PS: Ich liebe dich


Auf einem sechstägigen Wanderritt durch die Maremma haben wir uns nicht nur in die unberührte Landschaft verguckt, sondern auch in unsere vierbeinigen Begleiter, die uns zeigten, wie viel Kraft in einer Pferdestärke steckt.

Es ist die reine Verzweiflung. Was ist das größere Übel? Die Aussicht, den dritten Tag in Folge mit einem klebrigen Film aus Sonnencreme, Staub und hochsommerlichem Schweiß auf der Haut zu verbringen? Oder in diesem undurchsichtigen Tümpel voller Entengrütze zu baden und so die Chance auf eine Art von Dusche zu bekommen? Ich stehe am grasbewachsenen Ufer des Lago di Mezzano und rühre mit dem großen Zeh in der modrigen Brühe. Mein Körper und mein Geist sind eigentlich auf saubere Badewannen eingestellt. Und im Urlaub gern auch auf durchgestylte Spa-Bereiche, aber das hier?

Gut, dass eine Pferdetrekkingtour durch die südliche Maremma kein Urlaub auf der Wellnessfarm sein würde, hätte ich ahnen können. Sechs Tage Reiten in unberührter Natur. Jede Nacht an einem anderen Ort zelten. Essen am Campingtisch in einer Art Feldkantine. Zähne putzen mit Mineralwasser unter freiem Himmel. Herrlich! Das ist echt, das ist authentisch – das ist Abenteuer. Und dann noch die Toiletten. Welche Toiletten? Dass in Reisekatalogen stets jede noch so kleine Sonderausstattung angepriesen wird, Hinweise auf das Fehlen geschätzter Einrichtungen wie Dusche, WC und WLAN hingegen selten zu finden sind, wird mir schmerzhaft bewusst, als ich in der ersten Nacht auf der Suche nach Erleichterung über eine Zeltschnur stolpere. Kein Klo, keine Taschenlampe, spätestens hier fängt der Großstadtindianer das Fluchen an. Und schämt sich mit jedem Tag der Tour mehr über diesen Ausraster, macht doch genau die Auslassung all dieser Extras unseren Ritt zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Die Gruppe, mit der ich vom Reiterhof Cornacchino bei Castell’Azzara aufgebrochen bin, um den wilden Westen Italiens vom Pferderücken aus zu erkunden, besteht aus Maurizio, unserem Reitführer, und Emanuele, einem jungen Mann aus Bergamo, sowie acht Frauen, die aus Deutschland, Italien und Frankreich kommen. Am ersten Tag lässt uns Maurizio, der mit seinem etwas zu langen, grauen Haar, dem lässigen, weißen Hemd und dem tief ins gebräunte Gesicht gezogenen Hut ganz den italienischen Cowboy gibt, im Paddock auf dem Hof vorreiten. So kann er sich ein Bild von unseren Fähigkeiten machen. Er kennt seine Pferde, als wären sie seine Kinder, und deshalb auch sofort seine Reisegruppe: „Ich weiß, wie sie auf die verschiedenen Reiter reagieren, und sehe sofort, ob ein Pferd zum Charaktereines Menschen passt oder nicht“, sagt der 56-jährige Florentiner, der seit 1986 regelmäßig Trekkingtouren für den Cornacchino-Hof begleitet. Italiener würden häufig übertreiben, sagt er, „Gäste aus Deutschland oder der Schweiz jedoch schätzen ihre reiterischen Fähigkeiten viel realistischer ein“. Das sollte man auch, denn in dieser Partnerschaft auf Zeit – bei rund 30 Kilometern am Tag und bis zu sieben Stunden im Sattel – muss zwischen Mensch und Tier alles passen.

Zwischen Lillo und mir ist es Liebe auf den ersten Blick. Der dunkelbraune Anglo-Araber mit der langen, schwarzen Mähne hat ein gelassenes Gemüt und weiche Bewegungen. Zuverlässig und fleißig trägt er mich während der nächsten Tage über Feldwege, Asphaltstraßen, durch hüfthohe Wiesen, zwängt sich mit mir durch Brombeergestrüpp, klettert durch Bachbetten und säuft nebenbei Wasser oder stopft sich feinstes Maremmagras ins Maul.

Jeder Trekkingtag folgt einem festen Rhythmus: Morgens um 7.30 Uhr aufstehen, feststellen, dass zwei Isomatten eben doch keine Matratze ersetzen, den Schlafsack zusammenrollen. Krümel und Tannennadeln aus dem Zelt fegen, Mückenstiche zählen – Handynetz suchen und keines finden. In der Zwischenzeit haben Doris und Gianluca vom Verpflegungsteam bereits das Frühstück mit italienischem Kaffee aus der Bialetti-Kanne, Müsli, Weißbrot und Marmelade vorbereitet. Und dann werden die Pferde von der Nachtweide geholt. In der Nähe von Bauernhöfen können die vorhandenen Koppeln genutzt werden, in freier Wildnis errichten die Helfer im Begleitfahrzeug einen provisorischen Elektrozaun.

Beim Putzen und Satteln der Pferde hat Maurizio seine Augen überall, kontrolliert uns Reiter: „Du musst den Sattelgurt fester ziehen“, ordnet er dann an oder prüft den richtigen Sitz des Zaumzeugs. Gegen 10 Uhr schließlich setzt sich unsere kleine Karawane in Marsch. Variabel ist einzig die Landschaft: Giulio Costi, einer der drei Besitzer des Reiterhofs Cornacchino, hat die insgesamt 180 Kilometer lange Route vor vielen Jahren selbst geplant. Sie führt durch das dicht bewachsene Tal des Fiora-Flusses, vorbei an der Einsiedelei Poggio Conte, wo Eremiten im 16. Jahrhundert eine Kirche in Tuffstein gegraben haben. Wir reiten durch schluchtenartige, von bis zu 20 Meter hohen Felswänden begrenzte, kaum zwei Meter breite Hohlwege, die die Etrusker irgendwann zwischen 800 und 100 v. Chr. angelegt haben. Noch heute sind sich die Archäologen und Historiker uneins, ob diese „Vie Cave“ als Straßen oder eher als eine Art Kanalisation in den Tuffstein gehauen wurden. Mir persönlich wäre die Straße lieber …

Die ganze Reportage über unseren wilden Ritt durch die Toskana finden Sie im Reisemagazin Toskana ab Seite 140. Auch hier zu bestellen.

Text: Katja Fastrich
Fotos: Espen Eichhöfer

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