Schwinger-Club


In der Innerschweiz hat es eine archaische Form des Ringens zum Nationalsport gebracht. Tausende Zuschauer wollen Woche für Woche sehen, wie Amateurathleten sich unter den Klängen von Alphörnern und Kuhglocken gegenseitig zu Boden bringen.

Text: Fabian Herrmann; Fotos: Andri Pol

Peter Imfeld sieht den blauen Himmel, ohne den Kopf heben zu müssen. Das ist nicht gut. Das geht nur, wenn er auf dem Rücken liegt – und dann, dann hat er verloren. Neben ihm im Sägemehl kniet der Schwingerkönig. Er reicht ihm die Hand, der Applaus Tausender begleitet die beiden vom Platz. Peter Imfeld ärgert sich. Es war der erste Kampf, aber der Weg zum Turniersieg ist weit geworden.

Peter Imfeld, 34, 1,87 Meter groß und durch­trainierte 110 Kilo schwer, ist Schwin­ger und damit Teil einer eigenen Welt, die sich beim Bergschwingfest auf der Rigi offenbart, dem höchstgelegenen Austragungsort der Schweiz. Irgendwann haben Bauern auf den Alpen angefangen, sich sportlich miteinander zu messen, über die Jahrhunderte hat sich daraus ein Volkssport entwickelt. Zu den Schwingfesten strömen im Sommer Tausende Menschen. Die Schwinger selbst arbeiten unter der Woche als Metzger, Schreiner oder als Geschäftsführer einer Firma für Abrissarbei­ten. Sonntags aber sind sie Helden.

Die Zahnradbahn quält sich von Goldau aus langsamer den Berg hinauf als die gerade aufgehende Sonne. Für das Morgenpanorama hat in der Bahn, die Schwinger und Gäste auf den Festplatz 1600 Meter über dem Vierwaldstätter See bringt, aber kaum jemand Augen: Siegchancen und Formkurven der Schwinger werden diskutiert. Imfeld lächelt und legt die Arme entspannt auf seine Sporttasche. „Man weiß ja, wie es läuft“, sagt er. Mit ­34 ist er schon lang im Geschäft und nicht mehr besonders nervös, obwohl er schon im ersten Gang auf Schwingerkönig Kilian Wenger treffen wird. Im Alter von erst 20 Jahren hat der 2010 das Eidgenössische ­Schwing- und Älplerfest gewonnen. Es ist das größte ­Ereignis für Schwinger, bei dem alle drei Jahre die besten zusammenkommen. Der Sieger dort darf sich auf Lebenszeit Schwingerkönig nennen.

Auf der Rigi füllen sich die Ränge. Alp­hörner blasen zum Berggottesdienst, Kühe bimmeln über die Hänge. Eine Gruppe Schwinger trabt zum Aufwärmtraining. Ein paar hundert Meter abseits des Festplatzes bleiben sie stehen: Muskeln lockern, kurze Sprints, Liegestütze auf dem kuhfladengesäumten Kiesweg. Dann wird angeschwungen. Auf drei Plätzen treten die Schwinger gleichzeitig an. Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu legen. Ein Kampf kann gewonnen, verloren oder gestellt werden –­ also unentschieden enden. Zudem gibt es Abzüge für passives Verhalten und Extrapunkte für Angriffslustige. Sechs Gänge muss jeder Sportler im Laufe des Turniers absolvieren; wer am Schluss die meisten Punkte hat, gewinnt.

In den unteren Reihen der Tribüne sitzen Männer mit grauem Schnauzbart und verschränkten Armen. Man hört sie von Kampftechnik und Saisonleistungen der Schwinger raunen, ohne dass sie dabei eine Miene verziehen. Weiter oben, im Stehplatzbereich in der Nähe des Bierstands, bringt sich derweil eine Geburtstagsgesellschaft junger Männer und Frauen in Schwung und fragt sich, ob es wohl verschiedene Klassen gibt oder einfach nur der Dickste gewinnt. Während sich im Sägemehl die Schwinger mit verzerrtem Gesicht ineinander verkeilen, setzt unvermittelt fröhliche Ziehharmonika­musik ein. Auf der kleinen Bühne hinter den Plätzen hat das Schwyzerörgeliquartett ­Rigigruess zu spielen begonnen.

Zu den Ländlerklängen bereitet sich Imfeld auf seinen ersten Gang vor. Er steigt in die Zwillichhose, streift Rucksack und Fleecejacke ab, Muskeln und Brusthaare quellen aus seinem Sennerhemd. Er ballt noch einmal die Fäuste, ein kurzer Griff ins Sägemehl, dann steigt er  mit dem Schwingerkönig in den Ring. Es beginnt ein Lauern, ein stilles Abwarten. Imfeld attackiert, Imfeld wehrt sich, nach knapp vier Minuten liegt er auf dem Rücken.

Die ungekürzte Reportage über die Schwinger finden Sie im Reisemagazin Luzern ab Seite 66. Auch hier zu bestellen.

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