Prost Wahlzeit!


Bier hat eine große Bedeutung in Tschechien. Doch die 1000 Jahre alte Tradition litt lange unter Vereinheitlichung. Jetzt kämpfen Brauer und Wirte für alte Werte und schaffen so eine neue Vielfalt.

Es ist nur ein leises Rascheln, kaum wahrzunehmen inmitten der gro­ßen Halle, doch für Petr Janik ist es ein Genuss in den Ohren und in der Seele, so sehr hat er sich nach diesem Geräusch gesehnt. Also hebt der Bierliebhaber den weißen Sack auf seiner Schulter ein wenig höher und lässt das restliche Malz in den Maischbottich rieseln. „Es fühlt sich gut an, hier endlich zu brauen“, sagt der 57-Jährige feierlich und weiß, dass mit diesem Satz auch so mancher Kreislauf in seinem Heimatland von vorn beginnt.

Nirgends spielt Bier eine so zentrale Rolle wie in Tschechien. Pro Jahr trinken die Menschen dort im Schnitt 145 Liter und damit mehr als irgendwo sonst. Die Deutschen kommen laut Europäi­schem Brauereiverband nur auf 107 Liter pro Kopf und landen damit knapp hinter Österreich auf Platz drei dieser Rangliste. Doch auch in Tschechien gibt es ein Auf und Ab in der Welt des Bieres – umso bedeutender ist die Entwicklung, die gerade im Gang ist.

Wohl kaum ein Ort zeigt diese Evolution so gut wie das Kloster Břevnov, in dem Janik gerade Malz in den Maischbottich kippt. Vor mehr als 1000 Jahren wurde der Konvent gegründet. Bald stellten die Benediktinermönche ihr eigenes Bier her, und so entstand im Kloster die erste Brauerei Prags. „Leider wurde diese Tradition im 19. Jahrhundert unterbrochen“, erzählt Janik, während er einen Temperaturregler auf 72 Grad stellt, um die Maische im Kupferkessel zu erhitzen. Damals verwandelte die industrielle Revolution die Welt der Biere. Viele veraltete Brauereien konnten nicht mit dem neuen Lagerbier konkurrieren, das billiger, leichter haltbar und für die industrielle Herstellung besser geeignet war. Innerhalb weniger Jahrzehnte schloss jede zweite Produktionsstätte im Land, darunter auch die Klosterbrauerei, die in einen Dornröschenschlaf fiel.

Der Verfall erreichte eine neue Stufe, als 100 Jahre später mit dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 die nächste Revolution einsetzte. Internationale Inves­toren wie der englische Braukonzern Sabmiller kauften tschechische Traditionsmarken, etwa Pilsner Urquell. Erneut wur­den unrentable Betriebe geschlossen. Laut dem Tsche­chi­schen Brauerei- und Mälzereiverband schrumpfte die Zahl der Brauereien um ein weiteres Drittel, sodass es zur Jahr­tau­send­wende nur noch 51 gab.

Viele Bierfans klagten über diese Entwicklung – und einer besonders laut: Max Bahnson. Der 42-Jährige nennt sich Bierphilosoph, und zu seinem Lieblingsthema schreibt er Bücher, einen Blog sowie eine Kolumne für die Zeitung „Prague Post“. „Einige Konzerne haben unsere Bierwelt sprichwörtlich verwässert“, kritisiert er. Dennoch ist er voller Hoffnung: „Gerade erleben wir die dritte Bierrevolution, und jetzt kommt endlich die Vielfalt zurück.“

Denn der Ärger über die großen Unternehmen veranlasste bald die ersten Tschechen, die Freiheiten des Kapitalismus zu nutzen und kleine Brauereien zu gründen. Petr Janik arbeitete zu der Zeit im Prager Institut für Brauerei und Mälzerei, einer der ältesten Bierforschungsstätten der Welt. Er erkannte die neue Gründungswelle und verließ das Institut zusammen mit drei Kollegen, um eine Firma zu gründen: Pivo Praha, auf Deutsch „Prager Bier“.

Gemeinsam halfen sie Bierliebhabern, Brauereien aufzubauen. Doch insgeheim träumten sie von ihren eigenen Kesseln an einem ehrwürdigen Ort. Als ein Studienfreund ihnen den Abt des Klosters Břevnov vorstellte, konnten sie den Mönch für ihren Traum gewinnen: 2011 durften sie die schlummernde Brauerei wachküssen.

Die ungekürzte Reportage sowie wichtige Adressen zum Thema Bier finden Sie im ADAC Reisemagazin Prag ab Seite 78. Auch hier zu bestellen

Text: Janek Schmidt
Fotos: Edward Beierle

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