Wie auf Schienen


Tunnelblick: Bei Završje radeln die Parenzana-Fans Sandra und Markus kurz hintereinander durch zwei Röhren und über ein Viadukt – typisch für die frühere Bahnstrecke.

Tunnelblick: Bei Završje radeln die Parenzana-Fans Sandra und Markus kurz hintereinander durch zwei Röhren und über ein Viadukt – typisch für die frühere Bahnstrecke.

Wo heute Hobby-Biker die Wälder und Weinberge Istriens durchqueren, schnaufte vor 79 Jahren die letzte Schmalspurbahn des Landes. Ein Radweg durch drei Länder hat ihren Namen und ihre Trasse übernommen. Eine Tour auf der Parenzana.

Was da am Ausgang eines dunklen, muffigen Eisenbahntunnels schnaubt, pfeift und ächzt, ist bei genauem Hinsehen doch keine Dampflokomotive. Die fährt hier seit fast 80 Jahren nicht mehr. Es sind vielmehr die Geräusche schlecht eingestellter Bremsen und Ketten, die sich nach einem Tropfen Öl sehnen, sowie das Stöhnen untrainierter Radfahrer, die sich über den Schotterweg der Parenzana-Trasse quälen – einer alten Bahnstrecke, die einst über eine Länge von knapp 123 Kilometern durch Italien, Slowenien und Kroatien verlief.
Über die reine Fahrzeit von damals – 6 Stunden und 55 Minuten brauchte die Eisenbahn – kann Tourguide Martin Čotar nur lachen.

Wegweisend: Südöstlich von Vižinada überspannt das Viadukt von Sabadin eine enge Schlucht. Für Martin Čotar (r.) der ideale Standort, um Redakteur Helmuth Meyer den Verlauf der Parenzana zu erklären.

Wegweisend: Südöstlich von Vižinada überspannt das Viadukt von Sabadin eine enge Schlucht. Für Martin Čotar (r.) der ideale Standort, um Redakteur Helmuth Meyer den Verlauf der Parenzana zu erklären.

In rund sieben Stunden würde der frühere U-23-Europameister im Einzelzeitfahren die Parenzana vermutlich auch schaffen, und zwar hin und zurück. Aber die Zeiten, in denen er gegen die Uhr fährt, sind vorbei. Heute kümmert sich der 36-jährige Kroate um andere Dinge und führt beispielsweise einigermaßen sportferne Redakteure des ADAC Reisemagazins über diese ehemalige Eisenbahntrasse, deren Ausbau für Wanderer und Radfahrer er koordiniert hat.

Martin Čotar hat sich einen Tag freigenommen, um einen der schönsten Abschnitte der Route vorzustellen – Autor und Fotografin sind froh um diese ortskundige Begleitung, haben sie sich doch am Vortag, auf dem Abschnitt zwischen der slowenisch-kroatischen Grenze und Livade, nicht nur einmal verfahren. Los geht es an der Seite Čotars mit einem Abstecher aus dem Tal der Mirna zum Bergstädtchen Motovun auf 277 Metern Höhe. Dieser für versierte Radfahrer geradezu läppische Anstieg bringt Ungeübte bereits an den Rand ihrer Möglichkeiten. Aber der Amateur weiß, dass Fahrräder auch geschoben werden können. Oben angekommen, stellen alle Beteiligten fest, dass das mittelalterliche Ambiente aus Natursteinhäusern und Kopfsteinpflastergassen jeden Zweifel am Sinn des Abstechers verdrängt hat. In den Restaurants könnte eine kleine Pause durchaus zum kulinarischen Erlebnis mit schwarzen und weißen Trüffeln werden.

Wo sich Kroaten mit „Ciao“ verabschieden: Poreč

Aber solche Genüsse kennen Leistungssportler wie Martin Čotar eher nicht. Der Mann möchte weiter, zumal er ab Mitte September mit der Vorbereitung der Istria MTB Tour ausgelastet ist – seit acht Jahren organisiert er das wichtigste kroatische Radrennen. Ab und zu müssen sich eben auch Feinschmecker mit Energieriegeln begnügen. Mit Fast Food gewissermaßen. „Parenzana“, erklärt Martin, „leitet sich von Parenzo ab, dem italienischen Namen für Poreč.“ Dort war und ist Zweisprachigkeit die Regel und „Ciao“ der übliche Abschiedsgruß. Ab 1902 fuhr eine Schmalspurbahn durch das k. u. k. Imperium von Triest in das Landesinnere Istriens und weiter nach Poreč, zurück an die Adriaküste.

Doch zeitweise schien ein Fluch über der Strecke zu liegen: Mehrmals warfen die heftigen Böen der Bora die kleinen Wagen um, dann starben bei einem Sabotageakt zwei Lokomotivführer eines Militärzugs. Hinzu kam die aufwendige Instandhaltung der Trasse. 1935 entschied daher die inzwischen italienische Verwaltung, nicht weiter in die Parenzana zu investieren, sondern den Betrieb einzustellen. Bald waren die Schienen demontiert und mit den Zügen zusammen Geschichte geworden. Was danach passierte, ist im Talgrund zu sehen.

Text: Helmuth Meyer
Fotos: Sarah Brück

Die ungekürzte Reportage finden Sie im ADAC Reisemagazin Kroatien ab Seite 108. Sie können unser aktuelles Heft auch hier online bestellen.

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