Amsterdamer Brettspiele


Es gibt viele Möglichkeiten, Amsterdam zu erkunden. Die Fahrt mit dem Stand-up-Paddle durch die Grachten ist allerdings neu. Eine wackelige Angelegenheit mit erstaunlichen Perspektiven.

Autor Janek Schmidt erkundet Amsterdam auf einem Stand-up-Paddle-Board. Hier auf der Prinsengracht, Ecke Reguliersgracht.

Autor Janek Schmidt erkundet Amsterdam auf einem Stand-up-Paddle-Board. Hier auf der Prinsengracht, Ecke Reguliersgracht.

Das Wasser glänzt golden im Morgenlicht und wirkt verlockend und beängstigend zugleich. Lange hatte ich mich auf diesen Moment gefreut: Ein Stand-up-Paddle-Board liegt vor mir, eines dieser übergroßen Surfbretter, die so viel Freiheit versprechen, weil man sich einfach draufstellen und losfahren kann – und für den ersten Versuch gibt es kaum einen spektakuläreren Ort als diesen: die Grachten von Amsterdam, das UNESCO-Weltkulturerbe, das „Venedig des Nordens“ und den Schauplatz, an dem schon James Bond zeigte, wie man sportlich Motorboot fährt. Also ergreife ich mein Paddel und frage mich: Was, wenn ich jetzt reinfalle?

Die Idee zu diesem Abenteuer stammt von Morene Dekker. Die frühere Journalistin hatte 2008 eine Stand-up-Paddlerin interviewt, als der Sport auf einer großen Welle aus Hawaii nach Europa schwappte. Bald erkannte sie, dass diese Boards ideal für ihre Heimatstadt waren. Nur wenige Orte haben so lange Kanäle (mehr als 75 Kilometer) mit so viel Wasser (2,2 Milliarden Liter) und so viele Brücken (etwa 1700) wie Amsterdam. Zudem ist die niederländische Hauptstadt bekannt für ihre Toleranz – nicht nur bei den Coffeeshops. Auch auf den Wasserstraßen darf sich jeder ausprobieren, mit seinem Hausboot, seiner Yacht oder mit einem Board.

Stehplatz in Amsterdam: Die Boards, die hier vor der Mageren Brücke dahingleiten, sind 3,50 m lang. Toruguide Morene Dekker (re.) hat den Trend Stand-up-Paddle nach Amsterdam gebracht. Sie führt Autor Janek Schmidt durch die Stadt.

Stehplatz in Amsterdam: Die Boards, die hier vor der Mageren Brücke dahingleiten, sind 3,50 m lang. Tourguide Morene Dekker (re.) hat den Trend Stand-up-Paddle nach Amsterdam gebracht. Sie führt Autor Schmidt durch die Stadt.

„Keine Angst, es ist ganz einfach!“, ruft mir Morene in ihrer unbekümmerten Art zu. Als begeisterte Wassersportlerin hatte sie das Paddeln schnell gelernt und Ideen ausgesponnen, wie sie ihr neues Hobby zum Beruf machen könnte: 2011 gründete sie die erste Stand-up-Paddle-Schule Hollands, und im Folgejahr wurde sie niederländische Meisterin im Langstreckenrennen. Elegant bewegt sie sich jetzt mit ihrem Brett übers Wasser. Mit ihren Schülern übt Morene meistens in einer ruhigen Bucht nahe dem Amsterdamer Stadtstrand Blijburg oder im etwas raueren Gewässer des IJmeers. Doch auf Wunsch bringt sie Touristen auch ins Herz der Metropole: zu den historischen Grachten.

So ein Ausflug erschien mir perfekt, um sonst Unvereinbares zu kombinieren: direkt vom Hotel auf ein Surfbrett steigen – zu einer Stadttour mit Wasserplätschern statt Motorenlärm und zum Sightseeing als Fitnessprogramm. Also fangen wir an, wo auch für die Stadt alles begann: am Fluss Amstel. Einst hatten Fischer hier einen Damm mit Holztoren gebaut, um ihre sumpfige Siedlung vor Überschwemmungen zu schützen. 1275 erhielten sie das Recht, auch Brücken und Schleusen in der Grafschaft von Holland zollfrei zu passieren. Damit konnten sie Waren günstig transportieren, und die Siedlung am Amstel-Damm begann ihren Aufstieg zur bedeutendsten Handelsstadt Europas.
Jetzt starte auch ich meinen Aufstieg – auf ein 3,50 Meter langes Board. Zu meiner Überraschung liegt es stabil unter meinen Füßen. Und schon nach wenigen Paddelschlägen fühle ich mich weit weg von Beton und Hektik der Stadt. In diesen frühen Morgenstunden ist die Luft zwar kühl, und das Wasser lässt mich in meinem Neoprenanzug frösteln, als es über meine Füße schwappt. Dafür sind die sonst so bevölkerten Grachten noch friedlich und leer. So paddeln wir ungestört los.

Wie verrückt die Stadt ist, zeigt, dass man die Pizza auch aufs Brett bekommt.

Wie verrückt die Stadt ist, zeigt, dass man die Pizza auch aufs Brett bekommt.

Wir wollen in die Gegend, in der die Siedler ihre ersten Gräben durch den Sumpf zogen – und so den Grachten ihren Namen gaben. „Paddel aus dem ganzen Oberkörper heraus“, rät mir Morene, und ihre Freude und Souveränität übertragen sich auch auf mich: Fast schwerelos gleitet mein Brett über das Wasser, direkt in Richtung Stadtkern. Dort erhebt sich die Oude Kerk, ein gotischer Prunkbau aus dem 14. Jahrhundert. Nicht nur ist es die älteste Kirche der Stadt, sondern wohl auch die einzige der Welt, die umgeben ist von Schaufenstern mit fast nackten Frauen. Hier im Rotlichtviertel liegen rund um die Grachten Sexshops, Bordelle und Peepshows, aber auch familienfreundliche Cafés und Jugendherbergen. So mischen sich halbstarke Gaffer und diskrete Freier mit nüchternen Reisegruppen und umherstolpernden Kiffern. Mitten in diesem Treiben wuchten wir unsere Paddle-Boards aus dem Wasser, um in der Nähe zu frühstücken.

Die rot beleuchteten Schaufenster sind so früh fast alle leer. Die Nachtschicht der Prostituierten ist beendet. Doch eine Latina hat den Dienst schon wieder aufgenommen. „Hey, mi Amor!“, ruft sie einem Passanten zu und drückt ihren nackten Oberschenkel gegen die Scheibe. Voller voyeuristischer Neugierde starre auch ich hin. Fremdschämen. Ich nehme mein Brett wieder auf und gehe weiter. Wie es wohl sein muss, so entblößt die Blicke von Fremden zu ertragen, frage ich mich und schiele noch einmal zur Latina. Da merke ich, wie mitleidig sie mich anblickt, und realisiere: Mit meinem Neoprenanzug und dem Riesenboard bin ich an Land selbst zur halb nackten Kuriosität geworden. Als cooler Surfer fühle ich mich plötzlich nicht mehr – eher als verirrter Pinguin im Großstadt-Dschungel.

De Waag, die ehemalige Stadtwaage, steht unweit vom Rotlichviertel am Nieuwmarkt.

De Waag, die ehemalige Stadtwaage, steht unweit vom Rotlichviertel am Nieuwmarkt.

Aber das ändert sich bald. Denn nach dem Frühstück sind wir verabredet mit Esli Bijker – und der weiß, wie man auf den Grachten Spaß haben kann. Der braun gebrannte Blondschopf segelte mehrere Jahre lang mit Touristen durch die Karibik. Zu Hause in Amsterdam veranstaltete er Feste auf Grachtenbooten. Zwar uferte eine Feier so aus, dass ein Anwohner von seinem Balkon einen Blumenkasten über dem Partyboot entleerte. Doch das hielt ihn nicht davon ab, das Unternehmen Friendship zu gründen, mit dem er Besucher über die Kanäle schippert.

„Der Kampf um Touristen ist hart“, erzählt Bijker. Für Grachtentouren benötigt man eine Lizenz. Da es nur 187 gibt, sind sie entsprechend begehrt und teuer. Einige große Tourunternehmen dominieren den Markt. „Ihre Kapitäne denken, dass die Grachten ihnen gehören.“ Einige von Bijkers Booten würden von den mächtigen Konkurrenten sogar absichtlich gerammt. „Die bestreiten das natürlich“, sagt er und grinst: „Aber wir konnten ihren Funk abhören, und da haben sie sich angefeuert, uns anzufahren.“ Als kommerzieller Anbieter muss er zudem Regeln befolgen, die die Wasserschutzbehörde Waternet vorgibt: Musik aus Lautsprechern ist verboten; in einigen Kanälen darf er nur in eine Richtung fahren, und das mit höchstens 7,5 km/h – was sogar Blitzer kontrollieren.
Für Stand-up-Paddler gibt es in Amsterdam praktisch keine Gesetze. …

Text: Janek Schmidt
Fotos: Malte Jäger

Wollen Sie weiterlesen? Die vollständige Reportage finden Sie im Reisemagazin Amsterdam ab Seite 32. Auch hier zu bestellen.

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