Mode-Erscheinung


Wir haben unsere Autoren gebeten, sich im Selbstversuch in schicke Pariser zu verwandeln. Eine Personal Shopperin hat die beiden daraufhin in dem In-Viertel Marais komplett umgestylt.

Es ist schon merkwürdig und grenzt an Zauberei. Da steigt man in München als ordentlich gekleideter Mensch ins Flugzeug und fühlt sich, kaum in Paris angekommen, wie ein Clochard. Die Frauen dort, die mir schon in der Metro begegnen, sind von einer erstaunlichen Aura der Eleganz umgeben. Schick, aber natürlich – robuste Schuhe zu extravaganten Kleidern, mädchenhaft offene Haare zum Businesskostüm. Pariserinnen tragen auch tagsüber Outfits, die selbst am Abend übertrieben sein könnten, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich schamvoll auf meine bequem sitzende Jeans schielen lässt. Aber nicht mehr lang. Denn Jakob und ich werden bald aussehen wie echte Pariser. Dafür wird Personal Shopperin Laureen Allegro sorgen, die uns einen Tag lang begleitet. Die 33-Jährige arbeitete nach dem Modestudium in Paris als Designerin für Haute Couture und Prêt-à-porter-Mode, bis sie sich selbstständig machte. Seit vier Jahren berät sie nun Unentschlossene, Geschmacksverwirrte, Shoppinghasser – und deutsche Journalisten. Es kann passieren, dass ihre Kunden danach ganz anders aussehen als zuvor. Wir sind gespannt.

Männern gegenüber ist Paris noch gnadenloser. Männern gönnt die Stadt nicht die unterschiedlichen Schattierungen von Eleganz, sondern selektiert klar: Auf der Straße laufen, wie mit dem Seziermesser getrennt, gut geschnittene Sakkos, Hosen und Frisuren herum – und Herren, die aussehen, als hätten sie sich das letzte Mal Klamotten gekauft, als Mitterrand noch im Amt war. Wer Stil hat, muss dafür viel Geld ausgeben. Das sieht man. Aber nicht nur das. Die Herren kombinieren bedenkenloser als in Deutschland: ambitioniert zerschlissene T-Shirts zum edlen Anzug, Dreadlocks über dem Ausgehrock. Formen und Schnitte werden radikaler ausgereizt: Ein Kunde, der gerade aus dem Laden The Kooples kommt, trägt eine Art T-Shirt-Robe, die unter den Armen fast bis zur Höhe des Bauchnabels ausgeschnitten ist. Alles klar. Oder auch nicht.
In dem Laden sorgt schwarz lackiertes Holz für eine Atmosphäre, die beides ist: elegant und doch einen Hauch verwegen. Widersprüche, das hat Laureen schon beim Espresso am Morgen gesagt, machen die Mode in Paris spannend. Und: „Ohne einen richtig gut sitzenden Anzug geht nichts.“ Das klingt alles logisch, aber auch kompliziert. „Keine Sorge“, sagt sie, zieht ein fein kariertes Sakko mit Hose vom Kleiderständer und schickt mich damit in die Umkleide. Zehn Minuten später verlasse ich The Kooples. Und in einem großen Stoffsack ist das, was Laureen gefordert hat: ein richtig gut sitzender Anzug.

Die Pariser Mode sei derzeit alles andere als bunt, erklärt Laureen. Prompt sehe ich bei Claudie Pierlot, dem nächsten Laden, nur Weiß, Grau, Schwarz und Dunkelblau. Der Inhalt meines Kleiderschranks sieht im Vergleich wie ein Haufen bunter Ostereier aus. Orientierungslos laufe ich herum, bis Laureen mir ein paar Kleiderbügel in die Hand drückt und mich in eine Kabine schickt. Dort schlüpfe ich in eine knallenge, schwarze Lederhose und eine dunkelblaue Bluse mit schwarzem Kragen. Zwei Kleidungsstücke, die ich nie in die Hand genommen hätte. Vor dem Spiegel die Überraschung: Es gefällt mir. Sehr sogar. „Du bist schön!“, sagt Laureen. „So solltest du dich anziehen!“ Still verabschiede ich mich von meiner Jeans, mit der ich künftig nur noch Wände streiche.

Bei Claudie Pierlot wird mir bewusst, was anders ist an den Pariser Boutiquen. Es ist das Selbstverständnis, mit dem hier Mode präsentiert wird. Der Stil beginnt beim Raum: überall Bodendielen aus edlen Hölzern, Tische und Stühle, die selbst Designobjekte sind. Die Musik hat die richtige Lautstärke, um minimal zu euphorisieren, leise genug, um nicht zu nerven. In Deutschland sehen Galerien so aus. Man stellt hier nicht Mode aus – man präsentiert Kunst. Und doch werden die „Kunststücke“, die Klamotten – eigentlich Hauptprotagonisten einer Modeboutique –, fast beiläufig angeboten. Ein kleiner Tumult reißt mich aus meinen philosophischen Betrachtungen. Um Julia herum bricht Begeisterung aus. Sie trägt ein bordeauxrotes Kleid mit Schleifchen an den Seiten. Und eine milde Form von Argwohn im Gesicht: „Ich sehe bestimmt aus, als wollte ich zu meiner eigenen Taufe, oder?“

Die ganze Reportage über Pariser Mode finden Sie im Reisemagazin Paris ab Seite 112. Auch hier zu bestellen.

 Text: Julia Bähr und Jakob Biazza; Fotos: Stéphanie Tétu

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.