Musikmetropole Malmö: Die besondere Note


Nicklas Johansson beginnt seinen Tag im Backstagebereich, direkt vor dem Malmöer Rathaus. Die rostrote Fassade des ehrwürdigen Gebäudes ist ein beliebtes Fotomotiv der Touristen. Aber jetzt wird sie zur Hälfte von einer der weißen Plastikhauben verdeckt, die sich muschelförmig über eine große Bühne wölbt, auf der Abend für Abend Musiker aus aller Welt ihrem Publikum einheizen.Eine harte Woche ist das.

Johansson ist einer der Konzertmanager, die das Malmö-Festival organisieren. Jedes Jahr ab Mitte August verwandelt es die südschwedische Stadt acht Tage lang mit 20 verschiedenen Bühnen sowie Riesenrädern und Imbissbuden in eine Mischung aus Rummelplatz und Woodstock. Johansson sinkt ins Sofa, auf dem sich sonst Rockstars vor dem Auftritt räkeln. Vor ihm stehen leere Flaschen und ein Blechblumentopf, der als Aschenbecher dient. Es gibt noch viel zu tun, bevor die Show am Abend weitergehen kann: umbauen, aufräumen, Sound checken.

Vor der großen Rathausbühne liegt noch Damenunterwäsche, die dort am Vorabend beim Auftritt der irisch-amerikanischen Punkband Flogging Molly gelandet ist. „Malmö ist einfach cool“, sagt Johansson und zieht zufrieden an einer Zigarette. Es gibt Städte, die arbeiten sich aus einer Krise. Malmö hat sich herausgerockt. Spätestens seit im Mai dieses Jahres der Eurovision Song Contest hier gastierte, ist der Ruf als Musikmetropole gefestigt. Kaum ein anderer Ort in Schweden entwickelt sich derzeit ähnlich rasant. Überall ziehen Baukräne neue Gebäude hoch, die alten verschwinden.

Västra Hamnen, das ehemalige Industriegelände am Hafen, funkelt im Glanz gläserner Bürogebäude, in der Mitte ragt das wegen seiner schraubenförmigen Architektur weltbekannte Hochhaus Turning Torso in den Himmel. Der Wirtschaft geht es blendend, seit die Menschen in 35 Minuten mit dem Zug über die Öresundbrücke nach Kopenhagen fahren können. Gerade junge Leute zieht es in Scharen nach Malmö. Das urbane Zentrum der Provinz Schonen lockt mit angesehenen Bildungseinrichtungen wie der Musikhochschule, mit günstigen Mieten und einem spannenden Kulturleben, mit Livebühnen, Oper und Sinfonieorchester. Der Boom hat die alte Industriestadt bunter gemacht.

Nicht nur in der Festivalwoche, den ganzen Sommer über organisiert die Stadtverwaltung Gratiskonzerte in Parks und auf Plätzen. So wie am Möllevångplatz, dem Zentrum des hippen Szeneviertels. Einige Fassaden erstrahlen bereits in frischen Farben, andere bröckeln noch vor sich hin. Schicke Espresso-Schenken buhlen neben irakischen Gemüsehändlern um Kundschaft. Wegen solcher Ecken wird Malmö manchmal scherzhaft „Berlin des Nordens“ genannt, was die Stadtbewohner mächtig stolz macht. Gut 30 Prozent der Bevölkerung haben ihre Wurzeln im Ausland. Das ist zwar in Göteborg und Stockholm ähnlich, aber dort leben die Einwanderer in entlegenen Vororten. In Malmö, das nicht viel größer ist als Augsburg, liegen die Einwandererviertel zentrumsnah.

In einer graffitigefärbten Nebenstraße des Möllevångplatzes betreibt Dennis Lood seit neun Jahren den Plattenladen Rundgång. Unbekannte Nachwuchsbands legen hier ihre ersten Aufnahmen auf dem Tresen aus. Stars wie die Musiker der Band The Cardigans stöbern regelmäßig in den vollgestopften Räumen nach Inspiration. Einen Ehrenplatz im Sortiment haben Künstler aus Deutschland: Mitten im Laden stehen zwei Kisten mit der Aufschrift „Krautrock“. Bands wie Kraftwerk oder Neu! sind gerade der Renner. „Die machen bei mir den größten Umsatz. Darum klingt der typische Malmösound derzeit wohl etwas krautig“, sagt Lood. Abba-Kisten gibt es bei ihm übrigens nicht. Die Scheiben der berühmtesten schwedischen Band stehen im 10-Kronen-Ramschregal. „Die sind hier halt nichts Besonderes.“ Wobei junge schwedische Musiker Abba durchaus in Ehren halten. Schließlich hat das Quartett mit seinen Hits nachfolgenden Generationen den Weg in die Welt geebnet.

Pop aus Schweden gilt bis heute als hochwertig. Der Musikexport wächst seit Jahren, dank so unterschiedlicher Künstler wie Roxette, Lykke Li, Swedish House Mafia, Mando Diao, Robyn – die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Auch The Ark könnte man draufsetzen, die Rockband, in der Martin Axén bis zu ihrer Auflösung vor zwei Jahren Gitarre spielte. Er tourte mit der Gruppe durch ganz Europa, heute betreibt er das Gasthaus Far i Hatten im Folkets Park, dem Volkspark von Möllevången. Tagsüber vergnügen sich dort Familien zwischen Streichelzoo und Fahrgeschäften. Wenn es dunkel wird, öffnen Bars und Nachtclubs. In Axéns Gasthaus, einem mehr als 100 Jahre alten Ausflugslokal mit einem knallbunten Szenebiergarten, nippt der Wirt an seinem Kaffee. Natürlich hat er auch mal daran gedacht, nach Stockholm zu gehen, das immer noch Nabel des schwedischen Musikgeschäfts ist. „Aber in Malmö passiert einfach mehr“, sagt er.

Vor der Kirche stehen die Menschen bereits Schlange. „Hör du hur dom sjunger?“ – „Hörst du,wie sie singen?“ Johan Karlsson haucht den Refrain seines aktuellen Hits in breitem Schonisch ins Mikrofon. Für einen Augenblick hängt sein Tenor über einem Teppich aus Elektroklängen. Dann fegt wieder der Bass über die hüpfende Menge vor dem alten Posthaus hinter dem Bahnhof und wummert gegen historische Backsteinfassaden. Karlsson tanzt quer über die Bühne und schwingt sein Mikrofon wie ein Lasso. Seine Elektro-Dance-Gruppe Familjen („Die Familie“) ist eines der neueren Phänomene im schwedischen Musikgeschäft. Die Songs werden in Indie-Clubs auf der ganzen Welt gespielt, neulich war Karlsson sogar auf Australientournee. Dass er im südschwedischen Dialekt singt, schmälert seinen Erfolg nicht.

Die ungekürzte Reportage und viele Kultur-Tipps zu Malmö finden Sie im ADAC Reisemagazin Südschweden ab Seite 46. Auch hier zu bestellen

Text: Gunnar Herrmann
Fotos: Conny Mirbach

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