Auf Nummer sicher


Tobias Christen ist Experte für Datensicherheit. Er weiß, warum die Schweiz für Stabilität steht, seine Server Atomschläge überleben und der Papst der Schweizergarde vertraut. Ein Interview mit dem Schweizer Datenschützer. 

Sicherungskasten: Eine ausgediente Militärbunkeranlage dient Tobias Christens Firma als Lagerort für Daten.

Sicherungskasten: Eine ausgediente Militärbunkeranlage dient Tobias Christens Firma als Lagerort für Daten.

Sicherheit, Verlässlichkeit – es gibt wohl kein Land auf der Welt, das so sehr für diese Begriffe steht wie die Schweiz. Aber warum? Wir haben einen gefragt, der es wissen muss: den Computer-Experten Tobias Christen, Chef der Firma DSwiss in Zürich. Er sichert sensible Daten für seine Kunden auf Servern, die in einem ehemaligen Militärbunker tief in den Urner Bergen stehen.

Herr Christen, Sie schützen Daten und werben damit, dass die Schweiz ein besonders sicherer Ort dafür ist. Kann man digitale Dokumente nicht genauso sicher in den USA oder in Deutschland lagern? 

Tobias Christen: Nein. Erstens ist die Privatsphäre für uns Schweizer besonders schützenswert. Niemand braucht hier zu befürchten, dass ein Geheimdienst Zugriff auf die Daten erhält. Oder dass wir selbst mal reinschauen. Und zweitens ist die Schweiz eine Nation der Ingenieure, die alles 200-prozentig perfekt machen wollen. Sicherheitssoftware und Infrastruktur sind doppelt und dreifach geprüft.

Sie wollen wirklich sagen, dass amerikanische Sicherheitssoftware schlechter ist als schweizerische?

Die USA haben sehr gute Software-Ingenieure. Aber das heißt nicht, dass man die höchste Sicherheit bekommt. Schauen Sie sich mal ein amerikanisches Datencenter an: Da verlaufen die Stromleitungen zum Teil offen über der Straße. Ich brauche sie nur zu kappen, dann läuft nichts mehr. Außerdem wissen wir, dass in den letzten Jahren einige US-Unternehmen eine Art Hintertür für den Geheimdienst in ihre Software einbauen mussten. Wenn sie sich geweigert hätten, wären sie von der NSA gleich dichtgemacht worden.

Sie haben rund 700 000 Kunden: Finanzkonzerne wie die Allianz oder die Zürcher Kantonalbank, aber auch kleine Unternehmen und Privatleute. Was lagern die in Ihren digitalen Schließfächern?

Alles Mögliche. Firmen deponieren digitale Lohnabrechnungen, Arbeitszeugnisse oder Patente. Freiberufler und Privatleute eher eigene Musikkompositionen, Hochzeitsfotos oder Passwörter.

Tobias Christen: Geboren 1967 in Winterthur, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Informatiker und IT-Sicherheitsexperte. Er hat für Schweizer Konzerne wie die UBS-Bank und die Zürich Versicherung gearbeitet und war aus beruflichen Gründen sechs Jahre in Finnland. Seit sechs Jahren steht an der Spitze von DSwiss, einer Firma für Datensicherheit in Zürich.

Tobias Christen: Geboren 1967 in Winterthur, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Informatiker und IT-Sicherheitsexperte. Er hat für Schweizer Konzerne wie die UBS-Bank und die Zürich Versicherung gearbeitet und war aus beruflichen Gründen sechs Jahre in Finnland. Seit 2008 steht an der Spitze von DSwiss, einer Firma für Datensicherheit in Zürich.

Sie speichern die Daten an drei Standorten. Einer davon ist ein ehemaliger Militärbunker in den Urner Alpen, 10 000 Quadratmeter groß, streng bewacht und unter 1000 Metern Fels. Warum der Aufwand?

Der Datendieb kommt doch nicht mit der Brechstange. Wenn ich Daten schützen will, muss ich viele Risiken ausschalten: Das Personal muss integer sein, ich muss Hackerangriffe und Viren abwehren. Und ich muss mich gegen Katastrophen wappnen. Deshalb der Bunker: Wenn in Zürich eine chemische Fabrik explodiert oder eine Atombombe, dann sind die Daten im Berg immer noch sicher.

Sie machen Witze. Der Bunker schützt die Daten vor einem Atomschlag?

Sicher. Das ist ein ausgemusterter Armeeführungsbunker. Darin gab es sogar ein Fernsehstudio. Von hier aus hätten die Generäle der Bevölkerung im Fall eines Atom- oder Biowaffenangriffs per TV-Übertragung Anweisungen gegeben.

Und was soll ich mit meinen digitalen Hochzeitsfotos anfangen, wenn auf Zürich eine Atombombe gefallen ist?

Das ist natürlich ein Extremfall. Aber es gibt Beispiele, was alles schieflaufen kann. Nordwestlich von London ist 2005 ein Öldepot in die Luft geflogen. Da hing eine riesige, schwarze Rauchwolke über der Stadt. Neben dem Depot stand ein perfekt angelegtes Datencenter – Generatoren, Kühlung, alles tipptopp. Aber die Explosion hat die tonnenschweren Generatoren 30 Meter weit weggeschleudert. Über das Datenzentrum lief ein Drittel aller britischen Lohnabrechnungen. Zum Glück hatte der Betreiber die Daten woanders noch mal gesichert, sonst hätten 30 Prozent der Engländer ihren Lohn nicht bekommen. Stellen Sie sich mal den wirtschaftlichen Schaden vor! Nicht nur beim Thema Datenschutz gilt die Schweiz als zuverlässig. Weltweit ist das Land ein Sinnbild für Sicherheit. Sogar der Papst vertraut auf eine Schweizergarde.
Ob die Ursprünge der Garde besonders ruhmreich sind, darüber kann man streiten. Sie stammt aus den kriegerischen Zeiten der Kantone. Im 16. Jahrhundert gab es hier viele Söldner, die den Ruf hatten, besonders loyal zu sein. Papst Julius II. hat damals einfach ein paar verlässliche, Furcht einflößende Kämpfer für seine Palast- und Leibwache gesucht.

Und heute?

Heute hält sich die Schweiz aus allen großen Konflikten heraus. Mit ihrer Neutralität hat sie beide Weltkriege und den Kalten Krieg fast unbeschadet überstanden und so das Image der sicheren „Insel“ in Europa aufgebaut.

Leben die Schweizer denn sicherer als andere Europäer?

Ja. Ich kann meine zwei Kinder hier zum Beispiel ohne Angst allein in die Schule schicken. Das würde ich mich in Südeuropa nicht überall trauen. Es gibt in Schweizer Städten auch keine Viertel, die ich nicht betreten kann, ohne dass mir jemand ein Messer an die Kehle drückt.

Die Schweizer haben eine sehr hohe Lebenserwartung – zwei Jahre mehr als Deutsche oder Österreicher. Haben sie weniger Stress?

Definitiv nicht! Außer in ländlichen Gebieten wie dem Berner Oberland. In Zürich herrscht dagegen ein brutaler Speed, sehr ungesund. Vergessen Sie nicht: Wir Schweizer arbeiten enorm viel, weil wir unsere hohen Löhne durch eine noch höhere Produktivität ausgleichen müssen.

Text: Tobias Aigner
Fotos: Kilian Kessler

Das ganze Interview mit Tobias Christen  finden Sie im Reisemagazin Schweiz ab Seite 100. Auch hier zu bestellen.

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