Ganz große Oper


Verona ist die Stadt der Liebe, seit William Shakespeare Romeo und Julia hier begehren, leiden und sterben ließ. Noch heute ist das tragische Duo allgegenwärtig. Ob in den Straßen oder auf der Opernbühne der Arena, die 2013 das 100-jährige Bestehen des Festivals feiert.

Annalisa Esposito ist bereit für die Verwandlung. Die 29-Jährige schlüpft ins bodenlange, schwere Kleid und flicht sich die haselnussbraunen Haare zu einem Zopf. Etwas Farbe ins Gesicht, aber nicht zu viel, schließlich verkörpert sie ein junges Mädchen. Seit vier Jahren gibt die gebürtige Mailänderin die Julia im Teatro Stabile von Verona. Etwa dreimal pro Monat steht sie in dieser Rolle auf der Bühne oder führt die Theatergäste durch die Stadt und spielt dabei Szenen aus dem Shakespeare’schen Werk vor. Immer an ihrer Seite: Alessandro Di Nuzzi, 29, als Romeo. Die beiden fassen sich an der Hand und treten auf die Via Cappello hinaus. Sie gehört zu den meistbesuchten Straßen Veronas. An Nummer 23 zweigt ein Weg in einen Hinterhof ab. Während Annalisa und Alessandro durch die mit Liebesbotschaften vollgekritzelte und -geklebte Hofeinfahrt gehen, strömen die Menschen zur Seite. Erst schauen sie, dann zücken sie die Kamera. „In Mailand würde uns niemand erkennen“, sagt Annalisa, „und hier ist es, als würden wir den Menschen gehören.“

Im Jahr 1597 besiegelte ein Engländer das Schicksal Veronas – und das, ohne je selbst in der Stadt an der Etsch gewesen zu sein. Sein Name: William Shakespeare. Der Schriftsteller mit der Halbglatze verfasste die Tragödie „Romeo und Julia“ und siedelte sie in Verona an. Die Geschichte ist bekannt: Zwei junge Menschen verlieben sich, ihre Familien sind verfeindet, eine Heirat unmöglich, am Ende sterben beide. Nur der Mythos von Romeo und Julia als Sinnbild der unglücklich Liebenden in aller Welt lebt weiter – ihre Pilgerstätte ist die 260.000-Einwohner-Stadt, 30 Kilometer östlich des Gardasees.

Fast zwei Millionen Gäste kommen jährlich nach Verona. Viele davon finden den Weg zum Haus in der Via Cappello, in dem Julia der Legende nach gewohnt haben soll. Was dann passiert, scheint einem vorgegebenen Rhythmus zu folgen: Die Besucher verewigen sich an den Wänden im Hof mit einem wasserfesten Stift, gleich neben den Verbotsschildern, auf denen die Strafe für Zuwiderhandlung in mehreren Sprachen zu lesen ist. Belangt werden die romantischen Schreiber selten, aber die Stadt lässt ihre Schwüre regelmäßig übermalen. Zur Bekräftigung können Paare vor Ort auch ein Vorhängeschloss kaufen, ihren Namen eingravieren lassen und das Schmuckstück an ein Gittertor hängen. Dann streichen sie der Julia-Statue im Hof über die rechte Brust – für Glück in der Liebe. Der in den Siebzigerjahren aufgestellten Skulptur hat dies an besagter Stelle einen besonderen Glanz verliehen. Und dann ist da natürlich der Balkon, von dem Julias aller Altersklassen bedeutungsschwer herunterwinken. Genau hier soll Romeo um seine Angebetete geworben haben: „Der Liebe leichte Schwingen trugen mich; kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren.“ Wen stört es da, dass der Balkon eigentlich ein Sarkophag ist? Unter Antonio Avena, dem schlauen Direktor der Veroneser Museen, wurde er erst Anfang des 20. Jahrhunderts an dem restaurierten Mittelalterbau angebracht. Avena ließ den Traum damit Realität werden – und gab den Menschen, was sie sehen wollten.

Das Haus kann zumindest einer Familie der Capuleti zugeschrieben werden. Aber ob es Romeo und Julia je gegeben hat? Das weiß niemand. „Ist ja auch gar nicht wichtig. Ich habe das Theaterstück sicher Hunderte Male gesehen, und es ist jedes Mal bewegend. Das zählt“, sagt Paolo Valerio und streicht über seine zum Pferdeschwanz gebundenen Haare. Der 51-Jährige ist Direktor des Teatro Stabile und „Romeo und Julia“ so etwas wie sein Lebensthema. Er könnte stundenlang darüber referieren. „Shakespeare hat der Stadt ein großes Geschenk gemacht. Verona ist der einzige Pilgerort der Welt, in den die Menschen nur wegen der Liebe kommen. Ist das nicht großartig?“

Viele kommen nicht selbst, sondern schicken Briefe. Rund 7000 erreichen Verona pro Jahr. Die meisten tragen nur die kurze Adresse „Juliet, Julia, Giulietta, Verona“. Sie landen in der Via Galilei 3, etwa zehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Hier hat der Club di Giulietta seinen Sitz. 1972 als Freundeskreis gegründet, kümmert sich der Verein um die Beantwortung der Briefe, die Liebende aus der ganzen Welt an Julia schicken. Etwa 15 Sekretärinnen sind ehrenamtlich im Einsatz. Immer wieder springen auch Erasmus-Studenten ein, die ihre Sprachkenntnisse verbessern wollen. Meistens geht es in den Briefen natürlich um Liebesfragen, aber auch finanzielle Sorgen oder familiäre Probleme werden angesprochen.

Text: Verena Duregger, Fotos: Sebastian Pfütze

Lesen Sie das ganze Stadtporträt ab Seite 112 im ADAC Reisemagazin Gardasee.

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