Barfuß in die Nacht


Zu einem andalusischen Sommer gehören Sonne und Meer. Und Chiringuitos. In den einfachen Strandbars gibt es alles: frisches Essen, kühle Getränke, rhythmische Klänge – und viel Freiheit

Klare Töne schweben über den Sand, lassen die Sonne am Horizont vibrieren. Für Minuten verwandelt sich der Strand in einen Konzertsaal. Keine Wände, keine Mauern fangen die Musik ein. Die elektronische Welle zieht wie eine sanfte Meeresbrise über die Terrasse und erfasst die braun gebrannten Körper in einer Woge. Natur und Bar-DJ geben alles, um den Moment für Augen und Ohren greifbar zu machen. Bis der rote Ball im glitzernden Wasser versinkt.

Antonio lehnt sich zufrieden zurück. Genau so funktioniert ein Sonnenuntergang im Chiringuito. Zumindest in seinem, dem Club 7 in Tarifa. „Ein Abend an diesem Ort berührt jeden Menschen. Unsere Gäste nehmen eine positive Erinnerung und Energie mit nach Hause“, philosophiert der Engländer mit italienischen Wurzeln. Schon vor Jahren hat er seiner Heimat den Rücken gekehrt. Warum hier, warum eine Strandbar? Lässig beugt er sich über das hölzerne Geländer. Nichts scheint den Surfer aus der Ruhe zu bringen – die andalusische Lebensart hat er zu 100 Prozent angenommen. Grüne Augen strahlen aus dem von Sonne und Wind gezeichneten Gesicht. „Der Strand hat etwas Magisches. Ich möchte, dass hier im Sommer so viele Menschen wie möglich zu guter Musik in den Sonnenuntergang tanzen!“ Sein Blick wandert über die weiße Fläche. Vor der Holzterrasse bewegen sich Menschen rhythmisch im Sand, sie scheinen seinen Willen zu befolgen. Die Landschaft liegt wie ein Gemälde vor der Bar.

Nur, was ist das überhaupt, ein Chiringuito? Das würde der unbefangene Urlauber vorsichtig fragen. Hombre, das weiß man doch, entgegnet der Spanier. Aber na ja, bueno, wie soll man das erklären? Für Antonio ist es ein Elektroclub im Sonnenuntergang. Für andere eine einfache Strandbar aus Holz, ein schattiger Platz für Drinks. Oder ein Strandrestaurant für den Sommer. Viele unterschiedliche Möglichkeiten – eine grundlegende Haltung: Denn ein Chiringuito ist vor allem ein Versprechen. Ein Versprechen von Freiheit, das Hunderte Hütten an der 100 Kilometer langen Küste zwischen Cádiz-Stadt und Tarifa im Sommer halten. Und das seit einer halben Ewigkeit.

Angefangen hat alles vor gut 200 Jahren als spanisches „Fast Food“ – der schnelle Imbiss. Damals begannen die Fischer, die Reste ihres Tagesfangs am Strand zu verkaufen. Grill und Holzhütte kamen dazu, die Fische landeten direkt auf den Tellern der Gäste, und die Einheimischen hatten etwas, was man heute wohl als Strandbar bezeichnen würde. Selbst Marketingprofis hätten sich kein besseres Konzept einfallen lassen können: Sardinen in den Magen, kaltes Bier auf die Zunge und Füße in den Sand. Effektiv und ohne Schnörkel.

Vieles hat sich in den 200 Jahren zwar verändert, manches jedoch nicht. Sardinen gibt es immer noch. Mittlerweile werden zum Bier häufig auch Mojitos, DJs, Salsabands und Livekonzerte geboten. Denn von Freiheit allein, das sagt der Geschäftssinn, wird keiner satt – oder angeheitert. Jedem seine Mischung. Alles geht. Nur in einem sind sich alle einig: Ein Sommer ohne Chiringuito ist kein Sommer.

Genauso sieht das auch Juan Calderón Díaz. Mit einem Bier in der Hand hat er es sich hinter dem Tresen des Tamarindo-Chiringuito bequem gemacht. Surfboards lehnen an der Wand. Es riecht nach Mango, Erdbeeren und Minze. Berge von Früchten warten darauf, sich in Sundowner-Cocktails zu verwandeln. „In den Anfangsjahren gab es in den Bars nur lange Haare, nackte Hintern und dicke Joints.“ Juan, dessen Eltern in den Siebzigerjahren dem Ruf der Wellen und der Wildnis an die Küste folgten, grinst. Damals ließen sich hier zahlreiche spanische Musiker und Künstler nieder. Das Erbe seiner Eltern scheint in ihm weiterzuleben. Dichter Bart, wilde Locken und keine Schuhe. Chiringuitos wurden zu Institutionen für Bohemiens und Aussteiger, die lieber den Sand zwischen den Zehen spüren wollten, als den Zwängen der Großstadt zu folgen. Für den 24-jährigen Juan Cádizist das Kindheitserinnerung und Zukunft gleichermaßen. Entspannte Reggaemusik flüstert aus den Boxen im Sand, der Bart bebt im Wind. Laute Tanzabende gibt es hier nicht. „Hombre! Was mich nervt, ist, dass viele Menschen heute die Essenz eines Chiringuito nicht mehr verstehen. Hier geht es um Freiheit und entspannte Nächte. Nicht um Profit und Massenclubs!“

(…)

Text: Barbara Meixner
Fotos: Kristina Fender

Die ganze Reportage „Barfuß in die Nacht“ finden Sie im ADAC Reisemagazin Andalusien ab Seite 42. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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