Staatussymbol


Die Parador-Hotelkette gehört dem Königreich Spanien. Wer hier logiert, begibt sich gewissermaßen in die öffentliche Hand – und erkennt, dass Behörden etwas ganz Außerordentliches und Wunderbares sein können

Wer normalerweise in einer staatlichen Einrichtung übernachtet, tut das in der Regel in einem Gefängnis, einer psychiatrischen Landesklinik oder in einer Militärkaserne. Kaum einer macht so etwas freiwillig, und schon gar nicht im Urlaub. Nicht so in Granadas sagenhafter Stadtburg, der maurischen Alhambra. Hier gibt es, wie in vielen anderen spanischen Städten, ein Parador-Hotel, und zwar inmitten einer historischen Festungsanlage. Berühmtheiten pilgern hierher, Regierungsvertreter aus Ländern wie Mexiko oder dem Iran, und alle wollen von diesem Konzept lernen. Denn es ist ein staatliches Hotel, ein Staatsbetrieb – das Personal arbeitet gewissermaßen im öffentlichen Dienst. Oben am Berg der Alhambra thront das einstige Kloster San Francisco aus dem 15. Jahrhundert. Seit dieser Zeit wurde das Gebäude ganz unterschiedlich genutzt: als königliche Grabstätte, als Kaserne (!) und als Residenz für Landschaftsmaler – bis es 1944 in ein Hotel verwandelt wurde. Und in was für eins!

Die Geschichte der Paradores begann 1926, als der Königliche Tourismusbeauftragte Don Benigno de la Vega-Inclán am Hof in Madrid vorschlug, staatliche Hotels zu gründen. Damit wollte er eine neue Infrastruktur für Reisende schaffen und das Spanienbild der ausländischen Besucher verbessern. König Alfonso XIII. gefiel der Vorschlag, und als begeisterter Jäger eröffnete er 1928 den ersten Parador in einem früheren Jagdhaus im Gebirge der Sierra de Gredos, 160 Kilometer westlich von Madrid. Bald erkannte der König, dass auch denkmalgeschützte Bauwerke als Hotels geeignet waren. Eine kluge Idee. So konnte er eine Nutzung für alte Schlösser und Burgen schaffen und Einnahmen für deren Unterhalt generieren. Es entstanden weitere Hotels, in einem Palast in Úbeda und einem Kloster in Mérida – das Parador-Konzept war geboren: eine königliche Hotelkette in alten Prunkbauten.

Bis heute ist das Netz auf 94 Häuser in Spanien gewachsen. Einer der bekanntesten ist der Parador in der Alhambra. Hoteldirektor Juan Carlos Sánchez Gálvez, ein vornehmer Herr mit kurzen, grauen Haaren, zeigt stolz den Innenhof voller Mosaike, die plätschernden Brunnen, die Überreste einer klösterlichen Kapelle und die üppigen Gärten … „Wir haben hier natürlich Glück mit der Lage“, unterbricht Direktor Sánchez die unglaubliche Ruhe. Die Umgebung sei ein Grund, warum auch Grace Kelly und Kofi Annan hier gewohnt hätten oder Michelle Obama für den Geburtstag ihrer Tochter Sasha mit Freunden gekommen sei. „Auch Helmut Kohl war mal hier“, erzählt Sánchez weiter, „für den mussten wir ein spezielles Bett besorgen, weil der so groß ist.“ Das ist öffentlicher Dienst in einer neuen Auslegung.

Interessant am Parador-Konzept: Zum einen zogen in Städten wie Granada Sehenswürdigkeiten so viele Besucher an, dass dort in einem historischen Bauwerk ein Gästebetrieb gegründet wurde; in anderen Orten hingegen wurden weniger bekannte Gebäude zu einem Parador-Hotel, das mit seinem Ruf Reisende erst anlockte.

In Ronda, einem Städtchen mit 35 000 Einwohnern, präsentierte vor gut 20 Jahren der Bürgermeister Juan Fraile einen Plan für das Rathaus, das spektakulär an einer steilen Felsschlucht lag: Er wollte die Stadtverwaltung verlegen und das Rathaus in einen Parador verwandeln. Der Plan ging auf, und 1994 eröffnete das Hotel. Tatsächlich ist die Zahl der Besucher rasant gestiegen: Als die Stadt 2002 erstmals Gästezahlen erfasste, übernachteten dort bereits 140.000 Besucher innerhalb eines Jahres. 2014 waren es schon mehr als 230.000, die Zahl der 4-Sterne-Hotels wuchs auf zwölf. Eines davon ist der Parador mit 78 Zimmern und einer grandiosen Sicht in die Schlucht.

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Text: Janek Schmidt
Fotos: Javier Callejas Sevilla

Die ganze Reportage „Staatussymbol“ finden Sie im ADAC Reisemagazin Andalusien ab Seite 96. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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