Ab ins Wespennest


Die Vespa wurde im Jahr 1946 im toskanischen Pontedera zum ersten Mal gebaut. Unsere Autorin ist mit einem dieser Kultgefährte von Florenz in die Geburtsstadt der „Wespen“ gefahren. Eine Beziehungsgeschichte und eine Heimkehr.

Unsere Reise beginnt mit einer Auseinandersetzung: Meine Begleiterin rührt sich nicht. Schuld ist ihr Lenkradschloss. In der Theorie ist alles klar: Lenker leicht bewegen, Schlüssel nach links drehen und Schloss vorziehen. In der Praxis tut sich jedoch: nichts. „Du musst Geduld haben, sie ist alt“, hatte mir der Eigentümer der Vespa Primavera 125 erklärt, mit der ich die nächsten Tage verbringen werde. Und mir noch eine Weisheit mitgegeben, die nicht nur bei störrischen Vespas hilft: „Du musst den richtigen Moment abpassen.“ Doch offensichtlich bin ich nicht gut im Richtigen-Moment-Abpassen. Das Schloss bewegt sich nicht. Schließlich rettet mich der Besitzer des florentinischen Parkhauses, in dem ich die Vespa untergestellt habe. Er entsperrt das Schloss beim ersten Versuch und erklärt seinen Erfolg mit einem Satz, den ich während der Reise noch oft hören werde: „Ich hatte auch mal eine Vespa, damals, neunzehnhundert …“

Ich auch. Während meines Studienjahres in Pisa. Damals düste ich damit durch die Stadt und ans Meer. Aber plötzlich war das Jahr vorbei, und ich hatte verpasst, was ich mir fest vorgenommen hatte: auf der Vespa die Heimat des Kultgefährts zu erkunden, die Toskana. Das wird nun nachgeholt. Ich will in vier Tagen von der Hauptstadt Florenz bis in die Industriestadt Pontedera fahren. Dorthin, wo 1946 die Erfolgsgeschichte der Vespa begann, als der Ingenieur Corradino d’Ascanio für den Flugzeugbauer Piaggio ein Fortbewegungsmittel erfand, das bis heute weltweit millionenfach verkauft wurde.

Die Vespa, die ich mir dafür geliehen habe, ist 40 Jahre alt und gehört Andrea Fiore. Der 44-jährige Maurer ist Vespasammler und -schrauber seit seiner Kindheit. „Das ist eine Krankheit“, sagt er. Die Faszination der Vespa liegt für ihn in ihrer Einfachheit. Sie sei einfach zu fahren und zu reparieren. „Und da sie nicht so schnell ist, kann man sich während der Fahrt die Landschaft anschauen.“ Derzeit besitzt Fiore acht Vespas. Mein Exemplar fand er vor fünf Jahren – in einem Feld liegend, von Rost durchlöchert. Er nahm es mit und verbrachte zwei Monate lang seine Feierabende damit, den Roller wiederherzustellen. Jetzt soll mich dieses Gefährt auf einer 300 Kilometer langen Tour sicher durchs Land begleiten? Wir werden ja sehen.

Zunächst muss ich aus Florenz herausfinden – eine echte Hürde. Zwar ist es herrlich, vorbei an alten Häusern durch schmale, holprige Gassen zu knattern. Wegen der vielen Einbahnstraßen aber wird die Stadt zum Labyrinth, und es dauert eine Weile, bis ich den Ausgang finde. Die erste Etappe führt uns – also meine Vespa und mich – nach Süden, durch das Weinbaugebiet Chianti. Auf der Regionalstraße 222, der Chiantigiana, geht es vorbei an grünen Hügeln mit Zypressen, an Weinbergen, Weingütern und durch alte Dörfer mit grauen Steinhäusern. Der Fahrtwind streicht warm über Arme und Gesicht, der Duft der Natur umweht die Nase.

Unser erstes Ziel ist Greve in Chianti, ein kleines Städtchen mit einer dreieckigen Piazza mit Bogengängen, unter denen sich Bars, Restaurants und Läden verstecken. Hier parke ich die Vespa vor der Metzgerei Falorni, in der ich unter einem Himmel aus geräucherten Schinkenkeulen zu Mittag esse. Stefano Bencistà Falorni führt die Antica Macelleria Falorni in achter Generation. In seinem Laden mit Bistro bietet der 68-Jährige toskanische Spezialitäten wie Fenchel- oder Wildschweinsalami an. Auch er erzählt eine Geschichte, als er meine 125er sieht. „Mit elf, zwölf Jahren hatte ich eine Vespa, an die vorn und hinten eine Kiste montiert war“, sagt er. „Ich stand gegen vier Uhr auf und lieferte damit vor Schulbeginn unsere Produkte aus.“

Immer wieder lockt dieses Gefährt Menschen an. So erzählt mir ein französischer Tourist, dass er vor 40 Jahren das gleiche Modell gehabt habe, während er den Lenker streichelt. Zweijunge Polen wollen ein Foto mit Vespa, ein Italiener ruft im Vorbeifahren aus dem Auto: „Che bel Vespino!“ – „Welch schönes Vespalein!“

Am Nachmittag aber wird die Fahrt ungemütlich: Meine linke Hand samt Handgelenk schmerzt – ich bin das Schalten nicht mehr gewohnt. Daher bin ich froh, als wir unser Tagesziel erreichen: Castelvecchi bei Radda in Chianti, ein mittelalterlicher Weiler, der zu einem Agriturismo umgebaut wurde. Nach der Führung durch die Kellerei des Anwesens gibt es auf dem zur Restaurantterrasse umfunktionierten Dorfplatz endlich das, worauf eine Fahrt durchs Chianti große Lust macht: ein Glas Rotwein.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Süden. Das Lenkradschloss geht auf, und wir durchqueren die Crete Senesi, eine Ton- und Kreidelandschaft, in der neben endlosen Äckern und langen Zypressenalleen immer wieder die für die Gegend typischen weißen, unbewachsenen Hügel mit den schmalen Furchen auftauchen, die an eine Mondlandschaft erinnern.

Aber bei Montalcino überrascht uns ein Gewitter. Wasser peitscht mir ins Gesicht, die Straße wird rutschig, und Schutz bietet schließlich ein Torbogen in dem mittelalterlichen Städtchen. Immerhin: Die Schienbeine sind trocken, und schmutzig bin ich auch nicht geworden – dank der einzigartigen Bauart der Vespa. Was einen simplen Grund hat: Vespa-Erfinder d’Ascanio konnte Motorräder nicht leiden; nur deshalb entwarf der Flugzeugingenieur ein ganz neuartiges Zweirad, als sein Chef Enrico Piaggio ihn nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Konstruktion eines einfachen, eleganten und robusten Verkehrsmittels für die Massen beauftragte. Das Ergebnis begeisterte Piaggio. „Pare una vespa!“, soll er gerufen haben: „Sieht aus wie eine Wespe!“ Ein Mythos war geboren. Seitdem vermittelt die Vespa ein Gefühl von Freiheit. Und sie ist längst nicht mehr nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Steckenpferd, Statussymbol, Modeaccessoire und gefragtes Werbemodel. Auf der Weiterreise bläst dann warmer Fahrtwind die Nässe aus den Kleidern.

Die Nacht verbringen wir inmitten der Crete, im abgeschiedenen Benediktinerkloster Monte Oliveto Maggiore. Während tagsüber viele Besucher durch den berühmten Kreuzgang der Abtei wandeln und die Fresken bewundern, herrscht abends idyllische Ruhe. Nach der Vesper mit gregorianischen Mönchsgesängen und einem Abstecher ins Restaurant übernachte ich im Gästehaus des Klosters – bewacht von einem im Dunklen leuchtenden Jesus über dem Bett.

Tag drei führt uns nach Westen, durch bewaldetes Gebiet. Sonnenstrahlen fallen durch die Wipfel, es duftet nach Nadelholz, und wir sind meist allein auf der Straße. Nach rund 40 Kilometern erreichen wir die Bagni di Petriolo – frei zugängliche Schwefelquellen mitten im Nichts, wo heißes Wasser durch Steinbecken in einen Fluss plätschert. Darin wärme ich mich von der Fahrt im kühlen Wald auf…

Die ganze Reportage über unsere Vespa-Tour durch die Toskana finden Sie im Reisemagazin Toskana ab Seite 60. Auch hier zu bestellen.

Text: Tina Nachtmann
Fotos: Gianni Cipriano

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2 Antworten zu “Ab ins Wespennest

  1. Hat dies auf My first Vespa rebloggt und kommentierte:
    Ich habe einen Vorgeschmack auf einen sehr schönen Reisebericht im Blog des ADAC Reisemagazins gefunden, den ich mit euch teilen möchte. Den kompletten Reisebericht könnt ihr dem aktuellen ADAC Reisemagazin Toskana ab Seite 60 entnehmen.

    Wer träumt nicht auch von einer Tour durch die Toskana auf dem Sitz einer schönen Vespa?! 😉 Ich werde mir das Reisemagazin des ADAC wohl kaufen, um den schönen Artikel zu Ende lesen zu können.

  2. Sehr schöner Bericht! Vespa zu fahren ist in der Tat sehr schön! Auch die geringe Geschwindigkeit meiner LX50 lässt den Spaßfaktor nicht schmälern, im Gegenteil, wie im Text geschrieben ist, genießt man die Landschaft viel mehr.