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In den Alpen ist Fensterln ein uralter Brauch – ein Mannsbild steigt auf einer Leiter hoch zum Zimmer seiner Angebeteten. Heimlich, still und leise, damit es die Eltern nicht mitbekommen. Aber funktioniert so was denn auch in fünf Münchner Hotels?

Panoramafensterln: Zur blauen Stunde auf der Sommerterrasse des Mandarin Oriental Munich.

Panoramafensterln: Zur blauen Stunde auf der Sommerterrasse des Mandarin Oriental Munich.

Mandarin Oriental Munich

März 2013, Polizeieinsatz vor dem Mandarin Oriental Munich. Hunderte Mädchen belagern das Haus in der Annahme, Teenie-Schwarm Justin Bieber sei dort abgestiegen. Oder sind die Beamten hier, weil sich der kanadische Nachwuchs-bad-Guy wieder einmal danebenbenommen hat?

Schade wäre es um die Einrichtung der großzügig geschnittenen Zimmer und Suiten: Möbel aus warmem Kirschbaumholz, Elemente des Biedermeier, Werke des Hongkonger Künstlers Wong Kee und flauschige Orientteppiche – das klingt gewagt, ergibt aber durch das gemeinsame Farbspektrum von Creme- und Naturtönen dann doch ein stimmiges Bild. Und Bieber? Vom vorbildlich diskreten Personal des Hauses gibt es dazu keinen Kommentar. Barchef José L. Garcia Hernandez, der schon vor 20 Jahren im damaligen Hotel Rafael am selben Ort tätig war, kümmert sich lieber um das Wohl seiner Gäste. Der 64-Jährige verkörpert eine gute Mischung aus Freundlichkeit und Kompetenz. „Manche Gäste möchten ihren White Russian nur von mir gemixt haben. Wenn ich nicht im Dienst bin, verzichten sie lieber und kommen ein anderes Mal wieder.“ Niemand anders könnte das glaubhafter rüberbringen. Und doch gibt es einen kleinen Makel am Mandarin Oriental: Fensterln ist extrem schwierig geworden, seit das Gerüst an der Fassade des frisch renovierten Hauses entfernt wurde.

 

Louis Hotel

Doppelfensterln: Das Louis Hotel mit Blick auf den Viktualienmarkt.

Doppelfensterln: Das Louis Hotel mit Blick auf den Viktualienmarkt.

Wenn ein Design- und Architekturstar wie Matteo Thun die Ästhetik eines Hauses lobt, ist das eine echte Auszeichnung. Über das Louis Hotel sagte der Südtiroler, es sei so zeitlos gebaut, dass es kein ästhetisches Verfallsdatum habe. Wie wahr: Die Fassade zum Viktualienmarkt mit dem senkrecht eingravierten Schriftzug „HOTEL“ hat eine klare Linienführung, in den Zimmern mischen sich geölte Eichendielen, bunte Kelims, italienische Stoe und grazile Möbel zu einem stilsicheren Ganzen. Das Thema Reisen zeigt sich in Details wie angedeuteten Stuckleisten an Decken und Wänden, die das Gefühl vermitteln, man logiere in einem gigantischen Koffer von Louis Vuitton. Als Gepäckstück gestaltet ist auch ein Schrank, hinter dessen Türen sich Minibar, DVD-Spieler und Fernseher verbergen. Nico Rasp, Direktor des Hauses, macht es sichtlich Spaß, das Möbel vorzuführen. „Wir haben ganz bewusst den Fernseher in den Schrank gestellt und auf Bilder an den Wänden verzichtet, weil unsere Gäste das Louis als Rückzugsort schätzen. Bei uns können sie der ständigen Reizüberflutung entfliehen.“

Von den kleinen Balkonen der Market-Deluxe-Zimmer im sechsten Stock geht der Blick bis hinüber auf die Zugspitze und schier unendlich weiter nach Westen – diese optischen Reize lassen sich Gäste dann wirklich gern bieten. Aber fensterln? Dazu müsste man schon Beziehungen zur Feuerwehr haben, damit diese eine extralange Leiter ausfährt.

 

Sofitel Bayerpost

Dachschrägenfensterln: Erfolgreicher Einstieg in die Naturelle Suite des Sofitel Munich Bayerpost.

Dachschrägenfensterln: Erfolgreicher Einstieg in die Naturelle Suite des Sofitel Munich Bayerpost.

„Ja, ich will!“ Für Romantiker gibt es im Sofitel Bayerpost einen ganz besonderen Ort: Das Haus neben dem Hauptbahnhof hat die einzige Münchner Hotelsuite mit rundem Bett. „Und die ist sehr beliebt für einen Heiratsantrag!“, verrät Jeannine Kalthoff, die PR-Dame des Hauses. Im orientalischen Ambiente der Sheherazade-Suite, zwischen cranberryfarbenen Polstermöbeln, rot gestrichenen Wänden und Leuchtobjekten aus Hunderten einzelnen Lichtpunkten, ist ein „Nein“ tatsächlich schwer vorstellbar. Nach erfolgreicher Brautwerbung buchen manche Paare die 662 ein zweites Mal: für die Flitterwochen. Wer Wert auf Aussicht legt, zieht in eine der So-Fit-Suiten, die über zwei Etagen gehen und durch große Dachschrägenfenster den Blick auf die Alpen freigeben. Eigentlich handelt es sich um einen Neubau in historischer Hülle: Als das im Stil der Neorenaissance fertiggestellte Haus Jahre später als Postgebäude ausgedient hatte, ließen es die Architekten Fred Angerer und Gerald Hadler entkernen und mit vier Metern Abstand zu den Außenmauern das Hotel einbauen. Und ja, wer es darauf anlegt, könnte dank der Feuerleitern im Innenhof hier hervorragend die Tradition des Fensterlns pflegen.

 

Anna Hotel

Badfensterln: Eine wahre Schaumschlägerin im Anna Hotel.

Badfensterln: Eine wahre Schaumschlägerin im Anna Hotel.

Michael Geisel kann zupacken. Nicht nur äußerlich traut man ihm das zu, auch als Geschäftsmann hat er einen sicheren Instinkt, Chancen zu erkennen und zuzugreifen. Etwa, als an der Gabelung von Schützen- und Bayerstraße das Pini-Haus entkernt wurde. Schon im September eröffnete hier das Anna Hotel, benannt nach Anna Geisel aus der ersten Generation der Münchner Gastronomen- und Hoteliersfamilie. „Wir wollten uns nicht kannibalisieren“, antwortet Mehrfachhotelier Geisel auf die Frage, wieso nach dem gediegenen Excelsior, dem Luxushotel Königshof und dem als City-Hotel konzipierten Cosmopolitan nun Design im Vordergrund stehen sollte: „Etwas Schickes im 4-Sterne-Bereich hat gefehlt.“ Der Plan ging auf, das zeigt sich am besten im Badezimmer der Turmsuite im sechsten Obergeschoss. Es liegt in der Rundung des Gebäudes Richtung Karlsplatz und ist eigentlich eine Lichtinstallation mit frei stehender Wanne. Von der aus lässt sich der Raum in helles Rot, intensives Blau oder kühles Weiß tauchen, und es können unterschiedliche Abfolgen programmiert werden. Aber der Fensterln-Faktor? Eher mäßig – mit einem der verkehrsreichsten Plätze Münchens im Rücken eine Leiter an das Gebäude zu lehnen und hochzusteigen wäre geradezu tollkühn.

 

Flushing Meadows Hotel & Bar

Fensterlnbretter: Die Terrasse des Flushing Meadows Hotel & Bar ist mit Holzdielen ausgelegt.

Fensterlnbretter: Die Terrasse des Flushing Meadows Hotel & Bar ist mit Holzdielen ausgelegt.

„Ich will ein japanisches Zimmer – macht mal!“ So ungefähr lautete die Antwort der Münchner Barlegende Charles Schumann. Das Architekten- und Gastronomentrio Steffen Werner, Sascha Arnold und Niels Jäger hatte ihn eingeladen, eines der vier Meter hohen Loftstudios ihres Hotelprojekts an der Fraunhoferstraße zu gestalten. Andere „Teilzeitdesigner“ waren in ihren Vorstellungen konkreter – und kritischer. Schauspielerin Birgit Minichmayr etwa gab ihren Segen erst, nachdem das etwas nüchtern ausgefallene Studio mit einem antiken Teppich und einer Sitzbank wohnlicher gemacht worden war. Doch nicht nur Künstler zeigten sich konstruktiv und kreativ: „Wir haben auch Konrad Dengler, unseren Haustechniker, gefragt, ob er mitmachen mag. Ohne den läuft hier sowieso nichts“, gibt Sascha Arnold zu. Herr Dengler wollte und baute in die 307 eine Dusche ein, in der das Wasser aus 4,30 Metern Höhe wie im Regenwald herabrauscht. In der vierten Etage liegen die lichtdurchfluteten Penthouse-Studios mit Möbeln aus schwarz gebeizter Seekiefer, Armaturen aus trendigem Kupfer, mit Illustrationen und Gemälden des jungen Berliners Maximilian Rödel. Bei den drei Penthouses mit Terrasse wäre Fensterln möglich – in der Horizontalen: Die Abtrennung vom Außenbereich der Bar sieht eher symbolisch aus und besteht aus einer dicken Kordel. Darüberzusteigen, wenn aus einer spontanen Begegnung bei Enzianlikör mehr wird, ist auf jeden Fall ungefährlicher, als an der Fassade hochzukraxeln.

(…)

Text: Helmuth Meyer
Fotos: Sorin Morar
Produktion: Laura Düker

Die ganze Reportage „Windows 5“ finden Sie im ADAC Reisemagazin München ab Seite 104. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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