung von italienischer Kultur und Schweizer Eigenschaften wie Präzision und liberales Denken.“

DAS MARMOR-, STEIN- UND EISEN-PAAR

Alex Naef (rechts) und seine Frau Almute

Alex Naef (rechts) und seine Frau Almute

Sie helfen dem Tal, seine Identität zu bewahren, und doch sind sie keine normalen Bewohner. „Wir fühlen uns hier sehr wohl im Bergdorf Peccia, aber trotzdem empfinden wir uns als Gäste“, sagt Alex Naef. Schon als 18-Jähriger war er während seiner Lehre als Steinbildhauer erstmals ins Maggiatal gekommen, wo der einzige Marmorsteinbruch der Schweiz liegt. Als er 1987 gerade sein Studium der Kunstpädagogik in Deutschland abschloss, lud ihn ein Freund zum Aufbau einer Bildhauerschule nach Peccia ein. „Das war eine einmalige Gelegenheit, weil hier seit Jahrhunderten Kunstwerke aus Marmor geschaffen werden“, sagt der 58-Jährige. Unter seinen Studentinnen war irgendwann auch eine Frau aus Baden-Württemberg. „Wir mochten uns von Anfang an, aber richtig gefunkt hat es erst drei Jahre später“, erinnert sich Almute, die seit der Hochzeit ebenfalls Naef heißt. Die 39-Jährige hilft nun mit, Ateliers und Schule weiter auszubauen. Dort unterrichten inzwischen 30 Künstler und Dozenten, die auch Kurse in Metallarbeit, Zeichnen oder Kunstgeschichte geben. Am wichtigsten bleibt jedoch die Bildhauerei – und die Kunst, Marmor, Stein und Eisen zu brechen.

DIE GRENZ-GÄNGERIN

Sara Migliorati

Sara Migliorati

„Cognac, Tabak, Haschisch?“, fragt die Zöllnerin mit strenger Miene. „Danke, brauche ich nicht, aber ein Tee wäre jetzt das Richtige“, antwortet die Dame im Auto. Diesen alten Witz kennt auch Sara Migliorati, 33, Korporal des Schweizer Grenzwachtkorps, aber passiert ist ihr das noch nicht. Dafür vergeht der gebürtigen Tessinerin regelmäßig das Lachen, unter anderem ertappte sie dreimal Drogendealer am Flughafen Lugano-Agno. Die Schweiz mit ihrem Bankgeheimnis ist zudem ein beliebtes Ziel unangemeldeter Geldtransporte, und das Tessin hat die längste Außengrenze aller Kantone. Auch in Bergdörfern wie hier in Fornasette am Übergang zu Italien hat Migliorati Aufgaben zu erledigen: Die Verkehrsdichte ist dort so gering, dass Beamte nicht immer vor Ort sind. Dann müssen Reisende ihre Waren selbst deklarieren und die Papiere in den Briefkasten mit der Aufschrift „Dichiarazione Scritta“ einwerfen. Einmal pro Woche leeren ihn Migliorati und ihre Kollegen und sammeln pro Monat etwa 120 Deklarationen. „Wer kein Formular ausfüllt, muss hohe Strafen zahlen“, warnt Migliorati.

DER TEEORETIKER

Peter Oppliger

Peter Oppliger

Abwarten und Tee trinken ist nichts für Peter Oppliger – jedenfalls abwarten nicht. Der ehemalige Apotheker und Spezialist für Natur- und Pflanzenheilkunde aus Luzern ist ein Pionier. Vor sechs Jahren begann er ein Experiment auf den Brissago-Inseln im Lago Maggiore. Dort erprobte er, ob in diesen Breitengraden Tee wächst. Nach den Inselversuchen gelang es ihm, auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona die einzige Teeplantage Kontinentaleuropas mit Teehaus und Museum einzurichten (Foto). „Die 3000 Pflanzen bringen mir einen Jahresertrag von fünf bis zehn Kilo“, sagt der 71-Jährige. Doch sei dies nicht das Entscheidende. „Ich möchte Interessierten zeigen, wie Tee angebaut wird, und mit ihnen über die gesundheitsfördernde Wirkung des grünen Tees philosophieren.“

DIE BALLKÖNIGIN

Miranda Graf

Miranda Graf

Minigolf klingt für manche so sportlich wie Murmeln, aber Miranda Graf sieht das anders. Was viele nur als Freizeitspaß wahrnehmen, wurde für sie zum Leistungssport. 1991 gewann sie in Oslo den ersten Weltmeistertitel der Frauen in dieser Disziplin. Dabei hatte sie einen Vorteil: Schon im Alter von zehn Jahren trainierte sie auf der ältesten Anlage der Welt (Foto), die am 19. März 1954 in Ascona eröffnet wurde und sich damals im Besitz ihrer Eltern befand. Heute lebt Graf mit ihrer elfjährigen Tochter in Liestal bei Basel und spielt nur noch bei Clubturnieren. Dennoch zieht es die 42-Jährige immer wieder zurück in die alte Heimat. „Dort hab ich viel Sonne, fröhliche Menschen, Palmen und den See“ – und sie hat die alte Bahn, auf der sie einst zur besten Minigolferin der Welt heranwuchs.

DIE HÜTERIN DER KORNJUWELEN

Agnese Z'graggen

Agnese Z’graggen

Wer Agnese Z’graggens Umgang mit Kürbissen etwas eigen findet, der sollte erst mal ihre Arbeiten mit anderem Gemüse sehen. Die 45-Jährige ist Food-Designerin und setzt Essen in Szene. Bei ihrem Projekt „Juwelen für eine Nacht“ entwirft sie etwa Schmuck aus Lebensmitteln: Halsketten aus Chicorée oder Ringe aus Blumenkohl. Die Idee dazu kam ihr in Mailand. Dort jobbte sie im Restaurant der Köchin und Pflanzenkennerin Meret Bissegger. „Da entdeckte ich die Schönheit der Natur und sah Gemüse plötzlich als Kunst.“ Manche ermahnten sie, sie solle nicht mit Essen spielen. „Das verstehe ich, aber ich versuche ja mit meiner Arbeit zu zeigen, wie wichtig Lebensmittel und Natur sind.“ Umso bodenständiger bleibt sie dafür beim Lieblingsessen: Es ist die Polenta ihrer Großmutter.

DIE ÜBERBRÜCKERIN

Samantha Bourgoin

Samantha Bourgoin

Die Brücke ist ein Symbol für das Leben von Samantha Bourgoin, denn die 40-Jährige lebt in zwei Welten: im städtischen Trubel, den sie im Winter als Mitorganisatorin des Eislauffests „Locarno on Ice“ und im Sommer mit dem Festival „Jazz Ascona“ noch anheizt. Und in der Einsamkeit der Natur, die sie als Direktorin des Projekts Nationalpark im Locarnese schützen will. Bourgoin und ihre Mitstreiter arbeiten daran, ein 35 Kilometer langes Naturschutzgebiet zu schaffen, das von den Palmen der Brissago-Inseln über die Schluchten des Centovalli (Foto) bis in die vereisten Berge des hohen Maggiatals reichen soll. „Für mich gehören meine Jobs alle zusammen“, sagt Bourgoin, „ich helfe ja immer den Menschen – mit Kultur oder eben mit gesunder Natur.“

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