Im grünen Bereich


Unser Autor besuchte als Kind regelmäßig seine Großtante in einer Bäderstadt. Daraus ist ein kleines Kurpark-Trauma erwachsen. Jahrzehnte später ist der Mann nun zurückgekehrt – und vollständig geheilt. Eine Liebeserklärung.

Mikhail, look! Das Bein immer ganz raus aus dem Wasser, up aaaand down. Like, äh, wie ein Storch …“ Mikhail, ein 47-jähriger Russe von eher bärenhafter denn storchenartiger Statur, trägt ein ausgebleichtes XXL-Shirt. Mikhail schaut den etwas oberlehrerhaften Kneippianer Peter ratlos an. Und dieser mich: „Was heißt Storch auf Englisch?“ – „Keine Ahnung.“ Ich bin zum ersten Mal in einem Kneippbecken und muss mich konzentrieren, um auf dem glitschigen Grund der „mediterranen Kneipplandschaft“ so etwas wie Haltung zu wahren. Wir befinden uns zwischen Klanggarten und Labyrinth inmitten des schön gestalteten Luitpoldparks, der das Zentrum des Städtchens an der Fränkischen Saale dominiert. Ich will mich nicht blamieren. Nicht in Bad Kissingen. Zu spät, meint Peter.

Es ist ein sonniger Tag in einer wie frisch gebügelt wirkenden, ganz und gar reizenden Stadt. Aber was zur Hölle heißt Storch? Wie bringt man einem russischen Kurgast und einem ahnungslosen Reporter den von Pfarrer Sebastian Kneipp einst gelehrten Storchengang im Wassertretbecken nahe? Hilde, die hinter Ehemann Peter bis dahin still ihre Bahnen absolviert hat, weiß es. „Stork“, sagt sie und hebt ein Bein aus dem Wasser, schiebt es nach vorn, beugt die Fußspitze übertrieben deutlich nach unten und versenkt das Bein wieder im eiskalten Wasser, das uns bis zur nachlässig hochgekrempelten, mittlerweile nassen Hose reicht. Das ist schon der erste Fehler. Gekneippt wird in kurzen Hosen.

„Ah“, sagt Mikhail, „Stork.“ Endlich beenden wir unseren tadelnswerten Schlurfgang, um fortan richtig zu waten – Hilde hebt anerkennend eine Augenbraue. Nacheinander staksen wir durchs Becken. Das sieht vermutlich komisch aus, außerdem behauptet Wikipedia etwas abfällig über die kneippsche Wasseranwendung, ihre Wirksamkeit sei „nicht belegt“, wenn sich auch bei Krampfadern eine gewisse Linderung der Beschwerden vermuten lasse.
Krampfadern, kurze Hosen, Storchengang, russische Bären und fränkische Experten … Es ist seltsam, aber ich bin jetzt schon begeistert. Irgendwie. Zwischen dem Kurkonzert („Von Bach bis Beatles – Li Biao mit der Percussion-Gruppe der Berliner Philharmoniker“) und vor dem Besuch der neoklassizistischen Spielbank, die gleichfalls zum Kurpark gehört, will ich mich erneut der nicht belegten Wirksamkeit des Wassertretens anvertrauen. Es könnte eine Frage des Glaubens sein.

Keine Frage ist: Bad Kissingen scheint mein Damaskus-Erlebnis zu werden. Ich entsteige dem Kneippbecken des fränkischen Kurstädtchens als geläuterter Mensch. Zumindest ahne ich, dass ich wie geschaffen sein könnte für eine Welt, die mir einst nicht geheuer war. Die aus Kurkonzert, Kurpark, Kurhaus, Kurbrunnen und notfalls auch aus einem Kurschatten besteht. Was vielleicht alles etwas erklärungsbedürftig ist. Vor allem die Frage, was Bad Kissingen mit Damaskus zu tun hat.

Als Damaskus-Erlebnis wird in der Apostelgeschichte eine Begegnung des Paulus von Tarsus mit Jesus bezeichnet. Sie treffen sich auf dem Weg nach Damaskus, wobei diese Begegnung für Paulus derart einschneidend ausfällt, dass er sein Leben radikal ändert: Aus einem Verfolger der Urchristen wird ein Apostel. Undaus einem Verächter der Kurkultur ein Fan. Und das bin offenbar ich. Unfassbar.

Als ich vor etwa 35 Jahren ein Teenager war, wurde ich von meinen Eltern an gefühlt fünf von vier Wochenenden in den Kurpark der niederbayerischen Stadt Bad Füssing verschleppt. Dort durfte ich einer in meiner Erinnerung sehr blauhaarigen Groß- bis Erbtante die Ehre geben. Seit jener Zeit also war ich ein ausgesprochener Verfolger zwar nicht der Urchristen, wohl aber des Urkurgedankens als solchem.

Man muss wissen: Für Teenager ist ein Kurgarten – so hübsch die Blumenrabatten auch sein mögen – nichts anderes als das Fegefeuer. Man muss ordentlich gekleidet sein, darf nicht laut sein, nicht skaten, nicht auf dem Rasen herumbolzen. Statt eiskalter Cola gibt es vorgewärmtes Heilwasser aus kleinen Gläsern. Dazu Gesprächsfetzen von Erwachsenen über Frauenleiden. Ein Kurkonzert von Lena Valaitis ist schließlich der Höhepunkt einer solchen Wochenend-Apokalypse.

Meine Besuche in Bad Füssing, so schwor ich mir seinerzeit, würden die letzten Begegnungen mit Kurstädten aller Art sein. Das ist lang her – der Schwur hielt. Bis jetzt. Denn jetzt, so der Vorschlag der Redaktion, solle ich einige bayerische Kurparkanlagen als (mittlerweile 50-jähriger) Reisereporter besuchen. Ich zierte mich lang, beschloss dann aber, es auf eine Traumatherapie ankommen zu lassen. Übrigens ist es auch so, dass man mit 50 Jahren in der Tat nicht mehr 15 ist und den Krampfadern grundsätzlich näher steht als dem Skaten, weshalb so ein vorgewärmtes Heilwasser und der Storchengang nicht schaden können. Auf also nach Bad Kissingen. Einer Emnid-Umfrage zufolge „der bekannteste Kurort Deutschlands“. Einer der schönsten ist es bestimmt.

Schon 1544 wird die Stadt erstmals als Badeort beschrieben. Als aber im Jahr 1737 bei der Verlegung des Saalebetts eine Heilquelle entdeckt wurde, die heutige Rakoczy-Quelle, kam die Karriere der Stadt in Richtung „Kurort“ auch unter ästhetischen Aspekten so richtig in Fahrt. König Ludwig II. adelte Kissingen schließlich zum Bad. Das war 1883. Bad: Das klingt nach Tradition und Heilquelle, nach sauberer Luft und Kurorchester, das klingt nach intakten Stadtkernen, grandioser Bäderarchitektur und, zumal in Bayern, nach intensiven Landschaftserfahrungen und kultivierten Parkanlagen.

Bad Kissingen ist stolz auf viele ältere, ambitioniert gestaltete Bauten. Zu den vergleichsweise jüngeren Kursensationen zählt auch die Wandelhalle samt Brunnenhalle, die seit dem Baujahr 1911 (mittlerweile grundlegend renoviert) zu den schönsten Kurbaudenkmälern Europas zählen dürfte. Zudem wurde in der idyllisch gelegenen, ohnehin von spektakulärer Natur umgebenen Stadt der kunstvoll im Stil der englischen Landschaftsgärten angelegte Luitpoldpark immer wieder erweitert und um staunenswerte Sichtbezüge bereichert.

Sisi, als Kaiserin Elisabeth von Österreich so etwas wie die Urmutter aller medienaffinen Royals heutigen Zuschnitts, soll einige Male die Kurstadt besucht haben. Sie wohnte im heutigen Victoria-Hotel. Die repräsentativ ausstrahlende Fassade, vor allem aber die hinreißend gestalteten Gasträume des Hotels, das bereits damals als „1st Class Hotel“ firmierte, kann man sich sehr gut als Kulisse einer illustren Gästeschar vorstellen. Allen voran logierte hier die europäische Aristokratie – die Romanows trafen auf die Wittelsbacher, Königin Maria von Hannover war ebenso „zur Kur“ wie Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Otto von Bismarck soll, so will es die Anekdote, zum Frühstück zu sich genommen haben: „Kalte Rebhühner, kalten Braten, Schinken, Spiegeleier und Cottelets, Trauben und Pfirsiche, Bier und Wein – und schließlich Champagner.“ Das muss eine ganz besondere Diät und offenbar auch eine Alternative zum Heilwasser gewesen sein. Dieses nimmt man, idealerweise ohne Rebhühner und champagnerfrei, noch heute in der sagenhaften Brunnenhalle ein.

Lesen Sie die ganze Reportage ab Seite 66 im Reisemagazin Bayern.

Text: Gerhard Matzig, Fotos: Sebastian Arlt

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