Gegen den Strom


Der Gebirgsbach Sarca versorgt das gesamte Trentino mit Elektrizität. Unser Autor ist ihn entlanggefahren – mit einem Pedelec, das natürlich auch aus der Wasserkraft dieses Flusses seinen E-Motor speist. 

Der Gedanke ist zunächst ein recht merkwürdiger. Ein Fahrrad, das seine Kraft aus einem Gebirgsbach ziehen soll? Das klingt nach Werbeagentur und sehr viel Drogen oder Alkohol, aber so was soll es ja geben. Soll man das Rad vielleicht für fünf Minuten ins kühle Wasser stellen? Damit es wächst? Oder muss der Mensch, der das Bike bewegt, seine Trinkflasche im Bach füllen? Meinetwegen, aber woher sollen dann die Kohlenhydrate kommen, die ich für die bevorstehende Tour eben auch brauche?

Eine simple Antwort auf diese Fragen gibt’s im Wasserkraftwerk in Santa Massenza. Denn genau hier wird der Strom produziert, den ich für das Pedelec brauche, mit dem ich mich auf die Tour machen möchte. Der Energiebetrieb, vor 60 Jahren eröffnet, ist schon deshalb aufregend, weil er einfach in den Berg hineingebaut wurde. Die technischen Daten ( 15 Pelton-Turbinen mit horizontalen Achsen, eine Francis-Turbine mit vertikaler Achse) begeistern vermutlich nur besonders versierte Gäste, aber auch für „normale“ Besucher ist es hochgradig spannend, die 400 Meter durch den Stollengang ins Innere des Felsens zu gehen.

Die dem Felsen abgetrotzte Halle, in der all diese Turbinen stehen, ist größer als so manche Kathedrale. „E-Werke sind auch immer Architekturgeschichte“, erzählt Sandrine Klis, eine Französin, die Deutsch mit italienischem Akzent spricht. Das allerdings in etwa mit der Geschwindigkeit und dem Timbre eines wirbelnden Bergbachs. So erfahre ich also, noch bevor es richtig losgeht, wie wichtig die Wasserkraft für das Trentino ist. Und für Menschen, die Fahrräder mit Hilfsmotoren brauchen. „Es gibt keine Kohle und keine Diamanten, der einzige Reichtum ist Wasser“, erklärt die Frau weiter. Dieser Reichtum werde so konsequent genutzt, dass der in den regionalen Wasserkraftwerken erzeugte Strom den Bedarf im Trentino vollständig abdeckt. Und noch viel mehr.

Doping auf Strombasis?

Tourbegleiter Davide Aldrighetti hat die Bikes bereits angeliefert. Eine ganze Gruppe hat sich für diese Fahrt zusammengefunden, die Davide auf den rechten Wegen führen wird. Die Pedelecs wirken auf den ersten Blick wie handelsübliche Fahrräder mit einem klobigen Kästchen rund um das Tretlager. Und das macht den Unterschied: Dort sitzt der Elektromotor, der mich über vier zuschaltbare Stufen mit Zusatzenergie (Eco, Tour, Sport und Turbo) ausstatten wird. Der Turbo, das sei, so sagt Davide, „als hättest du vier Beine“. Brauch ich das überhaupt? Doping auf Strombasis? Immerhin ist das sogar erlaubt, und spritzen braucht man sich auch nicht zu lassen.

Der erste Stopp erfolgt schon nach ein paar hundert Metern. Er muss aber sein. Denn das Castel Toblino liegt auf einer Landzunge, die einst eine Insel war. Ein Espresso auf der Terrasse samt kostenfreiem Live-Postkartenmotiv ist das Mindeste, was man sich hier erlauben muss. Leider kann man das Kastell offiziell nicht besichtigen, inoffiziell jedoch lässt sich schon etwas machen, wenn man sich recht nett beim Besitzer erkundigt. Er heißt Tullio Fedel und ist ein Vertreter der jüngeren Generation der regional bekannten Familie. Sein Vater kaufte Castel Toblino vor vielen Jahren samt der umliegenden Weinberge als Investment.

Gutes Essen garniert mit Ritterromantik

Tullio trägt Sandalen, eine staubige Jogginghose, Bart und Brille und klemmt sich alle fünf Minuten eine frische Kippe in den Mundwinkel. Und er lebt hier, auf der Baustelle. Seit fünf Jahren. Zwölf Stunden jeden Tag arbeitet er daran, auch am Wochenende, und treibt die Renovierung voran. Fotografieren lassen möchte er sich nicht. Irgendwann will er das Kastell auch für Besucher öffnen. Vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht auch nicht. Das weiß er noch nicht. Erst mal noch eine Zigarette.

Drinnen sieht man unter dem Staub der Jahrzehnte alte Weinfässer, Regale mit vergilbten Schildchen, auf die eine Tuschefeder abenteuerliche Buchstaben geritzt hat, ein Klavier und eine gusseiserne Schreibmaschine, knarzige Betten und schiefe Schränke. Eben kein musealer Burgenkitsch, sondern alles echt, weil es genau so ist, wie es ist, und kein Besucher gelockt werden muss.

Später wird mir Davide zuflüstern, Familie Fedel habe den Ruf, „etwas seltsam“ zu sein. Weniger seltsam ist das Restaurant in der Burg (S. 87), stilecht mit wuchtigen Mauern, Ritterrüstungen und holprigem Boden. Als Chefkoch Stefano Bertoni vor 20 Jahren hier ankam und sich durch die enge Küche winden musste, da war es für ihn ein kleiner Kulturschock. Mittlerweile sind er und das Restaurant weithin bekannt. Tolles Panorama und gutes Essen, garniert mit Ritterromantik – eine ziemlich unschlagbare Kombination.

(…)

Text: Detlef Dreßlein
Foto: Frank Stolle

Die ganze Reportage “Gegen den Strom” finden Sie im ADAC Reisemagazin Dolomiten ab Seite 32. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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