Wandern wie Wild


Auf den Felsen des Pilatusmassivs sind Steinböcke und Gämsen zu Hause. Gemeinsam mit dem Jagdaufseher Urs Felder lesen wir oberhalb des Eigenthals ihre Fährten und begeben uns auf die Spur der scheuen Kletterkünstler.

Text: Katja Fastrich; Fotos: Anita Affentranger

Scheiße! Beinah hätten wir sie übersehen, die Spur. Zum Glück ist der Urs dabei. Urs Felder ist Jagdauf­seher, und er weiß das dunkelbraune, schimmernde Fundstück unter einer Eberesche zu würdigen: Er hebt den nicht übel riechenden, köddeligen Haufen am Wegesrand vorsichtig auf und hält ihn uns mit der flachen Hand unter die Nase: „Seht nur, das ist nicht einfach Scheißdreck“, sagt er auf Schweizerdeutsch und spricht das Wort „Schieeßdräck“ mit gedehntem i aus, „das hier ist echte Gamslosung.“

Es ist der Blick für das vermeintlich Unwesentliche, der uns hier helfen wird, dem scheuen Bergwild nahezukommen: Trittsiegel, Verbissspuren oder eben die Losung. In den Felsen unterhalb des Mittaggüpfis, das zum Jagdrevier Schwarzenberg-Eigenthal im Pilatusmassiv gehört, leben Gämsen, Steinböcke, Schnee­hasen, Birkhühner, Rehe und Hirsche.

Früh am Morgen hat uns Urs Felder an den Treffpunkt bestellt. Dunkle Tannen­silhouetten strecken sich in den kobaltblauen Himmel, Nebelfetzen umschleiern den Vollmond und projizieren riesenhafte Schattenbilder auf die Bergwiesen. Nur der Motor von Urs’ Allradwagen bricht mit der schläfrigen Stille in dem Tal, das tagsüber zu den beliebtesten Ausflugszielen der Luzerner zählt.

Urs stellt das Fahrzeug am Wanderparkplatz ab. Dann schultert er seinen Rucksack, hängt das Fernglas um, prüft noch einmal den Sitz seiner Wadenstrümpfe und beginnt zu marschieren. Der 63-Jährige, grauhaarig, mit gestutztem Kinnbart und einer Statur, die unschwer erkennen lässt, dass er häufig in den Bergen ist, legt ein flottes Tempo vor. „Ich bin ein alter Mann, laufe ich zu langsam?“, fragt er kokett, als habe er nicht gemerkt, dass wir ihm auch schwer schnaufend kaum folgen können.

Die ungekürzte Reportage über die Wanderung finden Sie im Reisemagazin Luzern ab Seite 116. Auch hier zu bestellen.

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