Der Alphorntraum


Unser Autor, ein passabler Trompeter, wagt sich frohgemut ans schweizerischste aller Instrumente. Im Wettbewerb von Nendaz tritt er unversehens vor 2000 Menschen auf. Drei davon klatschen.

Eine Alpwiese am Lac de Tracouet in 2200 Metern Höhe. Ich stehe mit 200 Männern und Frauen in einem Halbkreis, auf dessen Mittelpunkt lange Holzröhren zeigen. Der Dirigent hebt die Arme, ich atme Bergluft ein, und auf sein Zeichen hin blase ich sie wieder aus. Ich bringe das Alphorn zwischen meinen Händen zum Schwingen, versuche, Töne zu formen, den Anfang der aus dem Vorspann zu „Wetten, dass ….?“ bekannten Eurovisionshymne. Es ist das feierliche Abschlusskonzert des „Festival International de Cor des Alpes“, der Olympiade des Alphorns, die jedes Jahr Tausende Musiker und Fans ins Wallis zieht. Die Alphörner setzen ein tiefes Brummen frei, das ich bis in Lunge und Magen fühlen kann. Sogar die Alpwiese unter meinen Füßen vibriert. Eine mystische Erfahrung. Bis ich merke, dass mein Alphorn nur die Töne meines Nachbarn wiedergibt.

Unsere „Becher“ genannten Schalltrichter stehen so eng aneinander, dass sein viel stärkerer Luftstrom in mein Horn fährt. Ich versuche, dagegen anzublasen, aber es fühlt sich an wie verstopft. Das Alphorn ist ein Naturinstrument, es gehorcht dem Recht des Stärkeren. „Alphornmusik ist geblasener Jodel!“, heißt es im Lehrbuch.

Meine ersten Versuche hatte ich erst wenige Tage zuvor gemacht, daheim in Nürnberg. Mit einem Instrument für 20 Euro. Selbst gebaut, die Teile hierfür kommen alle aus dem Baumarkt. Anleitungen im Internet hatten mich auf die Idee gebracht. Drei Wasserrohre, drei Gummidichtungen, drei Steckmuffen, ein Dachrinnenendstück als Schalltrichter. Am Schluss habe ich die Plastikteile blau angesprüht und das Posaunenmundstück meines Bruders an die Spitze getaped. Als ich das fünf Meter lange Ungetüm im Garten anhebe, zückt meine Mutter ihr Smartphone, um den Moment festzuhalten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie eine Nachbarin stehen bleibt und über die Hecke schaut. Ich blase kräftig hinein, ein kläglicher Laut pfopfert aus dem anderen Ende. Ein Megaflop. Zur Vorbereitung auf meinen Auftritt beim Alphornwettbewerb in Nendaz bleiben mir nur noch drei Tage Zeit.

Panisch suche ich im Internet nach Alternativen zu meinem Eigenbau und finde Franz Schüssele im Schwarzwald. Der professionelle Alphornbauer schafft es, binnen zwei Tagen per Spezialkurier ein Leihhorn aus Fichtenholz zu liefern, in einem Pappkarton von der Größe einer Duschkabine. 99 Euro Miete inklusive Mundstücke und Notenheft. Die ersten Töne auf einem richtigen Horn fallen mir noch leicht, schließlich spiele ich seit 20 Jahren Trompete.

Etwas optimistischer gestimmt, mache ich mich auf die Reise in die Schweiz. Beide Hörner, Plastik und Holz, passen mit umgeklappten Sitzen gerade so ins Auto. Vor der kleinen Pension in Nendaz (sprich „Nohndá“), hoch oben in den Bergen des Wallis, begrüßt mich Beat Eggel vom Tourismusamt. Beat überreicht mir ein von einem Walliser Meister gefertigtes, altehrwürdiges Alphorn aus den Beständen der Familie Devènes. Ein Mitglied des Clans, Aimé, gilt als Urvater des Festivals. Zuerst war ich froh, überhaupt ein Alphorn zu haben, und jetzt habe ich auf einmal drei.

Beim Probetraining im Wald mit Alphornlehrerin Natalie nützt mir aber auch die Schweizer Stradivari nichts. Zwischen dem Landwirt, dem Sozialarbeiter, dem Ex-Punk und dem Rentner treffe ich am nächsten Tag im Kurs fast keinen Ton.

„Wenn ich das Alphorn richtig spiele“, sagt Landwirt Guy aus Basel, „kommen meine Kühe angelaufen.“

„Ich helfe Jugendlichen über die Musik zurück in die Gesellschaft. Alphorn ist wie Therapie“, sagt der französische Sozialarbeiter Sylvain aus Haute-Savoie.

„Wir müssen das Alphorn den Konservativen und der Rechtspartei wegnehmen“, sagt Pierre-Yves, der früher in Bern Häuser besetzt hat und nun Möbel baut. „Das Alphorn ist kein Schweizer Instrument, sondern ein Instrument der Alpen.“

„Holz ist ein ganz spezielles Material“, sagt der pensionierte Baustoffvertreter Aimé aus Genf. „Die teuersten Hörner spielen sich wie von selbst.“

Ich zeige Natalie mein Plastikhorn. Sie lächelt, hebt es an und beginnt zu spielen, als wäre da kein Plastik. „Damit musst du beim Fun-Wettbewerb auftreten! Das ist der Spaßteil, wenn die Profis alle durch sind.“ Ich protestiere, aber Natalie winkt ab. „Da haben sich schon ganz andere zum Affen gemacht.“

Text: Felix Zeltner; Fotos: Fritz Beck

Lesen Sie die ganze Reportage ab Seite 88 im ADAC Reisemagazin Wallis.

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