Die Beetbrüder


Paris ist mit 3000 Hektar Grünfläche, einer halben Million Bäumen und 400 Parks und Gärten gesegnet. Wir haben uns die besten Gartenmacher etwas näher angeschaut.

Viel Gras ist bisher über die Erinnerungen gewachsen, und selbst beim Genuss von Äpfeln, Erdbeeren oder Tomaten denke ich kaum mehr an das Trauma meiner Kindheit. Sogar beim Pflücken von Blumen kommt eine gewisse Liebe zur Natur in mir auf. Nur manchmal wuchert es wieder im Hirn und dem Herzen, wie Unkraut auf den Beeten. Nach dem Schulbesuch fand ich auf dem Küchentisch häufig einen Zettel meiner Mutter, auf dem sie mir Arbeiten im Garten auftrug. So blieb vor lauter Ackern im Feld und auf der Wiese der Blick für die Natur, für das Blühen, Wachsen und Vergehen getrübt. Es musste gegraben, gejätet, gepflückt, gesammelt, gemäht und gerodet werden, bis der Garten und die Grünflächen, die wie ein kleiner Park angelegt waren, den Vorstellungen meiner Mutter, einer Hobby-Gärtnerin mit dem Anspruch einer Landschaftsarchitektin, entsprachen. Diesem hehren Ziel versuchte ich als gehorsamer Sohn gerecht zu werden, der Erfolg blieb jedoch mäßig. All die Erlebnisse zogen zwar keine gravierende Persönlichkeitsstörung nach sich, aber vom Wunsch nach einem eigenen Garten bin ich bis heute weit entfernt.

Auch Prinz Louis Albert de Broglie, 51, war ob seiner Leidenschaft, wie er bei unserem Treffen charmant betont, „noch nicht in psychiatrischer Behandlung“. Seine Erscheinung: wallendes Haar, klarer Blick, Hände eines Pianisten, Einstecktuch. Seine Manieren: vollendet, aristokratisch. Der Gast steht im Mittelpunkt, nicht das unentwegt klingelnde Handy. Der Spross eines alten Adelsgeschlechts, aus dem Heerführer, Historiker, Staatsmänner und sogar ein Nobelpreisträger für Physik hervorgingen, wurde nach einer Bankerkarriere in London und Aufenthalten in Indien und Lateinamerika mit Leib und Seele Gärtner. „Seit meiner Kindheit zog es mich in den Garten, zu den Früchten, den Blumen und den Sträuchern, während mein älterer Bruder Philippe Maurice den Wald mit seinen Baumriesen, Farnen und undurchdringlichen Wegen liebte“, sagt er verklärt und fährt gedankenverloren fort: „Es gehört wohl zu meiner DNA und ist mir im darwinschen Sinne angeboren.“

Als er 1991 das Château de la Bourdaisière, ein Renaissance-Schloss im Loiretal, erstand, wurde aus dem Schloss ein Hotel, aber in dem 55 Hektar großen Park schuf der Prinz keinen Lustgarten mit schnurgeraden Alleen, maßgeschneiderten Obstbäumen, schachbrettartig angelegten Blumenbeeten, labyrinthartigen Irrgärten und wasserspeienden Figuren in Brunnen, sondern seinen „Garten Eden“. „Für mich war von Anfang an der Garten der schönste und herausforderndste Teil der Immobilie, weil er mich in meine Kindheit zurückversetzte, zu den Düften und Geschmäckern, die uns fast schon verloren gegangen waren“, erinnert sich der Prinz. Seither experimentiert er mit alten Obst- und Heilpflanzen und kultiviert etwa 650 Sorten Tomaten. Die ihm angedichteten Namen „Gärtnerprinz“, „Tomatenkönig“, „Gentleman-Farmer“ oder „Grüner Prinz“ trägt er mit Stolz – wie seinen alten Adelstitel.
Und die Tomaten adeln ihn tatsächlich. Die weltweit am häufigsten konsumierte Frucht ist seine ganze Leidenschaft. Deshalb startete er 1998 sein Ökoprojekt „Le Conservatoire de la Tomate“, beschafft altes Saatgut von Sammlern und Organisationen und möchte Menschen wieder für den Gartenbau sensibilisieren. Auf dem Gelände, das ein wenig an einen Schrebergarten erinnert, wachsen denn auch Tomaten mit possierlichen Namen wie Banana Legs, Cherokee Chocolate, Green Zebra oder White Rabbit. Es ist eine der größten Tomatenkollektionen weltweit, und die Früchte könnten in Form, Farbe und Geschmack nicht unterschiedlicher sein. Mal haben sie die Form einer Banane, mal die eines Apfels oder einer Birne. Mal sind sie postgelb, mal grasgrün, mal schneeweiß, mal gestreift oder gepunktet – nur selten rot. Mal schmecken sie süß, mal sauer, mal mild oder fruchtig.

Wer die „Prinzenfrüchte“ sehen, etwas über Anbau und Verwendung erfahren möchte, hat dazu jedes Jahr Mitte September beim „Festival de la Tomate & des Saveurs“ auf seinem Schloss in Montlouis-sur-Loire Gelegenheit. Aber der Prinz bewies nicht nur das richtige Gespür für Tomaten, Obst und Blumen, vor allem Dahlien, sondern ersann 1995 auch seine Gartenkollektion „Le Prince Jardinier“. Der grüne Fiat 500, der ihm seit mehr als 20 Jahren Begleiter ist, steht vor seiner edlen Pariser Boutique im 7. Arrondissement, in der Rue du Bac. Im Innern werden schicke Gartenutensilien und -kleidung, Lebensmittelprodukte sowie Bücher verkauft. Ergänzt wird das Angebot durch Parfum – sechs unverwechselbare Düfte, von Landschaften und Gärten inspiriert, die er selbst kreiert hat. Der Prinz möchte den Menschen die Gartenarbeit wieder nahebringen, und das mit Geräten, die zweckmäßig und zugleich schön sind. Zumeist sind es Reproduktionen nach alten Vorlagen aus recycelten Materialien.

Im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich die naturwissenschaftliche Institution Deyrolle, deren Präsident er seit 2001 ist: ein Kabinett der Kuriositäten aus dem Jahr 1831 mit einer Kollektion aus präparierten Tieren, Skeletten, Mineralien, Schmetterlingen, Insekten, alten Schriften und Drucken, das er vor dem Niedergang rettete und nach einem Brand 2008 wieder aufbaute. Dem Familienmotto „Für die Zukunft“ verpflichtet, schöpft er aus dem Fundus der Sammlung zu so unterschiedlichen Themen wie Natur und Wissenschaft, Mythos und Realität, Kunst, Leben und Tod und gibt in einem kleinen Verlag Bücher heraus, die altes Wissen neu vermitteln sollen.

Die ganze Reportage über die Gärten in Paris finden Sie im Reisemagazin Paris ab Seite 102. Auch hier zu bestellen.

Text: Hartmut Kobrow; Fotos: Sabine Delcour

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