Auf die sanfte Tour


Die Stadt Paris mit dem Velo zu erkunden – das birgt sogar für den Sportchef eines Profiradteams die eine oder andere Überraschung.

Zugegeben, mein Rad ist nicht gerade wettkampftauglich. Mit gut 22 Kilo wiegt es mehr als dreimal so viel wie das Renngefährt von Alain Gallopin. Dessen bei der Tour de France erprobter Carbon-Racer hat wohl auch 30-mal so viel gekostet. Egal, wir sind hier nicht auf der Jagd nach dem Gelben Trikot, sondern zum Spaß. Als Sportchef des Radrennstalls Trek und ehemaliger Rennradprofi ist Alain Gallopin zwar auf maximales Tempo getrimmt. Aber heute macht er eine Ausnahme, um mit seiner Tochter Mélina durch Paris zu radeln.

Paris mit dem Fahrrad? Geht das überhaupt? Lohnt es sich? Und ist es nicht ein bisschen lebensgefährlich? Wir wollen den Test machen und haben den Profi und seine Tochter gebeten, mit uns die Stadt per Pedal zu erkunden. Mélina, die als Doktorandin der Mathematik an der Pariser Universität unterrichtet, ist hier fast täglich mit dem Rad unterwegs. „Paris“, sagt sie, „ist auf dem Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt.“ Für eine verkehrsbeunruhigte 2-Millionen-Einwohner-Zone kommt das einer Revolution gleich. Diese ist in erster Linie den Vélib’ zu verdanken, den inzwischen mehr als 23.000 städtischen Leihfahrrädern, die Bürgermeister Bertrand Delanoë 2007 einführte. „Vélib’ hat die Stadt verändert“, sagt Mélina, die – wie 283.000 andere Pariser – ein Jahresabo für die grauen Leihräder hat und sie regelmäßig für kurze Etappen benutzt. Jeden Tag werden die Räder im Schnitt 170.000-mal ausgeliehen. Weil unsere geplante Tour etwas länger ist, startet Mélina heute jedoch mit ihrem eigenen Bianchi-Rennrad. Sie will ihrem Vater, der außerhalb wohnt und die Stadt nur als Fußgänger und Autofahrer kennt, zeigen, dass das früher noch vollkommen undenkbare Fahrrad eine echte Fortbewegungs-Alternative geworden ist.

Unser Testlauf folgt einer klassischen Route, die vom Eiffelturm über Notre-Dame bis zum Arc de Triomphe führt. Insgesamt gut zehn Kilometer. Für einen Rennradler wie Gallopin, der aus purer Freude an manchen Tagen 150 Kilometer wegstrampelt, ist das in etwa so sportlich wie der Gang zum Bäcker für einen Marathonläufer. Sei’s drum, heute ist der Weg das Ziel.
Es ist halb zehn, der Himmel strahlt wie poliert, die Morgensonne taucht den Eiffelturm in warmes Licht. Zu seinen Füßen bilden sich bereits die ersten Warteschlangen. Wir sind die Einzigen, die mit dem Rad gekommen sind. Für die meisten Touristen ist das noch ein unbekanntes Terrain. Alain zieht den Stadtplan hervor, auf dem er unsere Route mit einem Marker eingezeichnet hat. Er ist ein routinierter Kartenleser. „Ich will immer wissen, wo wir gerade sind“, erklärt er. In der Tour-de-France-Szene, der er seit mehr als 25 Jahren angehört, brachte ihm das den Beinamen „Map-Master“ ein. Obwohl alle Fahrer längst auf GPS vertrauen, macht Gallopin meist die Gegenprobe mit einer Straßenkarte. Manchmal fährt er sogar die Strecken im Vorfeld mit dem Auto ab und filmt sie, damit die Teilnehmer aus seinem Team jede gefährliche Kurve antizipieren können. „Das Gebiet zu kennen ist essenziell fürs Radfahren“, sagt er.

Unsere Strecke führt uns zunächst durch den Parc du Champ-de-Mars, dann vorbei an der Militärschule und dem Invalidendom. Wir biken gemütlich durch kleine, wenig befahrene Straßen, aber an der nächsten größeren Rue ist es mit der Beschaulichkeit erst einmal vorbei. Für Radweg-verwöhnte Menschen ist Paris eine Umstellung. Denn das Privileg einer ihnen vorbehaltenen Piste genießen Radfahrer hier vergleichsweise selten. Häufig teilen sie sich die Randspur der Straßen mit Bussen und Taxis. Von hinten anrollende Busse machen mit dezentem Glocken-Dong auf sich aufmerksam, deutlich forscher rauschen die Taxis vorbei. „Taxifahrer sind meistens nicht so nett, Papa“, klärt Mélina ihren Vater an der nächsten Ampel auf. „Da musst du aufpassen.“ Doch so leicht ist ein Asphalt-Ritter wie Alain nicht aus der Fasson zu bringen. Seelenruhig radelt er an stehenden Bussen vorbei und lässt sich auch von drängelnden Taxis nicht beirren. „Typisch Papa“, meint Mélina grinsend. „Er glaubt, die Straße gehört ihm.“

Alain Gallopin einen passionierten Radfahrer zu nennen wäre untertrieben. Er ist ein Rennrad-Besessener, ein „200-Prozent-Radsportler“, wie Mélina sagt. Fast alle Männer in der Familie Gallopin radeln für ihr Leben gern: Mélinas Brüder, ihre vier Onkel. Und ihr Cousin Tony Gallopin ist als Profi unter Vertrag, bei der Tour de France 2014 erradelte er sich das Gelbe Trikot. Sein Onkel Alain coacht ihn. Auch der ist als junger Mann in der Profiliga gestartet, leider nur drei Monate, dann beendete ein schwerer Unfall seine gerade begonnene Karriere. Zehn Jahre arbeitete er als persönlicher Physiotherapeut der französischen Radsportlegende Laurent Fignon und avancierte später zum Sportdirektor. „Das Leben ist kurz“, sagt Alain Gallopin, 57. „Man sollte das tun, was einem Freude bereitet. In meinem Fall ist das eben Radfahren.“

Es ist, naturellement, auch eine nationale Passion: Frankreich liebt das Fahrrad, die Tour de France ist Signum einer von jeher radverrückten Nation. Und es ist insofern nur folgerichtig, dass sich die Hauptstadt auf diese Passion rückbesinnt. Paris à vélo, das gab es ja schon. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert sind die Boulevards und Plätze noch voll von radelnden Flaneuren. Seit einigen Jahren bereichern diese das Stadtbild nun wieder mit wachsender Selbstverständlichkeit.

Die ganze Reportage über Radtour in Paris finden Sie im Reisemagazin Paris ab Seite 32. Auch hier zu bestellen.

Text: Barbara Esser; Fotos: Jörg Modrow

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