Eiskalt erwischt


Andalusien ist nicht nur Hitze, Strand und Meer. In der Sierra Nevada, unweit der Küste, kann man auch Ski fahren. Mit Blick auf das Mittelmeer – und manchmal darüber hinweg bis nach Afrika.

Afrika also. Tropen, Regenwald, endlose Savannen und flirrende Hitze, all das sehe ich nicht im Geringsten. Da kann Sebastian noch so seelenruhig in die Ferne schauen und irgendwo hindeuten, es ist nicht da. Dabei sollte es doch. Irgendwie. Vom Gipfel des Mulhacén, des höchsten Punkts Andalusiens und, ach, überhaupt der gesamten Iberischen Halbinsel, sieht man bis Afrika. Heißt es. An guten Tagen. Wir allerdings sind schon froh, dass wir ein paar Meter über unsere Skispitzen hinausblicken. Die Sierra Nevada macht auf ihrem höchsten Gipfel ihrem Namen alle Ehre. Weiß von oben, von unten, von links und von rechts. Der Wind pfeift uns bei schneidigen Minusgraden um die Ohren. Genau genommen könnte gerade nichts ferner liegen als dieses verdammte Afrika. Ein guter Tag ist das also nicht. Meteorologisch betrachtet. Für die Seele, den sportlichen Ehrgeiz, den inneren Ausgleich ist er gar nicht so schlecht.

Andalusien, das ist weite Steppe, Strand, Meer und Hitze – der Brückenschlag zwischen Europa und Afrika eben. Es ist aber auch Schnee, steile Felswände, eisiger Wind und Minusgrade bis weit ins Frühjahr hinein: Das andere, bissige Andalusien erhebt sich im Osten, in der Sierra Nevada. 3482 Meter liegen zwischen dem Meeresspiegel und ihrem höchsten Punkt – das sind gut 500 Meter mehr als bei Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Und dort hinauf, auf den Mulhacén, wollen wir auf Skiern. Sebastian, der Berg-, Wetter- und Materialexperte, und ich, der, na ja, andere eben.

In Málaga, wo die Temperaturen auch im April oft schon auf über 30 Grad steigen, startet die Reise wenig winterlich. Vorbei an Kakteen, Feigenbäumen und Orangenständen am Straßenrand geht es gemütlich nach Osten, an der Küste entlang. Dann scharf links ab Richtung Berge, hinein in die weißen Dörfer der Alpujarras, begleitet von üppigem Grün und hellen Fassaden. Beides Überbleibsel der Mauren, die sich nach ihrer Vertreibung aus den großen Städten der Gegend in die Bergregion zurückzogen und dieser noch gut 100 Jahre ihren Stempel aufdrückten. Sie hinterließen eine Architektur und ein Bewässerungssystem für den Ackerbau, die in dieser Form wohl sonst nur in Nordafrika vorkommen. Ein bisschen weniger Weiß an der Hauswand und ein bisschen mehr unter den Füßen würden wir uns allerdings wünschen, als wir am Wasserkraftwerk von Capileira loslaufen, mit den Skiern auf dem Rücken, stur aufwärts Richtung Talende.

„Hier um die Ecke. Zehn Minuten noch, da ist Schnee“, verspricht Rafael Quintero, Wirt des Refugio Poqueira, als wir drei Stunden und 1000 Höhenmeter später etwas müde vom Tragen der Skier auf seiner Hütte ankommen. Ich überlege angesichts der grünen Wiesen vor der Tür, ob er möglicherweise einfach Spaß daran hat, Touristen auf den Arm zu nehmen. Aber Rafael, mittleres Alter, kurz geschorene Haare, Brille, knappes Kinnbärtchen und hip verschnörkeltes Hüttenlogo auf dem Shirt, lächelt freundlich und schaut, als meine er das ernst. Auch die anderen Hüttengäste sind nicht sonderlich beeindruckt von unseren Skiern; an der Wand hängen Holzbretter aus den Fünfzigerjahren, wie es sich für eine ordentliche Skihütte gehört. So falsch kann die Idee also nicht sein.

(…)

Text: Fabian Herrmann
Fotos: Rasmus Kaessmann

Die ganze Reportage „Eiskalt erwischt“ finden Sie im ADAC Reisemagazin Andalusien ab Seite 30. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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