Ein Fall für …


… Dirty Harry, Thomas Magnum und Sonny Crockett. Beim Krimiwochenende „Tatort Jungfrau“ gehen unzählige Hobbydetektive auf Mördersuche. Darunter sogar ein echter Detective. Oder fast.

Die Einladung zum Krimiwochenende „Tatort Jungfrau“ ist für mich mehr ein Amtshilfeersuchen. Die Schweiz hat ein Verbrechen zu klären und braucht kompetente Unterstützung – von einem verhinderten Profidetektiv, wie ich es bin. Einem, der schon Tausende von Fällen gelöst hat, immer an der Seite von Thomas Magnum, Horst Schimanski, Columbo und vielen anderen Fernsehdetektiven. Von der eigenen Krimicouch aus weltweit im Einsatz – knallhart, unbestechlich, smart. Wer könnte besser vorbereitet sein, wer besser geeignet? Ein Fall für mich.

Ein Mord ist geschehen. Im schönen Wengen. Ein Italiener sei aus einer Gondel gestürzt, heißt es. In seinem Blut fanden die Gerichtsmediziner große Mengen Grappa. Für manch einen tödlich, nicht jedoch für Vittorio Parole. Der starb vielmehr an einer Überdosis Zyankali, die in den Schnaps gemischt worden war. Und an dem harten Aufprall auf einer Wiese nahe der Talstation. Der Urlaubsort ist autofrei – schlecht für eine Verfolgungsjagd.

Dazu gibt es zehn Morddrohungen an die Adresse des helvetischen Hollywoodstars Linda Frost, die gerade im Begriff ist, ihren 75. Geburtstag im engsten Kreis, also mit rund 800 Gästen, zu feiern, und die in achter Ehe mit dem Mordopfer Parole verheiratet war. Kurios: ein toter Italiener, Morddrohungen, und das in einer Gegend, in der es nicht mal eine Bausünde gibt.

Eine delikate Mission. Stellt sich die Frage, in welche Rolle man schlüpft. Miss Marple? Das hieße, mit fleischfarbenen Stützstrumpfhosen und Tweedkostüm in der Eigernordwand herumzuklettern. Heikel. Vielleicht Harry Callahan – nur wie bekommt man eine .44 Magnum durch die strengen Grenzkontrollen? Blöd. Jack Bauer wäre auch perfekt, aber soweit ich weiß, mag der Schweizer an und für sich keine mit Kneifzangen und Schweißbrennern erwirkten Geständnisse.

Nach Ankunft in der Jungfrau-Region zeigt sich, dass gut 500 Ermittler unterhalb der Eigernordwand eingefallen sind. Kaum auszudenken, was diese Freizeitdetektive alles versauen können, indem sie am Tatort wertvolle Spuren niedertrampeln. Oder Profis wie mir das Käsefondue wegfressen. Eine Frechheit, so was. Da setzen sich Callahan, Columbo und Magnum in Personalunion in Bewegung, um diesen kleinen Fall rasch zu lösen, und dann begegnet man Heerscharen von Inspektoren wie Urs Läpplis, Beat Ürlimanns und Vreni Schnäbelis …

Der Kriminalfall braucht zunächst eine neue Perspektive. Dabei hilft die Jungfraubahn, die mich auf 3454 Meter Höhe befördert und mir für die Geschichte einen vernünftigen und touristisch adäquaten Überblick verschafft. Ein Teller Rösti und eine Bratwurst auf der Kleinen Scheidegg schärfen die Sinne zusätzlich. Ich weiß noch nicht genau, um was es geht, aber der Fall steht kurz vor der Auflösung.

Im Vergleich zu den Fällen, die wir – also Dirty Harry, Jack Bauer, Columbo und ich – schon geknackt haben, ist das hier ein Kinderspiel. Zehn Zielpersonen, die es ins Kreuzverhör zu nehmen gilt, und schon ist der Frieden in der beschaulichen Schweiz wiederhergestellt.

Die ganze Reportage über das Krimiwochenende in der Jungfrau-Region finden Sie im Reisemagazin Alpen ab Seite 100. Auch hier zu bestellen.

Text: Michael Gösele; Fotos: Christian Grund

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