Tanz auf dem Scherbenhaufen


Der Monte Testaccio besteht aus den Resten von mehr als 50 Millionen antiken Amphoren. Das Quartier am Südrand der Altstadt ist gewissermaßen auf Schutt gebaut und entwickelt sich derzeit zum angesagten Künstlerviertel.


In der Galerie 999 Contemporary macht sich ein Maler an einer Wand zu schaffen, mitten im Raum liegt Werkzeug auf einem Tisch, Farbspritzer kleben am Boden. Der Mann arbeitet still, zu hören ist nur ein Kratzlaut, wenn er seine Kelle über den Putz an der Wand zieht. „Der Chef des Hauses kommt gleich“, sagt der Handwerker gelangweilt, ohne den Blick zu wenden. Es sieht so aus, als sei der Laden noch in der Umbauphase. So wie das gesamte Viertel.

Doch der Eindruck täuscht, die Galerie im Stadtteil Testaccio hat seit mehr als drei Jahren geöffnet. Und auch der Hinweis des Anstrei­chers ist falsch, denn der Chef kommt erst, nach­dem er telefonisch daran erinnert wurde – dafür aber innerhalb weniger Minuten. Stefano Antonelli – drahtig, kurz geschorene Haare, Typ Berufsjugendlicher – ist mit seiner Lebensgefährtin Francesca Mezzano Inhaber der Galerie. „Wir beseitigen noch die Spuren der letzten Ausstellung“, erklärt er mit einem Blick auf die lädierten Wände. Antonellis Räume sind die ersten der Stadt, die sich der Streetart widmen, einer Kunstform, deren Ursprung auf der Straße liegt und die sich der Themen und Ästhetik von Graffiti und Wandmalereien bedient.

Das kleine Geschäft ist schnell zu einem Fixpunkt in Roms kreativer Szene geworden. „Streetart wird die nächste große Entwicklung in der Kunst sein“, sagt Antonelli voraus und gerät ins Schwärmen, „das ist die stimulierendste Sache seit 30 Jahren.“ Schätzen gelernt hat der Galerist den Trend während seiner Wanderjahre in London und Paris. Dann brachte er ihn in den römischen Stadtteil Testaccio, der so anders, unfertig, roh und aufregend wirkt wie die Streetart selbst.

Zuletzt hat der Künstler Borondo in den Räumen ausgestellt. „Der hat die Wände etwas zu heftig bearbeitet“, erklärt Antonelli, „daher der neue Putz.“ Was Borondo nicht direkt auf die Wand brachte, konnten Sammler erwerben: 32 Porträts vermisster Personen auf Glas. Alle verkauft. Die Galerie hat zahlungskräftige Kunden. Ein paar Werke warten noch im Toilettenraum auf die Abholung. „Das Klo ist unser Lager“, sagt Antonelli und lacht.

In gewisser Weise ist die Karriere der Streetart von der Gossenkunst zum Verkaufsschlager ein Spiegelbild der Verwandlung Testacchios vom Problemviertel zum angesagten Szenestadtteil. Gerade arbeitet Antonelli an dem Ausstellungskonzept für Lucamaleonte. Was der Künstler zu bieten hat, lässt sich aber auch ohne Galeriebesuch sehen. Wer durch das Quartier streift, entdeckt Lucamaleontes Naturbilder an zahlreichen Unterführungen und Mauern. Straßenkunst eben, im besten Wortsinn.

Eigentlich ist Testacchio, am Südrand der römischen Altstadt gelegen, ein klassisches Arbeiterviertel. Und das war schon bei seiner Entstehung so. In der Antike arbeiteten hier römische Müllwerker und entsorgten unweit der Galerie 999 ihre Einwegamphoren. Da sie die leeren Ölbehälter aus hygienischen Gründen nicht nach Spanien zurückschicken konnten, um sie dort neu befüllen zu lassen, wurden sie zerschlagen und die Scherben auf eine Art Müllhalde geworfen. Aus den Resten dieser Einwegflaschen – mehr als 50 Millionen Stück – ist im Laufe der Zeit ein stattlicher Scherbenhaufen zu einem Berg gewachsen.

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich diese Deponie dann zwar gesetzt, am höchsten Punkt misst sie aber immer noch 35 Meter und hat einen Umfang von 1490 Metern. Mittlerweile ist Gras über den Amphorenberg gewachsen, ein leichter Wind bläst um das einsame Gipfelkreuz, zwei Schafe sind als Landschaftspfleger angestellt und fressen sich über die Wiese. Nur die Pfade auf dem Rücken des Scherbenhaufens sind kahl gescheuert von den knirschenden Tritten der Besucher. Seit vielen Jahren graben Archäologen an dieser durch einen Eisenzaun geschützten Stätte, denn die Amphoren wurden seinerzeit von ihren Herstellern mit Kennzeichen versehen, die erstaunliche Erkenntnisse über den Handel der Römer in der Antike liefern.

Bis in das 3. Jahrhundert nach Christus wurde der Ort als Halde gebraucht. Später erst gruben die Römer Höhlen in ihren Müllberg. Ein Wohngebiet entstand: Testaccio. Und schon ab dem 17. Jahrhundert siedelten sich an diesem merkwürdigen Ort die ersten Restaurants an – die ordentliche Versorgung von Leib und Seele genoss schon damals oberste Priorität. Im Mittelalter dann wurde das Viertel für den lästerlichen Karneval bekannt, und wieder später, 1891, öffnete am Fuß des Bergs der römische Schlachthof seine Tore, der durch den wachsenden Fleischbedarf der Stadt schnell an Größe gewann und immer mehr Arbeiter in das Viertel zog. Noch heute wohnen in den vier­ bis fünfstöckigen Wohngebäuden überzeugte, geradezu eingefleischte Proletarier.

Mitte der Siebzigerjahre wurde ein neuer Schlachthof weit vor der Stadtgrenze errichtet. Zugleich zog mit der Banda della Magliana, einer gefürchteten Verbrecherbande, in Testaccio die Gewalt ein. Der Marktplatz wurde zur Heimat für Kleinkriminelle und Drogendealer, vor allem abends waren die Straßen des Viertels nicht mehr sicher. Damals sah es ganz danach aus, als versinke der Stadtteil in diesem Sumpf.

Aber der Berg konnte sich auch von diesem zivilisatorischen Schutt erholen. Wo früher hastig Drogen weitergereicht wurden, schwatzt nun eine Gruppe alter Männer an einem Zeitungsstand. Die Metzgerei nebenan hat noch am Abend reichlich Kundschaft, denn keiner muss mehr die Dunkelheit fürchten. Nicht mehr Angst regiert Testaccio, sondern gute Laune – es ist zum Ausgeh- und Amüsierviertel geworden. Das lässt sich heute vor allem an den Wochenenden beobachten. Da schieben sich die Autos Stoßstange an Stoßstange durch Menschenmassen, die rund um den Scherbenhaufen flanieren. Aus den Lokalen entlang der Straße dröhnt Musik, Lichtblitze zucken hinter den Fenstern, und vor den Eingängen wachen wuchtige Türsteher über lange Menschenschlangen.

Immer noch gibt es viele Restaurants mit traditioneller römischer Küche, vor allem aber weht hier jetzt der Geist des Karnevals – und das ganzjährig. Diskotheken und Clubs bieten von handgespielter Livemusik über Popmusik bis hin zu Salsa und Elektrosounds so ziemlich alles.

Text: Sandro Mattioli

Fotos: Alvaro Deprit

Lesen Sie das ganze Stadtviertel-Porträt ab Seite 122 im ADAC Reisemagazin Rom.

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Eine Antwort zu “Tanz auf dem Scherbenhaufen

  1. Guten Tag,
    und danke für diesen tollen Reisetipp. Wir fahren in 2 Wochen los und wir waren noch auf der Suche nach ein paar Ausflugszielen, dich noch nicht so überlaufen sind.

    Gruß
    Walter