Robinson light


Wenig Stein, viel Wasser: Das Inselchen Porer ist im Wesentlichen ein 80 Meter breiter Fels. Seit 1833 sichert darauf ein 35 Meter hoher Turm die Schifffahrt vor der Südspitze Istriens.

Wenig Stein, viel Wasser: Das Inselchen Porer ist im Wesentlichen ein 80 Meter breiter Fels. Seit 1833 sichert darauf ein 35 Meter hoher Turm die Schifffahrt vor der Südspitze Istriens.

Daniel Defoe ließ seinen Romanhelden 28 Jahre auf einer einsamen Insel schmoren – unser Autor sollte ein Wochenende auf dem Eiland Porer an der Südspitze Istriens bleiben. Doch es kam anders. Er hängte einfach noch einen Tag dran. 

Wer zu spät kommt, den bestraft die Strömung.  Käpt’n Ivan steigt gar nicht erst aus seinem rostigen Peugeot, sondern lacht nur ent­schuldigend, als er um elf und nicht um zehn an unserem Treffpunkt in Premantura erscheint. Erst um zwei könne er wie­der auslaufen, vorher sei ein Anlegen am Leuchtturm Porer vor der Südspitze Istri­ens zu riskant. Hier macht die zerklüftete Küste der Schifffahrt das Leben schwer, daher weist eine Kette von Leuchtbojen sowie von unbemannten und bemannten Leuchttürmen den sicheren Weg. Der Leuchtturm Porer ist ein besonders ehrwürdiges Denkmal dieser Bauwerke. Ein Bilderbuchturm aus hellem Stein auf einem winzigen Stück Felsen mitten im grünblauen Wasser, das hier schnell auf 40 und mehr Meter Tiefe abfällt.

„Denk an den Branzino!“ – Ivan erinnert mich nach der Überfahrt an die Wolfsbarsche, die um diese Zeit an die Küste kommen. Angeln, Baden oder Tauchen als Hobby, gern auch eine Neigung zum Müßiggang sollte derjenige haben, der eine der zwei Ferienwoh­nungen im Leuchtturm bucht. Denn nach dem Ablegen von Käpt’n Ivan ist man praktisch auf sich allein gestellt, der Leuchtturmwärter bleibt wie ein Phantom die meiste Zeit unsichtbar. Immerhin: Zwei Striche Empfang auf dem Telefon be­deuten im Notfall Kontakt zum Festland, das bei klarem Wetter in Sichtweite liegt. Porer ist also eine gute Insel für alle, die nicht sicher sind, ob sie Insel können.

Keine Uhrzeit, keine Termine, nur Tag und Nacht

Ich stoße die Fensterläden auf und er­schrecke, weil das Meer so nah ist. Egal wo, sogar in der kleinen Wohnung. Die Be­schläge der Fenster sind vom Salz korro­diert, die Türen haben große Schließriegel für die Herbststürme. Erst letzten Novem­ber, hieß es in der Hafenkneipe, habe das Wasser in der Wohnung gestanden. Aber heute ist ein Spätsommertag, die Segel­boote kreuzen lustig an Porer vorbei, der Leuchtturmneuling winkt noch allen zu. Möwen sonnen sich auf den Steinen, jedes Fenster ist ein Gemälde. Ein Spaziergang rund um „meine“ Insel dauert fünf Minu­ten, einschließlich kurzer Besuche bei den Mitbewohnern: In den Felsspalten sitzen Taschenkrebse, ein Inselrotkehlchen schlägt Alarm, ein paar Eidechsen huschen vorbei, das war’s. Nach einer Stunde sitze ich das erste Mal. Ich habe alles gesehen und muss nichts mehr tun. Es gibt keine Stadt zu be­sichtigen, keinen Markt zu besuchen, kein Restaurant, keinen geheimen Strand.

Lampenfieber: Unser Autor Max Scharnigg inspiziert die Beleuchtung im Turm.

Lampenfieber: Unser Autor Max Scharnigg inspiziert die Beleuchtungstechnik im Turm.

Großartig. Ich schalte das Handy aus und höre auf zu winken. Ich bin wohl angekom­men. Die einzige Neuigkeit der folgenden Stunden ist ein Sonnenuntergang, bei dem ich den dringenden Verdacht habe, in der allerersten Reihe zu sitzen. Nachts pfeift der Wind durch die Fens­ter, und ich habe das Gefühl, mein Bett be­findet sich auf einem Floß. Ich bilde mir sogar ein, mit dem Turm auf den Wellen zu schaukeln, aber Porer steht fest. 30 Meter über mir wirft das Leuchtfeuer unablässig seine drei Lichtarme in die dunkle Nacht, acht Sekunden dauert es, dann wandern sie wieder vorbei. Aber davon merke ich nichts.

Ich schlafe tief und erlebnisorientiert. Und zum Aufwachen gibt es tatsächlich kein an­deres Geräusch als das Wellenrauschen – mal stärker, mal als zartes Gischtknistern. Das Wasser hat am Morgen die Farbe von Aquamarinen, und der Blick reicht bis auf den Grund, wo ein Schwarm Lippfische seinen Spielplatz zwischen den Felsen hat. Ich springe spontan zu ihnen ins Wasser. Die Strömung ist stark, und mir wird sofort klar, dass ich mitten im Meer schwimme. Von den Felsen pflücke ich rasch ein paar Napfmuscheln, ihr Fleisch soll mein Angelköder werden. Es hält nur schlecht am Haken, aber ich habe genug Zeit, um sehr geduldig zu sein, und genau das ist vielleicht das Größte hier: Der Tag vergeht, ohne dass ich auch nur einmal da­ran denke. Es gibt keine Uhrzeit und keine Termine. Es gibt nur Tag und Nacht.

Text: Max Scharnigg
Fotos: Andreas Chudowski

Die ungekürzte Reportage finden Sie im ADAC Reisemagazin Kroatien ab Seite 102. Sie können unser aktuelles Heft auch hier online bestellen.

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