Gegen den Wind


Der Nordseeküstenradweg ist mehr als 6000 Kilometer lang. Unser
Autor hat sich 150 rausgepickt, zwischen Wilhelmshaven und Cuxhaven, und ist dabei der norddeutschen Seele auf den Grund gegangen.

Die Böe dringt durch die Nähte der Regenjacke, drückt gegen meinen Körper und beißt kalt ins Gesicht. Gerade hatte der Wind noch von hinten geschoben und mein Rad am Deich entlanggleiten lassen. Doch seit der Kurve bläst er schräg von vorn. Und jetzt erlebe ich, wie anstrengend es sein kann, wenn man im Wortsinn erfahren will, wie die Menschen an der Nordsee ticken. 

Für diesen Plan ist keine Strecke so geeignet wie der Nordseeküstenradweg. Von Schottland über die Niederlande und Deutschland führt er bis zu Norwegens Fjorden. Über 6200 Kilometer erstreckt er sich und ist damit die längste durchgehend ausgeschilderte Radroute der Welt. „Bei so einer Tour wäre ich sofort dabei“, hatte meine radbegeisterte Freundin Caroline gejubelt, als ich ihr von der Idee einer Küstenfahrt erzählte. „Leider würden wir dafür Monate brauchen“, werfe ich ein. Doch das kann unsere Begeisterung nicht bremsen, und bald haben wir unsere Radtaschen gepackt. Bei der Route beschränken wir uns auf eine überschaubare Strecke: von Wilhelmshaven nach Cuxhaven. Es sind nur 150 Kilometer, doch nirgends sonst an der Küste gibt es eine derart bunte Mischung aus Kleinstadtidyll und Großstadtflair, aus Landschaftspflegern und Wellenbrechern, aus Tiefseehäfen und Hochkultur.

Also radeln wir los ins Herz von Wilhelmshaven: zur Militärbasis, die den Ort von jeher prägt. Denn gegründet wurde die Stadt, als Preußen seine Seemacht ausbauen wollte und dafür 1853 vom Großherzogtum Oldenburg Land am Ufer des Jadebusens kaufte. Der flottenbegeisterte Kaiser Wilhelm II. baute später den Marinestützpunkt weiter aus, der heute mit 8500 Soldaten Deutschlands größter Bundeswehrstandort ist. Einer davon ist Kevin Forsch. Der 25-jährige Obermaat steht gerade im Hafen Wache auf der Fregatte Brandenburg. „Die Stadt ist nicht verkehrt“, sagt er. Er habe hier Gleichgesinnte gefunden, mit denen er American Football spiele. Seiner Freundin in Kaiserslautern gefiel die graue Stadt zunächst weniger. Doch für dieses logistische Problem fand Forsch eine Lösung. „Ich habe ihr gesagt, dass das Pendeln zu anstrengend ist, und ihr ein Ultimatum gestellt.“ Also zog sie nach, und inzwischen sind sie hier beide glücklich. Es zeigt, wie weit man mit gesundem Pragmatismus kommt, den in Wilhelmshaven viele Menschen pflegen.

Rhabarberkuchen im Kurhaus

Doch wir suchen unser Glück lieber weiter südlich: in Dangast. Seit Graf Bentinck hier vor gut 200 Jahren das erste Seebad an der deutschen Nordseeküste gründete, ist es das friedliche Pendant zum ältesten Kriegshafen nebenan. Auch wir fühlen uns wie zu Hause, als wir das Kurhaus inmitten von stattlichen Bäumen erreichen. „Nehmt erst mal ein Stück Rhabarberkuchen“ – so empfängt uns Karl-August Tapken, der eine Art Übervater des Ortes ist und schnell erkennt, wie hungrig wir nach der morgendlichen Radrunde sind. Der 78-Jährige hat schütteres, graues Haar und eine zierliche Statur. Doch er sprüht vor Energie und Witz. Für sein soziales Engagement erhielt er die Bundesverdienstmedaille, und jetzt sitzt er im Ausflugslokal, das seine Familie in fünfter Generation betreibt. „Zu Großmutters Zeiten verkehrte hier eine exklusive Gesellschaft.“ Doch er und seine Geschwister öffneten ihr Erbe für ein breites Publikum: mit einem Campingplatz, einer Kneipe, dem Ausflugsschiff Etta von Dangast und dem großen Kurhaus.

Dort beherbergte Tapken in den Siebzigerjahren Schüler von Joseph Beuys. Noch immer hängt neben dem Eingang eine Tischplatte, auf die der Künstler Anatol ein Porträt von Tapkens Mutter gemalt hat. „Aber es kamen auch Punker, denen ich eine Heimat geben wollte“, erzählt er. „Die haben hier die Chaostage in Hannover organisiert, heute besuchen sie uns mit ihren Kindern und schmunzeln über ihre wilden Tage.“ So hat sich das Kurhaus weiterentwickelt – und ist sich zugleich treu geblieben als Ort der Erholung.

Diese Balance reizt Tapkens Tochter Maren weiter aus mit ihrem bislang größten Projekt: dem „Watt en Schlick“-Festival. An einem Wochenende im Sommer mischen sich auf dem Privatstrand des Kurhauses Hamburger Hipster und Sommerfrischler zu einer Festival-Gemeinde von bis zu 3000 Menschen. Es gibt Open-Air-Kino, Lesungen und eine Meerbühne mit großer Musik: vom Rock-Lyriker Rocko Schamoni über den Hip-Hopper Afrob bis zur Indieband Bilderbuch.

Am liebsten würden wir hierbleiben, bis das Festival beginnt. Doch wir trösten uns damit, dass vor uns noch ein Ort wartet, an dem wir unsere Hippie-Sehnsüchte ausleben können: der Louisenhof in Schweiburg.

Text: Janek Schmidt
Fotos: Gregor Lengler

Die ganze Reportage “Gegen den Wind” finden Sie im Reisemagazin Nordsee ab Seite 30. Das Magazin können Sie auch hier bestellen.

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