Alles am Fluss


Seit die Isar aus ihrem Betonkorsett befreit wurde, wächst hier eine neue Artenvielfalt – nicht nur in Flora und Fauna: Fischer und Stadtindianer, Picknicker und Partymenschen genießen das Lebensgefühl am Ufer.

Kanada kann nicht viel anders sein. Man steht in der Mitte des Flusses. Die Strömung reißt an den Beinen und unterspült die Füße. Man wirft die Fliegenschnur aus. Wie ein Notenschlüssel schreibt sich ihre dünne Glitzerlinie in den Morgenhimmel. Um einen herum nichts als das satte Grün der Bäume. Und das alles mitten in der Stadt.

„Man ahnt sie eher, als dass man sie sieht“, sagt der Isarfischer mit dem unglaublichen Namen Franz-Xaver Huber. Wer so heißt, kann fast nicht anders als ein stolzer Bayer sein. Bei Huber reicht die Liebe über bloße Heimatverbundenheit hinaus. Sie gilt dem Fluss, an dessen Ufern er aufgewachsen und der sein Leben ist. „Ein Tag ohne Isar“, sagt der Fischer, „ist kein guter Tag.“ Er spricht nicht nur für sich. Wohl keine Stadt der Welt pflegt ein so inniges Verhältnis zu ihrem Fluss wie München. Seit er nach Abschluss der Renaturierung 2011 aus seinem Betonkorsett befreit wurde, siedelt sich dort eine neue Artenvielfalt an, die ihresgleichen sucht. Nicht nur, was Flora und Fauna betrifft. Auch menschlich.

Fischfang am Fluss

Nun, wer die Isar erkunden will, macht das am besten mit dem Rad. Wir starten am Südrand der Stadt. Am frühen Morgen treffen wir Franz-Xaver Huber ein Stück unterhalb der Großhesseloher Brücke. Breit strebt die Isar der noch unsichtbaren Stadt entgegen, gerahmt von ausladenden Auen und baumdichten Hochufern. Hier beginnt der acht Kilometer lange, renaturierte Abschnitt, an dem Stadtplaner aus aller Welt die Erfolgsgeschichte eines rückverwandelten Gebirgsflusses bestaunen, der neues Leben in der Stadt verströmt.

Huchen gebe es seit einiger Zeit wieder, erzählt der Fischer, während er einen Fliegenköder an dem Haken befestigt, um die Schnur im weiten Wurf über das flirrende Wasser zu lassen. Lange Zeit waren die zur Familie der Lachsfische zählenden Huchen in der Isar verschollen. Vergangenen Winter hat Huber ein 1,17 Meter langes Exemplar geangelt, sein bislang größter Fang. Aber ihm geht es nicht um Trophäen, mehr um das Leben im Fluss. Sein Verein „Die Isarfischer“ setzt jedes Jahr eine Tonne neuen Laichbesatz ins Wasser – Bach- und Regenbogenforellen und Huchen. Die Angelquoten sind begrenzt auf 25 Fische pro Mitglied und Jahr. Wenn Huber einen besonders dicken Fisch am Haken hat, „eine wunderschöne Forelle mit klaren Augen und einem von Laich prallen Bauch“, lässt er sie meist wieder aus – und kauft sich einen Fisch auf dem Viktualienmarkt. „Die Renaturierung ist das eine“, sagt er, „aber wir müssen auch um das natürliche Gleichgewicht ringen.“

Indianerzelte am Isarufer

Zum Gleichgewicht der Isar, die auch in der Stadt als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist, gehören viele, und das macht das Ringen zur ehrgeizigen Aufgabe. Fischer, Bootsfahrer und Badende. Griller, Surfer, Naturschützer und Anwohner. Sogar Cowboys und Indianer zählen zu der eigentümlichen Artenvielfalt. Andi Schneider lehnt an einer Saloontür, den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Er ist Sprecher des Münchner Cowboy-Clubs, der an der Floßlände residiert, ein paar Minuten stadteinwärts von Hubers Angelstelle.

Die wenigsten Münchner kennen dieses eingewachsene Areal am Ufer, auf dem Blockhütten und Indianerzelte stehen und es immer nach Pferdedung riecht. Dabei gäbe es viel zu entdecken. Einen Saloon, wie aus einer Westernstadt geklaut. Einen Cowboy, der Lasso werfen und auf Ahnenart Felle gerben kann. Indianer, die vor ihren Tipis sitzen und sich unterhalten. In tiefstem Bairisch natürlich. „Wir sind ein kulturhistorischer Verein“, erklärt Andi, der seit 30 Jahren das alte Leben im Wilden Westen so original wie möglich nachstellt.

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Text: Barbara Esser
Fotos: Dietmar Denger

Die ganze Reportage „Alles am Fluss“ finden Sie im ADAC Reisemagazin München ab Seite 31. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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