Das Aussichtsreich


Hinter den Giebeln der Grachtenhäuser liegen Gärten von stillem Liebreiz. Eine Begegnung mit Blumen, Bäumen, Buchshecken, und den Menschen, die diese Paradiese geschaffen haben.

Museum Van Loon. Bewohner: Philippa van Lohn und ihre drei Kinder. Die original erhaltenen Salons im erdgeschoss und der Beletage sind seit 1973 Grachtenmuseum.

Museum Van Loon. Bewohner: Philippa van Lohn und ihre drei Kinder. Die original erhaltenen Salons im erdgeschoss und der Beletage sind seit 1973 Grachtenmuseum.

Die Dienstbotentür wird mit Elan geöffnet, von einer Dame mit Gipsarm und Perlenkette. Dorothea Beynes-Heijmeijer van Heemstede, seit heute 75, lächelt amüsiert. Sie kam in einem Schloss bei Utrecht zur Welt, als Spross einer Amsterdamer Händlerdynastie. Das Giebelhaus an der Prinsengracht, in dem sie mit ihrem Gatten lebt, ist wie ein Puppenhaus.

Doch sie genießt es, Gäste zu empfangen. „Im Juni, zu den ,Open Tuinen Dagen‘, sind es gar 4000 an einem Wochenende.“ Organisiert werden die „Tage der Offenen Gärten“ vom Museum Van Loon an der Keizersgracht. „Unseren Garten nehmen Besucher eher zufällig wahr“, sagt der Direktor Tonko Grever. „Privatgärten sind spannender. Wer fragt sich nicht, wie es in den alten Grachtenhäusern aussieht?“

Japanisches Grafikkabinett: Nihon no hanga. Wohnhaus, Garten und Japanisches Museum folgen einer Meldodie, in der modernes Design, asiatische Kunst und Goldenes Zeitalter wie Töne verwoben sind. (Adresse: Keizersgracht 584-586.

Japanisches Grafikkabinett: Nihon no hanga. Wohnhaus, Garten und Japanisches Museum folgen einer Meldodie, in der modernes Design, asiatische Kunst und Goldenes Zeitalter wie Töne verwoben sind. (Adresse: Keizersgracht 584-586)

Die Stille ist das größte Wunder der Grachtengärten. Hinter den Fassaden der Giebelhäuser, die sich lückenlos aneinanderreihen, liegen sie geborgen, verzaubert. Blühende Relikte des Goldenen Zeitalters, des 17. Jahrhunderts, als Amsterdam der reichste Handelsplatz Europas war. Und sich als Stadterweiterung den Grachtengürtel leistete, das Band aus Heren-, Keizers- und Prinsengracht. Ein Geniestreich. Eine Idealstadt mit viel Grün und eleganten Häusern für Kaufleute, Schiffsmagnaten, Banker. Jede Parzelle 54 Meter lang und maximal 9 Meter breit. Je schmaler das Haus, desto niedriger die Steuer. Nur die vordere Hälfte des Grundstücks durfte bebaut werden, der Rest gehörte dem Garten.

Die Dame mit Gipsarm kocht Kaffee. „Beim Schützenfest gestolpert, über einen Bordstein“, sagt Dorothea und lächelt abwiegelnd. Draußen im Garten plätschert der Springbrunnen, und die steinernen Putten auf der Terrasse lächeln den Himmel an. Das Grün ist perfekt manikürt, auf den Buchshecken und Trompetenbäumen liegt kein Stäubchen. Weiße Anemonen, gelbe Rosen, violette Hortensien setzen sanfte Farbakzente. Die Wege, nach altholländischer Sitte mit Muschelschalen bestreut, flüstern bei jedem Schritt.

Huis de Arend - Haus des Adlers, aus dem Jahr 1702. Der im altholländischen Stil bepflanzte Garten und die Wandbehänge des Salons, die ländliche Idyllen darstellen, sind als romantisches Gesamtkunstwerk gestaltet. (Adresse: Keizersgracht 704)

Huis de Arend – Haus des Adlers, aus dem Jahr 1702. Der im altholländischen Stil bepflanzte Garten und die Wandbehänge des Salons, die ländliche Idyllen darstellen, sind als romantisches Gesamtkunstwerk gestaltet. (Adresse: Keizersgracht 704)

Auf dem Küchentisch stehen Delfter Porzellan und Zitronenkuchen. Alles wirkt, als sei es immer schon so gewesen, der Holzboden, die bemalten Fliesen, die Silberkannen auf der Anrichte. Doch als Dorothea das Grachtenhaus von 1701 erbte, war es ruiniert. Vorbesitzer und Mieter hatten wenig Sinn für historisches Ambiente. „Der Garten war komplett zubetoniert.“ Vom Gartensaal der Beletage bietet sich der beste Blick auf den Kijktuin, den Guckgarten, wie die alten Patrizier ihre Parks in Taschenformat nannten. Sie saßen wie Dorothea auf Barocksesselchen und betrachteten von oben das Spitzenmuster der Hecken und Blumenrabatten.

Martijn Hagoort steht in seinem Gartensaal, einem Raum, der jedes Schlosses würdig wäre. An der südlichen Keizersgracht, nicht weit vom Museum Van Loon. „Als ich hierherkam, konnte ich es nicht fassen.“ Der schlanke Mann, 73, schlägt sich auf die blau-weiß gestreifte Hemdbrust. „Ich kann diese Wohnung kaufen? Diesen Saal?“ Seine Augen hinter der Designerbrille flüchten zum Fenster. Im Rahmen explodiert das Blattgewirr eines Blauregens wie eine Konfettibombe. „Es ging alles ganz schnell, der damalige Besitzer brauchte dringend Geld.“ Zu zweit sind sie eingezogen, er und sein Freund. …

Text: Dagmar Walden
Fotos: Andres & Joyce de Lange

Die ganze Reportage „Aussichtsreich“ finden Sie im Reisemagazin Amsterdam ab Seite 130. Auch hier zu bestellen.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.