Das Miss-Geschick


In Appenzell wird Jahr für Jahr die hübscheste Kuh gesucht. Für den Schöneuterpreis. 600 Tiere treten zu diesem tierischen Wettbewerb an. Wir waren für Sie dabei.

Ist es das Lächeln? Die Ausstrahlung, der Charme? Oder sind es doch nur die reinen Körpermaße? Vielleicht alles zusammen? Bei Misswahlen gibt es ja unzählige Kriterien, und die meisten sind weltweit, seien wir ehrlich, nicht gerade transparent. Außer in der Ostschweiz. Dort wird einmal im Jahr der Titel „Miss Appenzell“ vergeben, und bewertet wird besonders eines: das Euter.

Klar. Es geht schließlich um Kühe. Um 600 Kühe, denn so viele kommen auf dem Brauereiplatz des Dorfes Appenzell zur Großviehschau zusammen. Immer am ersten Dienstag des Monats Oktober. Traditionell die Zeit, in der die Bauern die Kühe von der Alp zum Abkalben zu den Ställen hinunterbringen. Sind sie hochträchtig oder haben gerade ein Kalb geboren, ist ihr Euter durch die Menge und Schwere der Muttermilch ganz besonders voluminös.

Ein Schweben muss es sein. Straff, rechteckig und mit ordentlich Bodenfreiheit hat das Euter zwischen den Hinterbeinen zu sitzen. Auch sollte seine Maserung durch die Adern in augenfälliger Weise hervortreten. Das enthaarte Euter ist verbindlich – glatt, mit scharf gezeichneter Kontur, herausgehobenem Blutbahnengeflecht und rosigem Schimmer. Ein unverhofft sinnliches Erlebnis. Die Zitzen nicht zu lang und nicht zu kurz, eine Handbreit lang nach Möglichkeit, und nicht zu dick im Umfang, jedoch auch nicht zu dünn. Um das rein Ästhetische des Anblicks dreht es sich bei alldem. Das verleiht dem Wettbewerb um das vollkommen geformte Euter Leichtigkeit.

In drei Kategorien vergibt die Jury den „Schöneuterpreis“. Erste Kategorie: Die Kuh hatte bereits eine Stillperiode. Die zweite Kategorie: zwei oder drei Stillperioden, unter Fachleuten auch Laktationen genannt. Und die dritte Kategorie: vier oder mehr Geburten. Die drei Kategorien wiederum gehen in den 33 Abteilungen auf, in die die 600 Tiere zur Preisermittlung eingeteilt sind. Jede der Abteilungen hat eine Gewinnerin, die „Abteilungssiegerin“. Ihr folgt jeweils ein zweiter und dritter Rang, sodass zum Schluss um die 100 Kühe mit einer Plakette ausgezeichnet sein werden – und ihre Besitzer mit einem Preisgeld. Ein gescheites Regelwerk ist eben alles. Und: Das ist die Schweiz.

Auf dem Brauereiplatz sind sonst Autos geparkt. In Hüfthöhe gespannte Ketten verlaufen längs über das Areal. An ihnen sind die Kühe mit ihren Halftern festgemacht. Abseits sind 14 Stiere zur Begutachtung angebunden. Tonnenschwer, mit sturem Schädel und festen Hoden. Ständig zur Auseinandersetzung bereit, ständig am Brüllen, Schnauben, Scharren – und dann noch der Geruch der Kühe in der Nase. Wie sie da nebeneinander aufgereiht stehen, scheint es um nichts anderes als um die reine Wucht zu gehen, um das Übermächtige und Drängende ihrer Gegenwart. In Wahrheit geht’s wie bei den Kühen um Schönheit. Alle, Kühe und Stiere, gehören zur Rasse „Original Braunvieh“. Diese haben die Mönche des Klosters Einsiedeln im Mittelalter aus dem Hausrind herangezogen. Einkreuzungen hat es seither so gut wie nicht gegeben, weshalb sich der Kern der ursprünglichen Züchtung unverändert erhalten hat. Die Rasse zeigt eine Färbung, die von gedecktem Grau bis zu Tiefbraun reicht. Beige ist auch mit dabei.

Hinterbeine, Zitzen, Griff ans Euter

Unablässig zupfen die Bauern an ihren Kühen herum, striegeln, waschen, bürsten ihnen das Fell, lockern die Schwanzquaste mit der Kardätsche auf und spülen und reiben die Klauen so lang ab, bis sie matt glänzen. Unrat wird weggeräumt, Wasser zum Reinigen und Tränken herangeschafft, Stroh wieder aufgeschüttelt oder neues eingestreut. In anständiger Umgebung und frisch zurechtgemacht soll die Kreatur vor die Preisrichter kommen. Als „Experten“ sind die Bauern abteilungsweise berufen worden. Sie treten an die in Gruppen von bis zu 20 Tieren unterteilten Reihen heran und betrachten jede einzelne Kuh von hinten her.

Zuerst der Blick zwischen die Hinterbeine der Kuh. Schritt an die Seite, Blick auf die Zitzen, Griff ans Euter und unter den Bauch. Das reicht den Juroren für die Bewertung des Euters. Dazu kommt der Gesamteindruck für die Misswahl – hier befinden wir uns fast schon im Bereich 90-60-90, der bei konventionellen Schönheitswettbewerben wichtig ist. Ein Blick links, ein Blick rechts am Becken vorbei, einer obendrüber, über den Rücken hinweg. Es geht um Flanke und Widerrist. Außerdem sind Rumpfhöhe, Bau des Rückens und des Beckens so am ehesten abzuschätzen. Dann noch die Stellung der Beine zueinander und der Pflegezustand der Klauen.

Jakob setzt auf Blüemli. Jakob Fuster kommt aus Eggerstanden, einem Ort fünf Kilometer östlich von Appenzell, 500 Einwohner. Jakob ist Jahrgang 1969, seinen Hof hat er gemeinsam mit seiner Frau Susanne am Rand von Eggerstanden auf einem der grünen Hügel, die in der Ferne von felsigen Bergmassiven umringt sind. Von den 40 Kühen seiner Herde sieht Jakob sein Blüemli als aussichtsreichste Anwärterin auf einen ersten Rang beim „Schöneuterpreis“ und auf den Misstitel an. Drei Jahre alt ist Blüemli, eine Kuh im besten Alter. „Ein super Euter“, sagt er, was bei Jakob wie „Üter“ klingt. „Genau dieses Schweben, diese Vollkommenheit. Genau dieser Umriss, ein Rechteck, im Bild vom sogenannten Tafeleuter niedergelegt. Die Zitzen sind ideal. Weder von dem einen noch von dem anderen haben sie zu viel.“ Wäre da bloß nicht die unwägbare Jury. Super gefällt Jakob zudem Blüemlis Figur, der Gesamteindruck. „Das Konkave ihrer Flanken sowie ihre hohe und kräftig gewachsene Statur. 1,50 Meter Widerristhöhe, das Becken, der Rücken, die Beine“ – die wenigsten Männer wüssten ähnlich detailverliebt ihre Frau zu beschreiben. Jakob ist sich sicher, dass alles zusammen sein Blüemli für den Misstitel qualifiziert.

Im Anschluss an das Melken am Morgen hatten sich Jakobs vier Söhne und vier Brüder nach dem Frühstück oben in der Küche seines Hauses die Appenzeller Männertracht angelegt – weißes Hemd, rote Weste, schwarze Hose, weiße Socken. Drei der acht hatten sich zusätzlich einen blumenbekränzten und bändergeschmückten, schwarzen Hut mit schmaler Krempe aufgesetzt. Alles muss stimmen.

Text: Thomas Feix
Fotos: Roland Tännler

Die ganze Reportage „Das Miss-Geschick“ finden Sie im Reisemagazin Schweiz ab Seite 142. Auch hier zu bestellen.

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