Schnell verfahren


Der endlose Strand von Sankt Peter-Ording ist eines der weltbesten Reviere zum Strandsegeln. Dabei geht es mit bis zu 120 Stundenkilometern übers Watt – und durch die Priele.

Vergangene Nacht sind sie wieder versackt in dem umgebauten Linienbus, der sie zu den Rennen begleitet, mit Sofa, sattem Sound und Flatscreen. Dort liefen die Fotos der Weltmeisterschaft 2014 in Schleife, Bilder von einem Salzsee in Nevada. Der Kühlschrank, unerschöpflich – Bier und Rum Cola, nie versiegend. Viele waren erst am Morgen im Bett, aber nun haben sich alle aufgerafft. 44 Männer und Frauen aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Griechenland und der Schweiz starten zum ersten Renntag der Pfingstregatta, dem Saisonhöhepunkt in Sankt Peter-Ording, Hotspot der deutschen Strandsegler.

Die Piloten schieben ihre Strandyachten aus dem Hafen, springen auf und lassen sich vom Wind auf ein Meer aus Sand tragen. Das Wasser hat sich zurückgezogen, der Strand scheint endlos. In den Karosserien liegend, kreuzen sie nach Süden, vorbei an dem Wohnmobilcamp, vorbei an den Pfahlbauten, vorbei an einer Robbe, die auf dem Trockenen liegt. Es ist acht Uhr morgens, Ende Mai, gefühlter März, jede Böe eine kalte Ohrfeige.

Draußen in der Strandwüste parken die Piloten ihre Boliden. Aus einem Megafon krächzt eine Stimme: „Briefing Klasse zwei und drei!“ Die Fahrer bilden einen Kreis, sie tragen einen Rennanzug und halten ihren Helm unterm Arm. In der Mitte steht der Rennleiter, ein ergrauter Haudegen, auf den jeder hört, weil er schon vor 50 Jahren quer durch die Sahara gesegelt ist. Mit dem Stiel einer Fahne malt er den Kurs in den Sand: Vier Kilometer sind es vom nördlichen Wendepunkt zum südlichen, den sie Mallorca Point nennen, weil er so weit im Süden liegt. Dann stochert der Rennleiter in der Mitte des in Sand gemalten Kurses. „Nach eineinhalb Kilometern kommt ein Loch“, sagt er. „Nicht da reinballern!“ Der scheinbar makellose Strand: Auf den zweiten Blick ist er eine Buckelpiste. Das ablaufende Wasser spült Rinnsale in den Sand, manche Priele sind einen Meter tief. Bei 120 Sachen, so schnell werden die Segler, kann das verheerend sein.

Deutschland gegen Belgien
„Noch Fragen?“, brummt der Rennleiter. „Gut, dann könnt ihr euch fertig machen. Sobald der Krankenwagen da ist, fangen wir an.“ Die Fahrer setzen den Helm auf und gehen auf ihre Startposition. Der Krankenwagen kommt. Aus dem Megafon dröhnt der Countdown, eine Minute, 30 Sekunden, fünf Sekunden. Dann fährt die rote Fahne hinab, und die Piloten rennen los und springen ins Cockpit wie Bobfahrer.

An der nördlichen Wendemarke warten in einem Geländewagen drei blonde Frauen, die Pointer Sisters. Sie stoppen die Zeit, 20 bis 30 Minuten pro Rennen, und notieren die Startnummern, aber die meiste Zeit funken sie albernes Zeug an den Streckenposten und gackern. Ein bisschen Spaß gegen die Langeweile auf den Listen – denn die ersten Nummern, die sie notieren, sind immer dieselben: G 1, Germany; B 21, Belgium.

Mit flüsternden Reifen fliegt der rote Flitzer mit der Nummer 1 vorbei. Wenn es am Strand eine Ideallinie gäbe, würde er sie fahren: Hans-Werner, 55, gescheitelter Modevertriebsleiter. Sankt Peter-Ording ist sein Revier. Er ist hier aufgewachsen und segelt an dem Strand seit seiner Kindheit. 25-mal Deutscher Meister, 4-mal Europameister. Verfolgt wird er von einer schwarzen Yacht mit der Nummer B 21. Zentimetergenau nimmt sie die rot-weiße Wendefahne, legt sich hart in den Wind, hebt mit einem Rad ab und schießt davon. Das ist Ivan, 48, belgischer Bauunternehmer und amtierender Internationaler Deutscher Meister.

Höchstgeschwindigkeit: 94 Kilometer
Für alle anderen geht es nicht ums Gewinnen. Ihr Abstand zu den beiden Führenden ist schon nach der ersten Runde riesig. Da ist der Zahnarzt, den sie Doktor Beule nennen, seit er mal von Mücken zerstochen wurde, und der, bestens ausgerüstet, dem Feld hinterherfährt. Da ist der Wirtschaftsredakteur, der mit seinen Kumpels vor fünf Jahren einen Strandsegelkurs gemacht hat und schon kurz darauf bei der EM mitsegelte, weil das Teilnehmerfeld so klein war, dass sie jeden Starter brauchten. Da ist der Kaufmann aus Kiel, italienischer Honorarkonsul in seiner Heimatstadt, der seine schwergängige Yacht zu einem Silberpfeil umlackierte und sich die Startnummer 205 in Grün-Weiß-Rot auf die Segeldaunenjacke sticken ließ.

Blickt man von der nördlichen Wendemarke zur südlichen, dem fernen Mallorca Point, glänzt der Sand wie Wasser. Die Strandyachten segeln durch eine Fata Morgana, hinter ihnen breitet ein Krabbenfischer seine Fangarme aus. Hans-Werner und Ivan haben mittlerweile das halbe Feld überrundet. Mit knatternden Segeln donnern sie heran. Einen Moment lang sieht man nur noch die Spitze der Masten, den Piloten peitscht das Wasser gegen das Visier. Doktor Beule, dem lahmen Zahnarzt, scheint die Sicht verschwommen: Er säuft in einem Wasserloch ab, steigt aus und muss schieben.

Am Ende des ersten Rennens wird die schwarz-weiß karierte Fahne geschwenkt: G 1 vor B 21, Hans-Werner vor Ivan. Die beiden Kontrahenten steigen aus, nehmen den Helm ab, ihre Haare sind nass, die Rennanzüge triefen. Hans-Werner klopft Ivan auf die Schulter und lacht, breit und rau. Dann zieht er sein Smartphone aus der Tasche, per GPS hat er seine Fahrlinie und die Höchstgeschwindigkeit aufgenommen: 94 Stundenkilometer.

Der Nudist, der sich mitten auf der Piste sonnte
Das dritte Rennen ist das härteste: Der Wirtschaftsredakteur verliert einen Reifen, dem Honorarkonsul aus Kiel bricht das Vorstag. Dann dröhnt ein ernstes Wort aus den Funkgeräten: „Unfall!“ Der Krankenwagen rückt aus. Ein Franzose ist gegen eine Prielkante gekracht und in das Metallgestänge der Lenkung gerutscht. Das Schienbein ist zertrümmert, noch am selben Tag bringt ihn ein Hubschrauber in ein Pariser Krankenhaus.

Es ist früher Nachmittag, mit der Flut ist das Wasser zurückgekehrt, an dem schmaler gewordenen Strand spazieren Touristen, die Strandsegler nennen sie Bernsteinsammler. Auch während der Rennen gebe es immer welche, die sich nicht verbieten lassen wollten, über den Strand zu laufen, Sankt Peter gehöre schließlich allen. Noch heute erzählen sie sich die Geschichte von dem Nudisten, der vor Jahren darauf bestand, sich auf einer Sandbank mitten auf der Piste zu sonnen – markiert von einem Streckenposten in Leuchtweste.

Nachdem die Sonne im Meer versunken ist, zieht das Fahrerlager in eine Holzhütte in den Dünen, wo der Konsul Sektflaschen mit einem Säbel köpft. Am Tag darauf werden sie in den Seilen hängen. Egal. In Sankt Peter, brüllen sie jetzt gegen den Lärm aus den Boxen, geht es nicht um Ruhm. Es geht um das Lebensgefühl, das Bier. Und den Rum – mit Cola.

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Text: Julius Schophoff
Fotos: Jozef Kubica

Die ganze Reportage „Schnell verfahren“ finden Sie im Reisemagazin Nordsee ab Seite 91. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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