Einfach Meer: Steghäuser


Das Wasser unter den Füßen, das Segelboot vor der Tür – die Bewohner der schwimmenden Bauten von IJburg lieben die Elemente und fühlen sich dabei als Pioniere.

Schwimmende Häuser für Wassermenschen: Das Boot ist in Ijburg das natürlichste Fortbewegungsmittel.

Schwimmende Häuser für Wassermenschen: Das Boot ist in IJburg das natürlichste Fortbewegungsmittel.

Die ersten sechs Monate nach dem Einzug in ihr neues Haus hatte Inge Valk mit der Seekrankheit zu kämpfen. Besonders, wenn es stürmte, kam sie ohne Reisetabletten nicht aus. Die schlaksige, mädchenhaft wirkende Keramikkünstlerin, 55, kichert mit heller Stimme und geht hoch ins Wohnzimmer, wo ihr Lebensgefährte, Schauspielcoach Ruud van Andel, gerade seine Mails am Laptop checkt. Inge Valk läuft vorbei am edelgrauen Sofa, hinaus auf die hausbreite Terrasse mit den eingepassten Teakmöbeln und ruft: „Immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß, blicke ich aufs Wasser: Das Wellenspiel, die Wolken, der Wind – das alles inspiriert mich!“

An den Sommerabenden, sagt sie, nehmen sie manchmal das Motorboot und fahren ins Fischerdorf Durgerdam oder zum Strand nach Blijburg. Was macht es da schon, dass das Haus bei Wellengang ein wenig schaukelt?

Meerwert: Donja Hehenkamp-Tuinier genießt mit ihren beiden Kindern Julius (re.) und Bente das Leben auf der "Terrasse", die ja eigentlich "Aquasse" heißen müsste.

Meerwert: Donja Hehenkamp-Tuinier genießt mit ihren beiden Kindern Julius (re.) und Bente das Leben auf der „Terrasse“, die ja eigentlich „Aquasse“ heißen müsste.

So ist das in IJburg, dem Viertel der schwimmenden Häuser – Amsterdams vielleicht kuriosester Stadtteil, 20 Straßenbahnminuten südöstlich des Hauptbahnhofs gelegen. Es ist ein Ort, von dem die Welt etwas lernen kann. Platz ist knapp in den Niederlanden, 405 Menschen quetschen sich auf einen Quadratkilometer, in Deutschland sind es gerade einmal 226. Und dort, wo niemand wohnt, ist meist Wasser – knapp ein Fünftel des Landes ist davon bedeckt. So hat es Tradition, dem Meer und den Binnenseen neues Land abzugewinnen, meist durch Deiche, Polder oder Aufschüttungen.

In IJburg denkt man bereits in die Zukunft – Stadtplaner und Architekten haben auf den durch den Klimawandel bedingten Anstieg des Meeresspiegels reagiert. Zwar sollen auch hier auf konventionelle Weise insgesamt sieben künstliche Inseln aufgeschüttet werden, damit eines Tages rund 45 000 Menschen eine neue Heimstatt finden. Doch wirklich außergewöhnlich sind die 75 Waterwoningen, die auf 10 000 Quadratmetern Wasseroberfläche vor der Insel Steigereiland liegen. 20 der Häuser sind klassische Pfahlbauten, die anderen 55 treiben auf der Lagune, locker angekettet an Stahlpfählen. So können sie mit dem jeweils aktuellen Wasserspiegel mehrere Meter steigen oder sinken, ähnlich wie die Hausboote in den Grachten Amsterdams. Nur, was da schwimmt, sind keine Boote, sondern zwei- bis dreigeschossige Häuser, ebenso schicke wie schlichte Kuben, gebaut aus Holz, Glas und Kunststoffelementen.

Nirgendwo sonst wohnt man derart maritim. Donja Hehenkamp-Tuinier etwa, die sportliche Designerin, und ihr Mann Koen, der Rechtsanwalt. Früher lebten sie im Zentrum von Amsterdam, unweit des Königlichen Schlosses, bis die Kinder kamen und die Wohnung zu klein wurde. Doch für ihr neues Domizil in IJburg sprach noch ein weiteres Argument: „Wir sind Segler.“

Seltene Lebensqualität: Einfach mal von der "Auqasse" aus die Angel ins Wasser halten.

Seltene Lebensqualität: Einfach mal von der „Auqasse“ aus die Angel ins Wasser halten.

„Kom, Julius, we gaan op de boot!“ – „Wir gehen aufs Boot!“, ruft Donja ihrem dreijährigen Sohn zu, der mit seinem Laufrad in die Küche saust und „Zwemvest aan!“ kreischt. Die Mutter streift ihm die Schwimmweste über. Schwester Bente, 5, bekommt auch eine, mault aber, weil sie schon schwimmen kann. Dann klettert die ganze Familie über die am Haus angedockte Terrasse auf einen Einmaster. Vater Koen zieht das Großsegel hoch – und los geht’s, raus aufsIJmeer direkt vor der Tür. Bente steckt die blau-weiß-rote Flagge ans Heck.

IJburg ist ein international beachtetes, preisgekröntes Projekt, das eine lange Vorlaufzeit hatte. „Wir haben sechs bis sieben Jahre geplant“, sagt die verantwortliche Architektin Marlies Rohmer, während sie am orangefarbenen Hochglanztisch das Konzept von IJburg erläutert. Auch ihr Büroloft liegt direkt am Wasser, in einem Gewerbegebiet im östlichen Hafenbereich mit Blick auf die Borneo-Insel. Sie erzählt, wie spezialisierte Bauingenieure Schwimmelemente aus hohlen Betonkörpern konstruieren, die den nötigen Auftrieb liefern. Gar nicht einfach war die Anlage von flexiblen Versorgungsleitungen für Strom, Gas und Wasser, die über die Zugangsstege laufen und alle Schwimmbewegungen mitmachen müssen.

Text: Andrea Schuhmacher
Fotos: Jochem Sander

Standfestigkeit schadet nicht: Früher wurde die Keramikkünstlerin Inge Valk (rechts im Bild) daheim Seekrank, wenn das Wasser unter ihrem Haus wogte.

Standfestigkeit schadet nicht: Früher wurde die Keramikkünstlerin Inge Valk (rechts im Bild) daheim Seekrank, wenn das Wasser unter ihrem Haus wogte.

Die ganze Reportage über die Amsterdamer Steghäuser finden Sie im Reisemagazin Amsterdam ab Seite 79. Auch hier zu bestellen.

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