Rock ’n’ Roll auf Rädern


Oldtimer-Liebhaber gehen bei der ADAC Trentino Classic auf eine Zeitreise: zurück in die Vergangenheit, die dabei ganz gegenwärtig ist.

Italien im September : Vor blauem Himmel flirren die schneebedeckten Gipfel der Pale di San Martino in der Spätsommerhitze, der spiegelglatte Lago di Calaita funkelt zu Füßen einer Blockhütte. Das Trentino ist eine Gegend wie aus der Zeit gefallen. Zwar ist Italien das beliebteste Reiseziel der Deutschen im Ausland. Damit meinen sie aber allzu oft: die Toskana und das Mittelmeer. Inmitten der stillen Welt der Dolomiten scheinen deren überteuerte Touristenfallen, jeglicher Souvenirkitsch sowie mit Liegestühlen übersäte Küsten fern. Welches Jahr wir schreiben, kann da der Besucher leicht vergessen.

Nacheinander rollen ein weißer Horch 90 V Roadster von 1938, ein Rolls-Royce 20/25 HP Doctors Coupé in Schwarz, Baujahr 1931, und ein silberner Mercedes-Benz 300 SL aus dem Jahr 1960 ans Seeufer. Am Steuer sitzen Teilnehmer der ADAC Trentino Classic, einer Oldtimer-Veranstaltung mit ungewöhnlichem Konzept: Genuss und Gefühl zählen hier mehr als Tempo und PS. Seit mehr als zehn Jahren sind historische Automobile jeden Spätsommer in dieser Bilderbuchkulisse zu Gast beim Oldtimer-Wandern, wie der ADAC die Trentino Classic nennt. Etwa 100 Teilnehmer mit ihren Fahrzeugen, vom Vorkriegsmodell bis zum Achtzigerjahreschlitten, sind dabei. Eine historische Erfahrung der besonderen Art. Denn: Einen besseren Schauplatz als die Dolomiten kann man sich kaum vorstellen.

Während manche Autos knapp 100 Jahre alt sind, wähnt sich der Besucher bisweilen auch im Trentino in einer anderen Epoche. Bimmelnde Kuhglocken, Senioren auf sonnenbeschienenen Bänken und winkende Kinder erinnern an die Zeit, als es noch keine Handys und Computer gab. Und auch Terminkalender scheinen plötzlich ganz weit weg.

„Che bella macchina!“

Die insgesamt etwa 550 Kilometer, die die Teilnehmer in vier Tagen zurücklegen, sind den meisten weit genug. Und auf Zeit fahren will hier sowieso keiner. Die Liebhaber historischer Automobile kommen aus einem ganz anderen Grund. „Der Reiz dieser Veranstaltung“, sagt der Unternehmer Michael Kipp, „ist das Zusammensein mit Gleichgesinnten.“ Seine Frau Jutta und er sind mit ihrem Fiat 600 D von 1963 schon zum zweiten Mal von Ludwigsburg angereist. Beim ersten Mal sind sie tatsächlich auf Achse angereist, wie es im Fachjargon heißt, wenn das alte Auto die lange Strecke auf der Straße fährt. In diesem Jahr kam der Fiat auf den Hänger.

Von ihren sechs Oldtimern kommt jedes Jahr nur der 600er infrage, um durch Norditaliens Berge und Täler zu reisen. In diesem Land ist der Fiat schließlich heimisch. Er wurde zwischen 1955 und 1969 im rund 500 Kilometer entfernten Turin gebaut und verkörpert noch heute ein Stück italienisches Lebensgefühl. Während eigentlich alle Autos in Dörfern und Straßenbiegungen für Applaus und Jubel sorgen, ist der weiße Seicento unter all den klangvollen Marken doch der heimliche Star. Ein älterer Herr kniet sogar vor
ihm nieder: „Che bella macchina!“ – „Was für ein schönes Auto!“, ruft er.

Wer liebt sie nicht, die guten Dinge von gestern?

Ob es 1929, 1963 oder 1982 gebaut wurde: Ein historisches Automobil ist heute kein reines Fortbewegungsmittel mehr, denn was Motorleistung und Komfort angeht, sind ihm die meisten Neuwagen überlegen. Stattdessen ist ein Oldtimer das Kondensat einer Epoche. Der Wagen dient dem jeweiligen Besitzer, so darf die These lauten, als hochglanzpolierte Kindheitserinnerung. Waren Oldtimerliebhaber lang unter sich, hat die Retrowelle vor Jahren alle Lebensbereiche erfasst: Wer liebt sie nicht, die guten Dinge von gestern? Sie klopfen an unsere Türen wie alte Freunde und behaupten, nur kurz weg gewesen zu sein. Während wir inzwischen längst erwachsen geworden sind.

Auch viele junge Menschen richten sich heute lieber mit Möbelklassikern von Oma und Opa ein – obwohl sie noch gar nicht auf der Welt waren, als die heutige Secondhandware entstand. Sie spielen Vinylschallplatten ab und installieren die Foto-App Hipstamatic auf dem iPhone. Im sozialen Netzwerk Instagram legen sie Filter über ihre Fotos, die hochauflösende Aufnahmen mit der körnigen Optik falsch belichteter Polaroids versieht, gekennzeichnet mit dem Hashtag „Vintage“ – eine Art Verschlagwortung, die es Gleichgesinnten leichter macht, entsprechende Beiträge zu finden.

(…)

Text: Sandra Michel
Fotos: Edward Beierle
Styling: Mirjana Kosic

Die ganze Reportage “Rock’n’Roll auf Rädern” finden Sie im ADAC Reisemagazin Dolomiten ab Seite 146. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

 

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