Große Freiheit


Freerider haben das Trentino längst für sich entdeckt. Die Szene trifft sich zum „King of Dolomites“, einem Freeride-Contest für Profis und Amateure.

 

Wer in San Martino di Castrozza den Kopf in den Nacken legt, bekommt eine Ahnung davon, was hier auf Skiern möglich ist. Direkt hinter den Häusern schießen Dolomitenwände senkrecht in den Himmel. Wie Zähne in einem Gebiss reihen sich die Gipfel der Palagruppe aneinander. Dazwischen haben Tausende Jahre Erosion Rinnen und Scharten in den Fels gefräst, eng und schmal zuerst, nach unten hin breiter. Bald wachsen sich die Couloirs, wie die steilen Rinnen im Bergsteiger-Sprech heißen, zu weiten Karen aus und ziehen hinab in den Waldgürtel – die perfekte Umgebung für Skiabenteuer abseits der Piste.

Skifahrer, denen es auf der Piste zu langweilig ist, suchen das freie Gelände, die Ruhe und Abstand zu vollen Abfahrten. Sie starten dort, wo die meisten anderen umkehren. Hier, in San Martino di Castrozza krönt die Freeride-Szene ihren König, den King of Dolomites. Dieses Jahr war es allerdings zeitweise schwierig mit dieser Zeremonie. Der Schnee fehlte. Um ehrlich zu sein: Für Wintersportler war die erste Hälfte des Winters ein Drama. Abseits beschneiter Pisten ging wochenlang gar nichts, vor allem in den Ostalpen. Schwierig für ein Event wie „King of Dolomites“, das auf Naturschnee angewiesen ist.

Eine Passstraße schlängelt sich von oben hinab nach San Martino di Castrozza, Nadelbäume kesseln die Siedlungen ein. Schmale Häuser drängen sich an den Hang, die weißen Fassaden durchsetzt mit großen Bruchsteinen. Ein großes Hotel erinnert an vergangene Tage, als hier reiche Gäste abstiegen. Die Weihnachtsferien sind vorbei, die Ruhe ist zurückgekehrt. In der Ranch Bar, einer Kneipe im Ortskern von San Martino di Castrozza, erzählen Filippo Abfahrten Ongaro und Carlo Zortea die Geschichte von „King of Dolomites“. Countrymusic dringt aus den Lautsprechern, die Kellnerin trägt Burger mit Barbecue-Soße vorbei, Cowboystiefel baumeln von der Decke. Noch gut sechs Wochen bis zum Event.

Von 2009 bis 2012 gab es jeden Winter eine Skitest-Veranstaltung in San Martino di Castrozza. Als sie zu Ende ging, fragten sich Filippo Ongaro und Carlo Zortea: „Hey, warum machen wir nicht was Eigenes? Was Cooleres?“ Die Idee war schnell gefunden: Ein Freeride-Event, das wär’s. Nur: Bei einem klassischen Contest geht es um fahrerisches Können, das ist nur was für die Besten. „Wir brauchen aber was für alle“, sagten sie. Die Lösung: ein Fotowettbewerb. Die Leute gehen ins Gelände und bringen möglichst gute Skibilder mit. Das beste Foto gewinnt und wird King of Dolomites. Und so läuft der Contest mit einigen Änderungen nun auch im vierten Jahr.

Die beiden Männer hinter „King of Dolomites“ verbringen ihr Leben gewissermaßen auf dem Ski. Carlo Zortea, 50, bildet Alpinpolizisten aus, er ist selbst Bergsteiger und hat einen Sponsorenvertrag mit Arc’teryx, einem kanadischen Hersteller von Outdoor-Equipment. Er kommt daher im Bergführerlook, gegerbte Wangen, helle Sonnenbrillenränder um die Augen. Filippo Ongaro, 28 Jahre alt, schwarzer Bart und tiefe Stimme, tritt selbstbewusst auf, und wenn jemand was von ihm braucht, sagt er erst mal ganz entspannt „easy“. Dann setzt er die Dinge in Bewegung. Und meistens laufen sie. Er ist der Macher.

Im Juni 2012 reiften die Pläne für „King of Dolomites“. Carlo mit seinen Kontakten zur Outdoor-Industrie sollte die Sponsoren herbeischaffen, der studierte Betriebswirtschaftler Filippo stellte den Businessplan auf. Auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen schliefen sie im Auto, präsentierten ihr Konzept und schüttelten unzählige Hände. Monatelang bekamen sie keine Rückmeldung. Carlo, Filippo und ihr Team aus ehrenamtlichen Helfern machten trotzdem weiter: Logo, Website, Grafik, sogar die ersten Anmeldungen nahmen sie an, obwohl kein Geld da war.

Die Rettung kam dann zwei Wochen vor dem Event: der italienische Schuhhersteller Scarpa stieg ein. Endlich! 65 Teams starteten im ersten Jahr, das Niveau war gut, „King of Dolomites“ 2013 wurde ein Riesenerfolg.

(…)

Text: Sebastian Nachbar
Fotos: Rasmus Kaessmann

Die ganze Reportage “Große Freiheit” finden Sie im ADAC Reisemagazin Dolomiten ab Seite 88. Das Magazin können Sie hier bestellen.

 

 

 

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.