Jazz erst recht


Der Sommer im Skiort Megève besteht aus Boule und Pferdekutschen. Bis auf ein Wochenende im August: Da holt der Electro-Jazz schläfrige Bewohner von den Balkonen ihrer Chalets und bringt sie zum Tanzen.

In Megève gibt es ein hübsches Denkmal. Es zeigt eine Figur, die auf einer Straße aus Klaviertasten Richtung Himmel wandert. Auf dem Schild am Sockel steht, dass der Song „My Way“ hier geschrieben wurde, im französischen Original natürlich. „Comme d’habitude“ hieß er damals. Der Text war noch ein ganzes Stück sentimentaler als später bei Frank Sinatra. Aber die Bewohner mögen ihre Skulptur, sie zeigen sie gern her, sie ist ein Symbol: In diesem französischen Bergdorf, soll sie sagen, wird Geschichte geschrieben.

Man muss wissen: Wer im sommerlichen Megève nach Orten sucht, an denen Geschichte geschrieben wird, braucht Geduld. Auf den Terrassen der Bars stehen Korbstühle mit Wolldecken, vereinzelt nippen französische Tagesgäste an ihrem Martini. In den Läden: unbeschäftigte Verkäuferinnen hinter Glas. Die Wintersachen, teure Stoffe, hängen in Reih und Glied. Auf der Straße: wohlsituierte Kinder in Steppjacke an der Hand sonnenbebrillter Frauen in Steppjacke. Die Gondel hinter der Kirche des Ortes steht still, daneben hat sich eine Gruppe älterer Männer versammelt. Man spielt in vollendeter Gelassenheit Boule. Ein bisschen fühlt es sich an wie am Tag nach einer wilden Party: schläfrig-behaglich, so ein Sommer in Megève. „Haben Sie schon gesehen“, fragt die Zweite Bürgermeisterin, „was für schöne Wanderwege wir haben?“ – „Kennen Sie unsere Golfanlage?“, fragt die Pressemanagerin des Luxushotels. „Warum“, fragt die junge Frau aus dem Tourismusbüro, „kommen Sie nicht im Winter wieder?“

Im Winter, da wurde in Megève schon Geschichte geschrieben: 1919, als die Baronin Noémie de Rothschild sich entschied, ein Skigebiet in Frankreich zu etablieren, das St. Moritz das Wasser reichen konnte. Das offene Tal, ein hinreißendes Panorama, den Mont Blanc im Rücken: Die Pariser Gesellschaft war begeistert. 1920 stellten die Rothschilds ihre Domaine du Mont d’Arbois auf ein Plateau oberhalb des Ortes, ein 450-Hektar-Chalet-Dorf, von dessen alpinem Charme die Wintersportler schwärmten. Auf die Pisten ging es mit dem Pferdeschlitten, die Skier waren aus Holz, die Hosen von Aallard. Am Abend gab es erlesenen Rotwein und Smalltalk zu den fernen politischen Krisen. Dazu wurde Jazz gespielt. Er stand für die Freiheit, die anderswo fehlte.

Die Rothschilds zogen zurück nach Paris, ihr Erbe aber ist geblieben: die Luxus-Chalets, die Shops, die Pferde. Sie ziehen jetzt Urlauber in glöckchenbesetzten Kutschen durch die engen Straßen des Ortskerns. Vom Jazz spricht keiner. Der bringt keine Touristen. Aber es gibt ein Wochenende im August, da holt sich Megève den Jazz zurück. Er kommt am Freitag, noch vor Feierabend.

Am Eingang der Fußgängerzone bearbeitet ein Pianist unvermittelt ein offen stehendes Klavier mit schnellen Boogie-Woogie-Läufen. Junge Frauen im Sommerkleid tanzen. Zwei Jungs in Jeans und Lederjacke legen auf einer noch wackelig aussehenden Bühne auf dem Dorfplatz einen dröhnenden Soundcheck hin. Vor der Bar La Calèche steht ein Saxofonist: virtuose Improvisation zu Partypop vom DJ. Verantwortlich ist der Kerl mit dem Basecap, der Bierkästen und Boxen kreuz und quer über den Dorfplatz trägt und dabei pfeift: Maximilien Charvet.

Die ganze Reportage über das Jazz-Festival in Megève finden Sie im Reisemagazin Alpen ab Seite 84. Auch hier zu bestellen.

Text: Elena Witzeck; Fotos: Dirk Bruniecki

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