Gläserne Menschen


Die Kunst der Glasbläser hat in Småland eine lange Tradition. Aber nur wenige dieser bewundernswerten Virtuosen sind noch übrig geblieben. Wir haben sie gefunden.

Die Tradition hat sich im Wald versteckt. Wer Micke Johansson sucht, muss etwa 40 Kilometer westlich von Kalmar genau auf die kleinen Schilder am Straßenrand achten. Der Mann, dessen Arbeiterpranken mit all den Schwielen und den schwarzen Furchen an die eines Schornsteinfegers erinnern, ist nicht leicht zu finden.

Micke Johansson ist einer derer, die in Småland die alte Tradition der schwedischen Glaskunst aufrechterhalten. Gläser, Vasen, Schalen, aber auch Skulpturen und Reliefs – inmitten der Wälder mit ihrem großen Schatz an Brennmaterial haben die Schweden in rund 400 Jahren die Kunst des Glasblasens perfektioniert. Über die Jahrhunderte haben viele Künstler hier ihre Werke fertigen lassen, unzählige Glasbläser ihren Stil entwickelt. Von den großen Hütten ist heute aber nur noch Kosta Boda übrig, und auch die Zahl der kleinen Betriebe ist geschrumpft.

Micke Johansson ist seinen eigenen Weg gegangen. 2011 eröffnete er, nachdem er rund 23 Jahre in großen Glashütten wie Orrefors gearbeitet hatte, seine eigene Werkstatt im Wald. Rotbraun ist sie, wie die meisten Häuser hier, und die Öfen glühen Tag und Nacht in einem Orangegelb, das die Augen schmerzen lässt. „Sieben Tage braucht der Ofen, um abzukühlen“, sagt er, „und sieben, um wieder heiß zu werden.“ Also bleibt er an. Jetzt, im Sommer, ist die Hütte eingefasst vom satten Grün eines Mischwalds.

Als gegen zehn Uhr Dagmar Glemme kommt, sitzt Micke schon zwei Stunden auf seiner Arbeitsbank und formt rund 1000 Grad heißes Glas zu Vasen. Die Deutsche lebt seit 40 Jahren in Schweden. Vor Jahren hat die Künstlerin Glas als Material für sich entdeckt – und Micke Johansson. „Ich liebe es, mit ihm zusammenzuarbeiten“, sagt die resolute Frau und zieht Skizzen neuer Projekte aus der Tasche. „So was geht nicht“, hört sie nie. Andere Glasbläser, so ihre Erfahrung, haben diesen typischen Handwerkersatz verinnerlicht. Micke nicht. „Ich bin ein Technikfreak“, erklärt der Schwede: „Am liebsten entwickle ich etwas Neues. Ich schaue mir im Museum die alten Arbeiten an und kombiniere sie mit Modernem.“ Viele Künstler lassen mittlerweile ihre Ideen und Entwürfe von dem 41-Jährigen umsetzen.

Micke Johansson, mit 16 Jahren in die Ausbildung gegangen, hat noch bei den Alten der Zunft gelernt. Er beherrscht Techniken, die heute kaum noch einer anzuwenden vermag. So sagt er, dass es nur noch einen weiteren Bläser gebe, der ebenfalls das Tulpanglas fertigen könne. Ein tulpenförmiges Trinkglas, dessen langer, dünner Stil so filigran ist, dass die Kunst sich darin zeigt, ihn gerade am Trinkgefäß anbringen zu können.

Mitunter kommen sogar Touristen vorbei, um sich das ausgefallene Handwerk, Micke Johansson und seinen Kollegen Svante Dekker anzusehen. Dagmar Glemme hat die übliche Beschaulichkeit an diesem Tag etwas vertrieben. Schweiß perlt. Anspannung füllt den Raum. Hektik. Die anwesenden Touristen haben sich lautlos einen Stuhl genommen. Auch wenn keiner etwas sagt, nichts erklärt, ist allen klar, dass gerade etwas Außergewöhnliches geschieht. Die Anstrengung ist zu spüren, die es kostet, den glühenden Klumpen unablässig zu bewegen. Und die Anspannung der Männer, die wie Tänzer die Choreografie eines Schaffensprozesses mit 1100 Grad heißem Material aufführen. Das Publikum verharrt fasziniert.

Johansson hat rankendes Blattwerk aufgebracht, und nun kommt der spannungsreichste Moment: Das Werk muss in den Ofen. Trägt Svante Dekker sonst nur Handschuhe, verwendet er jetzt zusätzlich einen silberfarbenen Kopf- und Brustschutz. Die Zuschauer halten den Atem an, als 15 Kilo glühendes Glas vom Rohr gelöst werden und Dekker sie im Ofen absetzt. Es ist geschafft, die Züge werden weich, Johansson lächelt. Die Handschuhe, mit denen Svante Dekker die Skulptur in den Händen gehalten hat, sind noch Minuten später von innen heiß.

Nur eine Viertelstunde Autofahrt entfernt tost die Moderne. Sie kracht in Gestalt von Musik aus den Boxen und erfüllt den Raum. Auf einer Holztribüne sitzen Touristen und schauen jungen Männern zu, die die große Fläche zwischen den Öfen als Bühne nutzen. Sie zelebrieren sich selbst. Inszenieren sich als coole Typen mit wildem Haar im Skater-Style. Musiker könnten sie sein oder Köche. Sie pfeifen auf die goldenen Regeln des Handwerks. Glas muss für diese neue Generation von Glasbläsern nicht transparent und glänzend sein, auch nicht formschön und gefällig. Diese Glaskünstler schaffen Skulpturen, die nur noch entfernt an Vasen und Kannen erinnern, wirre, bunte Gebilde, die aussehen, als seien sie vom Laster gefallen. Manche werden am Ende mit Autolack besprüht. „Uns geht es darum, Glas als etwas Lebendiges und Modernes zu zeigen“, sagt Maja Heuer. „Wir wollen hier in der Glass Factory internationalen Künstlern die Gelegenheit geben, die Glaskunst weiterzuentwickeln. Und wir wollen die Besucher dafür begeistern.“

Die Glass Factory in den ehemaligen Räumen der Glashütte in Boda soll Werkstatt, Museum und Ausstellungsort in einem sein. Vor rund vier Jahren hatte die heute 38-jährige Lübeckerin die Idee für das Konzept. Was sie mitten im beschaulichen Småland initiiert hat, ist beachtlich. So nimmt die Glass Factory seit diesem Sommer an einem EU-Projekt mit zehn europäischen Künstlern teil. Und Ausstellungen, die die Kunsthistorikerin aus dem Schatz der hauseigenen Sammlung zusammenstellt, sind unter anderem in den USA gezeigt worden – auch der Louvre in Paris hat bereits sein Interesse bekundet. Eine Art Kreativspot stellt sich Maja Heuer vor, einen Platz, an dem das Interesse für die alte Kunst neu geweckt wird. Einen Ort, der es erlaubt, sich von der traditionellen Herangehensweise zu lösen und Künstlern mehr Raum zu geben. Auch um das Interesse am Glas lebendig zu halten. Micke Johansson ist ebenfalls Teil dieses Konzepts, ist in Projekte und Workshops involviert. Denn manchmal geht es nicht nur um verrückte Ideen. Manchmal braucht es auch jemanden, der das Handwerk beherrscht. Nur so können alle Inspirationen umgesetzt werden.

Die ungekürzte Reportage und viele Tipps zu Handwerk und Sehenswürdigkeiten finden Sie im ADAC Reisemagazin Südschweden ab Seite 106. Auch hier zu bestellen

Text: Silke Burmester
Fotos: Håkan Ludwigson

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