Kreative Zone


Das Arbeiterviertel Žižkov hat sich in den vergangenen Jahren zum Spielplatz der Künstler, Alternativen und Einwanderer entwickelt. Alles ist im Wandel, nur eines lassen sich die Bewohner nicht nehmen: ihren frechen Nonkonformismus.

Mit suchend zusammengekniffenen Augen, den Oberkörper waghalsig über den Abgrund geneigt, hält David Černý nach seinem Lieblingspakistaner Ausschau. „Gleich habe ich ihn … Da, seht ihr? Der ist unübertroffen!“ Der Finger pendelt vage zwischen der großen Reiterstatue Jan Žižkas auf dem Veitsberg und den ins Zentrum führenden Bahngleisen auf der Seifertova-Straße. Keine Zeit für Fragen, Černý ist schon auf der Suche nach dem nächsten Spot. Irgendwo muss eine Exfreundin gewohnt haben, etwas weiter nördlich vielleicht. Gute Erinnerungen.

Tschechiens momentan erfolgreichster Bildhauer steht auf der ersten Plattform des Prager Fernsehturms, ein wenig wackelig und mit zer­zaus­ten Haaren. Gleichermaßen verantwortlich: der Wind und die Party am Vorabend. Unter ihm Žižkov, hinter ihm seine schwarzen, den Turm hinaufkrabbelnden Riesenbabys. Als Prag im Jahr 2000 Kulturhauptstadt wurde, hat er die gesichtslosen Säuglinge auf Wunsch der Stadt an den Säulen des Turms anbringen lassen: purer Surrealismus.

Es ist schon eine Weile her, dass Černý das letzte Mal hier war. Er wohnt jetzt im Stadtteil Újezd, sein Atelier liegt im Süden, an der Moldau. Überhaupt sei er viel im Ausland unterwegs, wie er widerwillig verkündet. Die künstlerische Bewegung Prags, sagt er, brauche noch viel Inspiration von außen. „Wir sind eben nicht Berlin.“ Auf zugigen 70 Metern fällt ihm aber auch ein, was er an Žižkov besonders mag, und was er vermisst, wenn er nicht hier ist: den Parukářka-Park, in dem man an Sommertagen wunderbar abhängen kann; die Living Bar, eine behagliche, kleine Kneipe, wo abends die Köpfe zusammengesteckt und Weltverbesserungspläne geschmiedet werden; das pakistanische Restaurant.

Als Černý nach einem New-York-Stipendium Ende der Neunziger in seine Heimat zurückkehrte (er hatte die in Manhattan entstandenen Baby-Skulpturen im Gepäck), kam er für zwei Jahre in Žižkov unter. Damals begann sich das ehemalige Arbeiterviertel gerade zu wandeln, das auf dem Gebiet eines königlichen Weinbergs entstanden und in den vergangenen Jahrzehnten unkontrolliert gewachsen war: Kreative, Aussteiger und Studenten nisteten sich in den günstigen Gründerzeitbauten ein. Sie entwickel­ten avantgardistische Kunstideen und etablierte­n neue Kulturräume, Černý mischte mit.

Inzwischen sind Černýs Skulpturen Teil des Prager Stadtbilds und bei den meisten Besich­tigungstouren fest eingeplant: der Männerkörper, der an einem Arm über einer Straßenschlucht im Zentrum baumelt; der Brunnen vor dem Kafka-Museum mit den zwei Bronze­statuen, die auf einen Umriss Tschechiens pinkeln; der heilige Wenzel in der Lucerna-Passage, der auf einem kopf­über aufgehängten Ross reitet. Černý gilt als Provokateur, der es auf die politischen Eliten abgesehen hat und seine Landsleute gern einmal schockiert. Ob seine wilde Kunst so zunehmend institutiona­lisiert wird? Er zuckt nur mit den Schultern und grinst.

Neulich sei er radelnd an einer Touristengruppe vorbeigekommen und habe gehört, wie der Reiseleiter eine seiner Arbeiten kommentierte. „Also habe ich ihnen zugerufen: ,Hört nicht auf diesen Mist!‘ Aber ich glaube, sie haben mich für einen Spinner gehalten.“ Das sei schon in Ordnung so, findet Černý. Er lasse sich ohnehin nicht gern festlegen, dafür sei Provokation ein zu großer Spaß.

Und Žižkov? Das Arbeiterviertel wurde seither von immer neuen Szenen entdeckt, beansprucht und doch nie wirklich zurechtgebogen. Die angesagtesten Bars heißen noch immer nicht Four Seasons, sondern Bukowski’s und Big Lebowski: nach den großen Dichtern, Trinkern und Faulenzern. Das gängige Schuhwerk besteht aus Wandersandalen und dunklen Socken, der typische Abend beginnt mit einem Bier im Stammlokal und einer weit gefassten Einschätzung der politischen Lage am Tisch.

Die ungekürzte Reportage sowie weitere Tipps zum Viertel finden Sie im ADAC Reisemagazin Prag ab Seite 140. Auch hier zu bestellen

Text: Elena Witzeck
Fotos: Dagmar Schwelle

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