Matratzensport – Bouldern im Magic Wood


In einem Waldstück in Graubünden ist Magie noch greifbar. Als Kletterer mit den Fingerspitzen im Magic Wood – vielleicht Europas letzter noch ursprünglicher Treffpunkt der internationalen Boulderszene. Zwei Nachwuchssportler erklären uns diesen Zauber unweit des Rheintals.

Jungkletterer Florian Grischott (l.) mit Bergführer Kasimir Schuler und Bamboo Saluz (r.) auf der Brücke zum Magic Wood. Die Sicherheitsmatten sind immer dabei.

Jungkletterer Florian Grischott (l.) mit Bergführer Kasimir Schuler und Bamboo Saluz (r.) auf der Brücke zum Magic Wood. Die Sicherheitsmatten sind immer dabei.

Bamboo fällt dem Zwergentöter zum Opfer. Der Überhang aus kaltem Stein drückt sich in ihre Magengrube, hilflos angelt sie mit der linken Hand nach Halt, in den Ritzen des Steins hängt die Magnesia von denen, die sich hier schon versuchten. Bamboo streckt ihren 156 Zentimeter kurzen Körper, so weit es Sehnen und Haut zulassen, doch sie verpasst die obere Kante mit den Fingerspitzen knapp. Bamboo ist wenige Zentimeter zu kurz, ein Zwerg, ihr Tod. Ein Keuchen, der Absturz, es riecht nach feuchtem Moos.

Im Jahr 1999 überquert der Deutsche Thomas Steinbrugger mit ein paar Freunden den Fluss Ragn da Ferrera, den Averser Rhein, an seiner schmalsten Stelle. Ein Gefühl, dass dort drüben irgendetwas sein muss, treibt die Gefährten auf die andere Uferseite. Im Winter kommen die Freunde seit einiger Zeit zum Eisklettern in die Gemeinde Ferrera, jetzt – der Wald ist saftig grün – folgen sie einer Eingebung. Und diese soll sie nicht täuschen: Moosüberwachsene Granitblöcke liegen in dem Waldstück verstreut, als hätte eine Horde Riesen gekniffelt, ohne ihre Würfel später wieder mitzunehmen. Steinbrugger verschlägt es die Sprache, es ist der perfekte Ort – irgendwo zwischen „Herr der Ringe“ und „Alice im Wunderland“.

Hängepartie: Florian Grischott an einem Boulder im Magic Wood. Nicht die Höhe macht den besonderen Reiz dieses Sports aus, sondern der Schwierigkeitsgrad des Felsens.

Hängepartie: Florian Grischott an einem Boulder im Magic Wood. Nicht die Höhe macht den besonderen Reiz dieses Sports aus, sondern der Schwierigkeitsgrad des Felsens.

Die Freunde geben dem Waldstück einen Namen: Sie nennen es „Magic Wood“. Über diesen mystischen Ort wollen sie schweigen. Wie die Magie soll auch er nur Eingeweihten alle Geheimnisse preisgeben. Nur für sie und ein paar gute Freunde soll er ein Boulderparadies werden. Doch solche Geheimnisse sind schwer zu hüten, Freundeskreise groß, und die Boulderszene ist hungrig nach immer neuen Herausforderungen. Bouldern bedeutet Klettern in der Horizontalen. Es geht nicht darum, Höhe zu machen, sondern möglichst komplizierte Routen an einem Felsblock zu finden und dann zu meistern. Alles passiert bis zu einer Fallhöhe von etwa vier Metern, dafür ohne Sicherung, nur mit Schaumstoffmatten auf dem bisweilen felsigen Untergrund. Ursprünglich nutzte man Bouldern als Vorbereitung zum Klettern, doch wie so oft hat sich aus einer einfachen Idee eine Sportart entwickelt, und der Magic Wood ist heute der Wallfahrtsort jener, die vom rauen Granit nicht genug bekommen können.

Grundlage: Magnesia gehören zur Standardausrüstung beim Bouldern.

Grundlage: Ein Beutel Magnesia gehört zur Standardausrüstung beim Bouldern.

„Du musst springen, sonst bekommst du die Kante nie zu greifen“, sagt Kasimir Schuler von der Bergsportschule Grischa und blickt hinunter auf die 13-jährige Bamboo Saluz, die sich gerade wieder von der Schaumstoffmatte aufrappelt. Zwei Meter ist sie gefallen, nicht schlimm – Staub und ein paar Blätter abschütteln, die langen, schwarzen Haare richten und es erneut versuchen. Die Schülerin hat gerade Ferien und ist mit Florian Grischott, einem Freund, ein Wochenende im Magic Wood, um sich am Fels zu verbessern. Mit Zelt, Fischen, Lagerfeuer und Schluchtbegehung – das Areal um den mystischen Wald bietet viele Abenteuer.

Zauberhaft: Mit Moos bedeckte Steine und Wurzeln in der Roflaschlucht, einem beliebten Ausflugsziel nordwestlich des Magic Wood.

Zauberhaft: Mit Moos bedeckte Steine und Wurzeln in der Roflaschlucht, einem beliebten Ausflugsziel nordwestlich des Magic Wood.

Der 15-jährige Florian klettert seit einem Jahr jeden Freitag in der Boulderhalle in Chur, an echten Felsen hängt er hier zum ersten Mal. „In der Halle sprechen viele von diesem Wald, ich musste es einfach mal selbst probieren“, sagt er und wischt sich die Finger an seiner Hose ab, weiße Magnesiaschlieren bleiben zurück. „Aber es ist viel schwieriger als an einer künstlichen Wand, hier sind die Griffe alle so unterschiedlich und viel kleiner.“ Dafür ist die Auswahl gewaltig. Rund 750 Boulderrouten auf einer schrägen Fläche von 250 Metern in der Breite und 500 Metern in der Länge könnte man hier begehen, theoretisch zumindest. Denn manche Boulderprobleme – so werden die Routen genannt, weil es eben darum geht, Kletterprobleme zu lösen – holt sich das Moos zurück. Findet sich dann kein Boulderer, der sie, mit einer Bürste bewaffnet, säubert, werden sie wieder zu einem unsichtbaren Geheimnis des Magic Wood. So ändert dieser Wald ständig sein Gesicht und damit auch seine Anforderungen an die Boulderer. Manche Routen werden aber auch zusammengelegt oder von versierten Kletterern erweitert.

Stützkurs: Der Bergführer Kasimir Schuler sichert Bamboo Saluz.

Stützkurs: Der Bergführer Kasimir Schuler sichert Bamboo Saluz.

Etwa die sogenannte Unendliche Geschichte, ein Granitblock direkt am Eingang des Waldes, bewertet als 8 b+ auf der Fontainebleau-Skala und eines der schwierigsten Boulderprobleme hier im Wald. Man hört die drei Italiener, die vor dem Felsblock stehen, bis zu der Stelle, an der sich Kasimir und seine zwei Schüler versuchen. Die Männer diskutieren lautstark über den besten Weg am Stein. Links? Rechts? Es wird gestikuliert, Routen werden scheinbar gefunden und umgehend wieder verworfen. „Manche versuchen sich monatelang an einem Problem oder gar Jahre“, sagt Kasimir, während er mit seinen zwei Schützlingen die Matten zusammenlegt. …

Text: Tim Gutke
Fotos: Stefan Schaufelberger

Die ganze Reportage „Matratzensport“ finden Sie im Reisemagazin Schweiz ab Seite 110. Auch hier zu bestellen.

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