Wimmel auf Erden


Die berühmten Wimmelbücher von Ali Mitgutsch fanden vor fast fünf Jahrzehnten ihren Ursprung in München. Der Fotokünstler Simon Gallus hat diese Kunstform für uns noch einmal zeitgemäß interpretiert.

Schon klar. So im Nachhinein. Wo sonst hätte man die berühmten Wimmelbilder denn erfinden sollen? Womöglich in Pforzheim? Oder in Hannover? In Bielefeld vielleicht? Wer einmal bei schönem Wetter auf dem Münchner Viktualienmarkt war, der weiß doch ganz genau, was gemeint ist. Oder am Marienplatz, auch ohne die obligatorische Meisterschaftsfeier des ortsansässigen Fußballklubs. Was ist mit der Kaufinger Straße und deren Verlängerung, der Neuhauser Straße?

Es heißt, erfahrene Einheimische nähmen an einem Samstagmorgen für die wenigen hundert Meter zwischen Marienplatz und Stachus die U-Bahn, schlichtweg, weil sie Angst hätten, sie könnten in dem Trubel stecken bleiben und aus diesem Grund abends die Sportschau verpassen. An manchen Tagen, insbesondere vor Weihnachten und bei Schlussverkäufen, wimmelt es derart, dass Gerüchte umgehen, die Stadtverwaltung hätte in nicht-öffentlichen Sitzungen schon einmal darüber nachgedacht, den Fußgängerverkehr in Münchens sogenannter Einkaufsmeile mit einer Ampelanlage zu regeln – in etwa so wie bei einem einspurigen Autotunnel in den Alpen.

Mancherorts, genauer gesagt auf der Theresienwiese, wimmeln die Menschen zwei Wochen lang sogar auf allen vieren, vornehmlich zwischen Mitte September und Anfang Oktober – zusammen mit fünf bis sechs Millionen anderen Biertrinkern. Das geschieht zugegebenermaßen nicht ganz freiwillig und ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass viele nach der fünften Mass mit dem Zählen aufgehört haben. Ebenfalls unfreiwillig.

Wimmel reloaded

Wie auch immer: Ali Mitgutsch, heute 80 Jahre alt, konnte eigentlich nur in München die Idee zu dieser lustigen Kunstform haben. Der Mann wurde schließlich 1935 in München geboren, während des Krieges aus Angst vor den Luftangriffen für einige Zeit an das Allgäu „verliehen“, um nach 1945 wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren. Und hier, in München, hat er dann im Jahr 1968 sein erstes Wimmelbuch vorgelegt.

Nicht unbedingt aus eigenem Antrieb, wie man heute weiß. Der damalige Direktor des Stadtjugendamtes hatte den Künstler seinerzeit gebeten, ein Bild zu malen, „auf dem ganz viel drauf ist“. Und, na ja, mit dem doch recht einfachen Konzept hat der Münchner am Ende gut 6,5 Millionen Bücher verkauft. Wäre Ali Mitgutsch damals, nach dem großen Krieg, im Allgäu hängen geblieben – es ist nicht auszudenken, was Kindern und Eltern in den zurückliegenden Jahrzehnten gefehlt oder was der Künstler womöglich stattdessen gemalt hätte: vielleicht einsame Kühe im Kleinwalsertal oder röhrende Hirsche unterhalb der Trettachspitze. Ein grausamer Gedanke, egal was es geworden wäre.

Es musste also ganz einfach diese Stadt sein, die lebt und in der die Menschen auch wirklich leben. Also leben im besten Wortsinn, nicht hausen oder gar vegetieren. Dieses Leben hat Ali Mitgutsch zu einem renommierten Kinderbuchautor gemacht und letztlich auch unseren Fotografen Simon Gallus dazu inspiriert, die lieblich-anarchistischen Wimmelbilder seines Erfinders in eine zeitgemäße Interpretation zu überführen – gewissermaßen in Wimmel 2.0 oder, wer mag, Wimmel reloaded.

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Text: Michael Gösele
Fotos: Simon Gallus

Die ganze Reportage „Wimmel auf Erden“ finden Sie im ADAC Reisemagazin München ab Seite 131. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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