Die Schneidemeister


Das Schweizer Taschenmesser steht für die Alpenrepublik wie Matterhorn, Schokolade und Käse. 1890 erfunden, wurde es von der Firma Victorinox in die Welt gebracht. Und in den Weltraum. Eine Werksbesichtigung in Ibach.

Text: Detlef Dreßlein; Fotos: Sebastian Arlt

Für Admiral Gene Wheatley ist es eine unbehagliche Situation. Er hat zwei Optionen, beide würde er nicht überleben. Der Pilot der U.S. Air Force befindet sich mit seinem Jet über dem Atlantik, umhüllt von schwarzer Nacht. Als er merkt, dass die Atemmaske nicht funktioniert, weiß er: Ohne sie wird er ersticken. Wenn er tiefer fliegt, wo das Atmen ohne Maske möglich wäre, verbraucht er zu viel Treibstoff und stürzt irgendwann ab. Seine einzige Chance ist es, die Maske irgendwie zu reparieren. Ohne Werkzeug, im Flug, in der Nacht. Es gelingt. Mit seinem Taschenmesser, das er seit 23 Jahren bei sich trägt. Ein rotes Messer aus der Schweiz, hergestellt in Ibach im Kanton Schwyz. Sein Lebensretter.

Briefe mit solchen Geschichten erreichen Hans Schorno regelmäßig. Der Medienverantwortliche der Victorinox AG hat sie alle in roten Leitz-Ordnern abgeheftet, akkurat beschriftet. Vom kanadischen Arzt, der in Uganda aus Mangel an brauchbarem medizinischem Gerät damit operierte. Von dessen indischem Kollegen, der in den Siebzigern auf einem Inlandsflug einen Luftröhrenschnitt bei einem Kind durchführte, das sich an einem Bonbon verschluckt hatte, und es so vor dem Ersticken bewahrte. Vom Hobbypiloten, der sich aus einem abgestürzten brennen­den Sportflugzeug befreite, oder von den Teilnehmern einer Nordpolexpedition, die bei –50 Grad in arge Schwierigkeiten geraten waren.

Auch katalogisiert hat Schorno Tausende Presseberichte und einige hundert Werbeanzeigen, die das berühmte Sackmesser (wie es in der Schweiz heißt) abbilden. Denn wann immer ein Unternehmen irgendwo auf der Welt ein neues Produkt für Vielseitigkeit, Einfallsreichtum und Zuverlässigkeit rühmen will, dann kommt gern mal das Schweizer Messer ins Bild. Bei Lufthansa, Microsoft, American Express und vielen anderen.

Victorinox stellt das Original her: das Taschenmesser mit der meist roten Schale, auf der ein Schild mit Schweizerkreuz prangt. Ein Werkzeug, das Mount-Everest-Expeditionen rettete und Astronauten im Weltall half, ist es doch seit 1978 fester Ausrüstungsbestandteil im Spaceshuttle. Ein Victorinox-Messer ist als Beispiel für „Gutes Design“ im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt, die Armeen der Schweiz, Deutschlands und weiterer 15 Nationen nutzen es. Es ist das Symbol für die Schweiz, mehr noch als das Matterhorn und der Käse. Eine Legende.

Hans Schorno weiß das. „Das ist einzigartig“, sagt er. Schorno ist ein lustiger Mann mit einem bebenden Lachen. Wenn er sagt: „Wir sind hier nicht im Paradies“, er dann eine Pause macht, um zu ergänzen: „Aber wir sind nicht weit weg davon“, und noch ein rollendes „Hohoho!“ folgen lässt – dann versteht man ihn sofort. Ein Tag in Ibach / Schwyz genügt, um es ihm sofort zu glauben. Inmitten einer Zeit, in der es so viel um Globalisierung und Gewinnoptimierung geht, machen sie hier vieles anders. Und damit alles richtig.

Die ungekürzte Reportage über die Schweizer Taschenmesser finden Sie im Reisemagazin Luzern ab Seite 46. Auch hier zu bestellen.

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