Kein Faulspiel


Ein Triathlon? Hat drei Disziplinen. Zehnkampf? Schon besser. Aber unser Autor und seine Freunde wollen mehr. Ziel: 24 Sportarten in 48 Stunden. Ein Rekordversuch im gelobten Land der Hyperaktiven.

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Als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, legt der Platzwart den Hebel um. Mit einem lauten „Klack!“ springt das Flutlicht an, und wir wissen: Völlig egal, was wir die letzten 40 Stunden gemacht haben, wie viele Höhenmeter wir geklettert und geradelt sind, wie oft wir nach Bällen gehechtet oder ins Wasser gesprungen, wie häufig wir gestürzt und wieder aufgestanden sind: Jetzt kommt’s drauf an. Das große Finale, die Königsdisziplin: Fußball! Deutschland gegen Italien. Drei unterzuckerte Deutsche gegen drei muntere Italiener. Wir klatschen die Gegner ab und sind uns bewusst: Es wird unsere letzte und schwerste Prüfung. Das hier ist ein Classico. Es geht um die Ehre. Mindestens. Anpfiff. Der Ball rollt.

Vorbereitet hatten wir uns gut. Der Plan: herausfinden, wie intensiv sich der größte Freiluftsportplatz Europas nutzen lässt. Das Ziel: 24 Disziplinen in weniger als 48 Stunden. Am und auf dem Gardasee bieten sich so viele hervorragende Sportmöglichkeiten wie kaum irgendwo sonst. Wandern, Biken, Surfen, Klettern, Paragliden … All das, wofür jeden Sommer Tausende Aktivurlauber zum Gardasee kommen.

In unsere Rucksäcke hatten wir Regenjacken und Funktionshemden gesteckt, sogar lange Unterhosen, Handschuhe und Mützen. Wir würden in hochalpinem Gelände unterwegs sein, bis zu zwei Kilometer über der Seeoberfläche. Wo das Wetter schnell umschlagen und selbst im Hochsommer Schnee vom Himmel rieseln kann. Wir stopften eine Handvoll Müsliriegel in die Rucksäcke, ganz nach oben legten wir die Stirnlampen: Die würden wir als Erstes brauchen. Um keine Zeit zu verlieren, sollte es vor dem Morgengrauen losgehen.

Unser Basislager bezogen wir in Riva. Wenn es um Sport statt Dolce Vita geht, ist das die Hauptstadt des Gardasees. Hier beginnen die spektakulärsten Mountainbikestrecken und die schönsten Passstraßen für Radsportler. Kletterwände, Fußball- und Tennisplätze sind nah – und hier rauscht der Pelér, der König der Gardaseewinde, von den Bergen und beschert Surfern und Seglern beste Verhältnisse.

Tag 1, 5.00 Uhr – 0 Sportarten

Der Wecker klingelt. Wir – Timm, Andi und Jan, alle um die 30, erfahrene Bergsportler, aber keine Adrenalinjunkies – greifen unsere Rucksäcke und laufen durch die menschenleere Altstadt Rivas. Außer einem Müllwagen bewegt sich nicht viel. Unser erstes Ziel ist die Ponale, der Uferweg in den Steilwänden südlich der Stadt. Vor mehr als 150 Jahren wurde sie gebaut, 1993 ein Tunnel zum Ledrotal eröffnet, 1998 ein weiterer. Seitdem ist die Ponale autofrei.

Es ist ein gemütlicher Einstieg. Und ein imposanter. Der Wanderweg wird steiler, er schlängelt sich in ein Seitental. Umgeben von Felswänden, fühlen wir uns, als liefen wir in eine Arena ein. Die Stimmung ist gewaltig – auch ohne Zuschauer. Die Morgenröte zeichnet die Silhouette des Monte Baldo an den Himmel. Dort werden wir morgen sein. Heute bleiben wir am Westufer. Es gibt viel zu tun.

Tag 1, 8.00 Uhr – 1 Sportart

Wir erreichen den Lago di Ledro mit den ersten Sonnenstrahlen. Und treffen den 21-jährigen Emanuel Rosa, als er das Bootshaus seines Clubs aufschließt, um mit uns eine Morgenrunde auf dem See zu drehen. Mehr als 100 Kajaks sind hier untergebracht. Viele Plastikboote für die Badetouristen, aber auch schnittige Rennkajaks aus Carbon. „Unten am See gibt es Wind und Wellen für Surfer, hier oben ist es perfekt für Kajakfahrer.“ Weil sich der See häufig so glatt wie eine polierte Marmorplatte zeigt.

Wir erfahren: Die Region hat mehr als das eine große Gewässer. Es gibt Dutzende Seen. „Und Flüsse!“, sagt Mauro Girardi. Wir sind tief ins Ledrotal vorgedrungen, hinter der Albergo Ampola in eine Klamm eingebogen und haben die Wanderschuhe gegen einen sieben Millimeter dicken Neoprenanzug getauscht. Dann stehen wir auf einem Felsvorsprung unter einem Wasserfall – vor einem Wasserfall. Das nennt man missliche Situation. Oder Canyoning.

Vor uns rauscht die Wasserwand elf Meter hinab. Dort sollen wir runter, in ein türkisblaues Loch, das laut Mauro tief genug ist. „Jeder Sprung hat einen Namen“, sagt er. „Dieser hier heißt ‚Mama, Pipi‘.“ Als wir auf die Oberfläche aufschlagen, klatscht es nicht. Es donnert zwischen den Steilwänden der Schlucht.

Zurück im Tal, essen wir Pasta. Während wir auf die Dolci warten, werfen wir Bocciakugeln. Die Regeln kennt keiner. Wir beschließen, uns den Sport ein anderes Mal von Profis erklären zu lassen.

Tag 1, 12.00 Uhr – 4 Sportarten

Es wird umgesattelt. Mit Mountainbikes geht es hinauf zum Passo di Tremalzo – und auf der anderen Seite fast 2000 Höhenmeter wieder bergab. Die Gebirgsstraße wurde im Ersten Weltkrieg angelegt, heute gilt sie als eine der besten Downhill-Strecken der Alpen – wenn die Sicht gut ist. Als wir den Pass erreichen, stehen wir im Nebel. An Seeblick ist nicht zu denken, die Fahrbahnbegrenzung ist nur zu erahnen. Wir fahren in den Wolken. Vom kargen Pass geht es durch alle Klimazonen der Südalpen. Erst Gras und Fels, dann Nadel-, später Kastanienwälder. In Limone erreichen wir wieder das Seeufer. Die Sonne scheint. Unsere Bremsen glühen.

„Heute mögen Klettern und Mountainbiken die wichtigsten Sportarten am Gardasee sein“, sagt Franco Baruffaldi, als er uns zur Begrüßung mit seinen Pranken auf die Schultern haut. „Aber die Nummer eins heißt immer noch Bisse.“ Der Mann ist so breit wie hoch, seine Arme haben den Umfang von Baumstämmen. Der Präsident der Lega Bisse del Garda, der Vereinigung der traditionellen Stehruderer, mag ein wenig befangen sein. Recht hat er trotzdem: Das Surfen kam erst in den späten Siebzigern an den Gardasee, die Mountainbiker quälen sich seit rund 20 Jahren über die felsigen Pfade. Die erste Bisse-Regatta gab es dagegen schon im 15. Jahrhundert, keine zehn Kilometer von Toscolano-Maderno, wo wir die Holzboote zu Wasser lassen.

Text: Jan Kirsten Biener, Fotos: Kathrin Koch

Lesen Sie das ganze Experiment ab Seite 142 im ADAC Reisemagazin Gardasee.

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