Der Besuch der jungen Dame


Sängerin Stefanie Heinzmann hat es aus einem abgeschiedenen Walliser Tal auf die großen Fernseh- und Popkonzertbühnen geschafft. Mit uns kehrt sie zurück nach Sion, der Hauptstadt ihres Kantons.

An diesem Morgen bleibt Stefanie Heinzmann fast unerkannt. Dabei ist sie in der Schweiz die erfolgreichste Popsängerin ihrer Generation, gibt Konzerte von Zürich bis Hamburg. Ihre erste Solo-Single („My Man Is A Mean Man“) hat sich 300.000-mal verkauft, und als Jurorin bei „The Voice of Switzerland“ flimmerte das Gesicht der jungen Frau mit den vielen Tätowierungen wochenlang über die Bildschirme. Doch in Sion erkennt sie kein Mensch. Wie kann das sein?

Die Erklärung ist einfach. In Sion, der Hauptstadt des Wallis, sprechen fast alle Französisch. Gegrüßt wird mit „Bonjour“, und die Wirte verlangen ihr Geld in Francs statt in Franken. Abends, wenn die Berufspendler die Stadt verlassen haben, redet ohnehin jeder nur mehr französisch. Hier ist Sion, nicht Sitten, wie Deutschsprachige die Stadt nennen. Und so lesen die Menschen im Ort auch überwiegend französischsprachige Zeitungen, in denen es Stefanie Heinzmann noch nicht auf die Titelblätter geschafft hat – anders als in Deutschland.

Sion liegt im Tal der Rhône, und von überall in der Stadt sind Weinreben an den Berghängen zu sehen. Der mittelalterliche Ortskern ist voller belebter Promenaden, auf deren wichtigster, der Rue du Grand-Pont, prächtige Bürgerhäuser den Weg der Touristen säumen. Auch das Rathaus mit seiner astronomischen Turmuhr aus dem 17. Jahrhundert zeugt von einer langen Geschichte. Im Hintergrund wachen auf felsigen Anhöhen die beiden Wahrzeichen über die Stadt, die Burg Valère und, noch ein Stück höher, die Festung Tourbillon, nach einem Brand im 18. Jahrhundert eine Ruine. Das letzte Mal sei sie wohl mit 18 Jahren in Sion gewesen, als sie den Führerschein gemacht habe, erzählt Heinzmann drauflos. „Im Oberwallis gibt es keine Ampeln, für Ampeln musst du nach Sitten“, sagt sie und lacht. Rund 20.000 Angestellte pendeln aus den deutschsprachigen Dörfern im Oberwallis täglich nach Sion. Wären die Dinge normal gelaufen, wäre Stefanie jetzt eine davon. Sie sah sich als Bürokauffrau in einer biederen Dienststelle: „Ich wollte Sekretärin werden.“ In ihrer ersten Band, BigFisch, sang sie zwar schon früh, aber von der Musik leben zu können schien ihr nie realistisch. „In der Schweiz ist das schwierig, im Wallis erst recht“, sagt sie, während sie den Hügel Valère hinaufwandert.

Die Burganlage auf dem Gipfel beherbergt das Geschichtsmuseum des Kantons. In der Altstadt hingegen war bis vor einigen Jahren wenig vom Glanz der Geschichte zu spüren, etwas heruntergekommen wirkte manche Wohnung. Doch mittlerweile sind fast alle Innenstadthäuser der 30.000-Einwohner-Gemeinde renoviert. Auch fahren die Jugendlichen nicht mehr wie früher in die Stationen, wie die Schweizer ihre Wintersportorte nennen, sondern Junge und Alte kommen in den Kneipen, Bars und Cafés von Sion zusammen. Die Älteren trinken nach Feierabend einen Apéro, bevorzugt das traditionelle Achtel Wein – am liebsten mit Blick auf die Burg Valère, zu der Heinzmann gerade die steinernen Stufen hochsteigt.

Text: Lukas Kapeller; Fotos: Ruben Wyttenbach

Lesen Sie das ganze Stadtporträt ab Seite 47 im ADAC Reisemagazin Wallis.

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