Zeitensprung


Auf einer Kutschfahrt durch Prag erlebt man die Stadt wie in einer anderen Epoche: Langsam ziehen Häuser und Historie an einem vorbei, und es zeigen sich Details, die den Glanz und das Leben der Metropole ausmachen.

Ausgerechnet als der Glanz der Stadt an diesem Morgen zum ers­ten Mal vor ihm aufleuchtet, hat Miroslav Exel gerade keinen Blick dafür: nicht für die Moldau, die verführerisch ­unter den Sonnenstrahlen glitzert, nicht für die Türme und Erkerchen, die sich auf der anderen Seite des Flusses vom blauen Himmel abheben. Exel sitzt auf dem Kutsch­bock, greift in die Zügel und flucht. „Auf die linke Spur, wir müssen hier nach links rüber, bevor die Ampel grün wird!“ Neben ihm sitzt sein Sohn Aleš, er soll eigentlich allein durch den Prager Verkehr steuern, damit er bald die Tour des Vaters übernehmen kann – aber bei den mehrspu­rigen Straßen muss dann Miroslav doch noch ab und zu eingreifen.

„Der Verkehr hier in der Stadt“, brummt er hinter der nächsten Ampel versöhnlich, „der ist einfach furchtbar!“ Er thront hoch über den Autos, vor ihm die beiden Schimmel Sandy und Ramida, hinter ihm die Kutsche, der weiße Landauer mit den ledernen Bänken, in die seine Fahrgäste einsinken wie in die Polster einer antiken Sitzgarnitur. Er schnalzt mit der Zunge, und majestätisch gleitet sein Gespann über die Straßen, mal im Galopp, wenn die Ampel bald auf Rot umzuspringen droht, und mal im gemächlichen Schritttempo, wenn dicht an der Seite mit dem markanten Klingeln eine Straßenbahn vorbeizieht.

Das ist der Moment, als Miroslav Exel zum ersten Mal aufatmet. Einige Stunden ist er schon auf den Beinen an diesem Tag, der für ihn in den frühen Morgenstunden beginnt. Draußen im Stadtteil Troja, wo die Moldau eine große Schleife beschreibt, ist der Stall seiner Pferde, sie sind in einer Reithalle auf der Kaiserinsel untergebracht. Füttern, tränken, striegeln – so beginnt der Tag des Kutschers. Er steckt so früh morgens noch in seinen Stallklamotten und ist wortkarg: „Hier muss jede Bewegung sitzen, wir haben keine Zeit zu verlieren“, murmelt er entschuldigend. Am Zügel führt er Sandy und Ramida an die frische Luft, hinter dem Stall parkt sein weißer Landauer. Eine Replik ist es, keine historische Kutsche: „Die waren viel zu eng für vier Passagiere!“ Mit ein paar Handgriffen spannt Exel die Schimmel an, mit einem Schlauch spritzt er ihre Beine ab und verschwindet dann in einem alten Wohnwagen. Als er nach ein paar Minuten wieder vor die Tür tritt, ist er kaum wiederzuerkennen: Er trägt eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und auf dem Kopf einen eleganten Kutscherhut.

„Jetzt“, ruft er und schwingt sich auf den Bock, „jetzt kann’s losgehen!“

Kutscher gibt es in Prag seit Jahrhunderten, und da sie auf die Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie zurückgehen, entstand im Tschechischen ein netter Begriff: „Fiakristy“ heißen die Kutscher, in Anlehnung an die Wiener Fiaker. „Es bestehen in Prag einspännige Droschken und zweispännige Fiaker“, so steht es in einem Schatz aus dem Jahr 1905, einem kostbar bebilderten Reiseführer über „Prag und seine Umgebung“ aus dem Carl-Bellmann-Verlag. Droschken und Fiaker also, heißt es darin, „welche an tarifmässige Preise gebunden sind. Ein jeder Kutscher ist gehalten, die vorgeschriebenen Fahrtaxen auf Verlangen jedermann vorzuweisen, und darf unter keiner Bedingung dieselben überschreiten; auch das Beanspruchen eines Trinkgeldes ist strafbar“.

Wenn Exel diese Sätze liest, kriegt er glänzende Augen und lässt kurz die Zügel locker. „Das waren noch Zeiten.“ Dabei ist er selbst mit seiner Kutsche eine Zeitmaschine. Wer einsteigt, vergisst das 21. Jahrhundert und ist in Gedanken in der Epoche, als noch keine Autos durch Prag lärmten. Dazu noch einmal der alte Reiseführer: „Die Stadt wird in 22 Pfarrgemeinden eingetheilt und hat 58 katholische, ­­­­4 pro­testantische, 1 russische Kirche und 10 Synagogen, überragt von 60 Kirch- und 22 Stadtthürmen, ferner 12 Kasernen, gegen 300 Gassen und 30 grosse Plätze.“ Das ist die Pracht der Stadt, über die Exel von seinem Kutschbock aus Herr ist.

Der gemütliche Teil der Reise fängt an, wenn der Landauer die Asphaltstraßen und die hupenden Autos hinter sich lässt und auf das historische Kopfsteinpflaster einbiegt. Die Gassen werden enger und verwinkelter, je näher Exel dem Altstädter Ring kommt. Auf einmal öffnet sich der Blick, und der riesige Platz tut sich auf.

„Derselbe bildet ein unregelmässiges Viereck und ist einer der denkwürdigsten Plätze der Stadt, auf welchem ehemals Turniere, Königshuldigungen und andere Festlichkeiten sowie öffentliche Gerichtssitzungen abgehalten wurden.“

Die Beschreibung von 1905 ist noch grob untertrieben: Der Altstädter Ring ist nichts weniger als ein Wunder. Umgeben von den herrlichsten Gebäuden aus allen Epochen, von Arkadengängen und verzier­ten Giebeln, und über allem erhebt sich der markante Doppelturm der Teynkirche auf der einen und der Turm des Altstädter Rathauses auf der anderen Seite. Es ist ein Platz, auf dem die Jahrhunderte zu Stein ge­ron­nen sind, von der sagenhaften Herrschaft Karls IV. bis zur goldenen Ers­ten Republik zwischen den beiden Weltkriegen. „Wen­n ich mit Asiaten hier unterwegs bin“, sagt Exel und schmunzelt, „dann brauche ich denen gar nichts zu erzählen. Die sitzen im Landauer und staunen die Häuser an, als seien sie gerade aus der Steinzeit hier mitten in Prag gelandet.“

Die ungekürzte Reportage sowie Tipps zu Stadtrundfahrten und Sehenswürdigkeiten finden Sie im ADAC Reisemagazin Prag ab Seite 32. Auch hier zu bestellen

Text: Kilian Kirchgeßner
Fotos: Jörg Modrow

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