Jedem die Seine


Die Pariser entdecken ihren Fluss gerade neu – vom Frühstück auf
dem Hausboot bis zur nächtlichen Schiffsparty. Beim Flanieren auf Fußgänger-Quais, wo vor Kurzem noch Autos über die Schnellstraße rasten. Oder beim Wasserskifahren vor riesigen Wolkenkratzern.

Die Nacht war kühl auf dem Fluss, und Madame Oet genießt jetzt die Morgensonne an Deck ihres Hausboots Johanna. Milchkaffee, Baguette mit Marmelade. Der Partylärm ist verklungen, das Hin und Her der Ausflugsboote hat noch nicht begonnen. Grüngrau fließt die Seine. Auf dem Quai am linken Ufer, an dem ihre Péniche vertäut ist, traben Jogger vorbei. Unterhalb der Tuilerien-Gärten steht ein Mann am Fluss und spielt Trompete. Ein kleiner Morgenwind streift übers Deck. Parvin Oet nippt an ihrem Kaffee. „Verstehen Sie, warum ich gern hier lebe?“
Seit 38 Jahren wohnt die Lehrerin auf der Seine. „Mein Mann liebt das Wasser“, sagt sie. Deshalb hätten sie einst Johanna gekauft. Unten im Salon hat das Ehepaar ein Piano und ein Aquarium aufgestellt, oben an Deck eine Gartenlaube eingerichtet. Palmen und Bambussträucher schützen vor Blicken. Ein Frachtkahn schiebt sich vorbei. Johanna schaukelt in den Wellen. Ein Idyll mitten in Paris.

Hunderte von Familien leben an der Seine auf solchen Péniches. Die Boote mit ihren Decks voller Blumen und Kräuter, Grills, Fahrräder, Liegestühle und Sitzgarnituren säumen den Fluss. Johanna aber ist ein besonderes Schiff. Wegen ihrer Lage am Musée d’Orsay – und weil Reisende sich an Bord einmieten können. Madame vermietet zwei Schlafkojen mit Bad, Frühstück inbegriffen. „Ziehen Sie den Kopf ein“, sagt sie, als sie uns unter Deck führt. „Das hier ist was für sportliche Leute. Aber wer wohnt schon so zentral?“

Paris gilt als Lichterstadt. Doch es ist auch eine Stadt des Wassers. Ohne die friedliche Seine mit ihren Inseln wäre die spätere Kapitale hier nie gegründet worden. Der Fluss diente als Verkehrsweg, spendete Fisch und Trinkwasser. Auf dem Wappen von Paris prangt ein Schiff. Der Wahlspruch lautet: „Fluctuat nec mergitur.“ – „Es schwankt, aber geht nicht unter.“
Vor der Péniche, wo jetzt Kinder Fahrradfahren üben und abends junge Leute der Livemusik auf einer Bühne lauschen, war bis vor einigen Jahren ein Parkplatz. Auf dem Quai schossen 2000 Autos vorbei, stündlich. Diese Zeiten sind vorüber. Paris gibt die Uferstraßen den Menschen zurück. Wer die Stadt kennenlernen will, sollte sich wieder an ihren Fluss halten.

„Die meisten großen klassischen Museen liegen am Ufer oder in seiner Nähe“, sagt Stéphane Martin. Auch viele neuere Kunsttempel seien an der Seine erbaut worden. Etwa das Musée du Quai Branly, das Martin leitet. Auf einer früheren Insel nahe dem Eiffelturm errichtet, ist es eine Provokation im Herzen der kulturell eher konservativen Stadt. Zum einen, weil der von Stararchitekt Jean Nouvel entworfene, ultramoderne Komplex kühn an die alten Haussmann-Häuser andockt. Zum anderen, weil dieses Museum nicht der Kunst des Abendlandes gewidmet ist, sondern anderen Kontinenten. Erdbraun getünchte Gänge und Höhlungen enthalten Vitrinen mit Totems, Masken und Gewändern aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien. Schummriges Licht und psychedelische Musik ziehen Besucher hinein in exotische Kulturen vom Kongo bis zum Amazonas.
„Es war schwierig, dies in Paris zu etablieren“, sagt Martin, während Wasser an den pflanzenüberwachsenen Wänden seines Büros hinuntergluckert. Doch sei ihm der Zeitgeist entgegengekommen. Viele Menschen wollten heute fremde Welten besser verstehen. „Die Museen, in denen unsere Kunstwerke bis 2006 untergebracht waren, verbuchten im Jahr 300 000 Besucher. Wir haben 1,4 Millionen.“ Dies sei auch der Lage an der Seine zu verdanken. „In vielen Räumen hier fühlt man sich wie in einem Boot“, so Martin. Er rät, mittags zu kommen: „Dann ist das Licht am schönsten.“

Weiter geht es mit dem Batobus. Die verglasten Boote halten an acht Stationen zwischen Eiffelturm im Westen und Jardin des Plantes im Osten. Am Musée d’Orsay steigen wir aus. Nicht wegen der famosen Gemäldesammlung – vielmehr gilt es, die neue Attraktion am Fluss genauer zu entdecken: die Berges de Seine. So heißt das seit Sommer 2013 verkehrsberuhigte, linke Ufer zwischen Pont de l’Alma und Pont Royal. Für die Stadtregierung bedeutet es eine Reconquête, eine Rückeroberung der Seine für Flaneure, Radfahrer, Jogger und Genießer. Jahrelang hatten Stadtplaner mit Autofahrern und anderen Skeptikern um das Projekt gerungen. Nun sind die Berges Realität – und dienen gleichsam als Schaufenster für das Leben am Fluss, wie es bald schon vom Bois de Boulogne bis zum Bois de Vincennes gedeihen soll.

Die ganze Reportage über die Seine finden Sie im Reisemagazin Paris ab Seite 138. Auch hier zu bestellen.

Text: Stefan Ulrich; Fotos: Jean-Marie Heidinger

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