Alle Jahre wieder


Helmut und Karin schlagen seit 1962 ihr Vorzelt am Gardasee auf. Sommer für Sommer. Und das soll sich nie ändern.

Ein fremder Duft weht über die Bucht, dringt herunter zum Haupthaus und in die Nase von Bernardo Piantoni, einem Mann Ende 20, der erst vor wenigen Monaten den Campingplatz mit Namen Nanzel eröffnet hat. Schnuppernd läuft Bernardo hinaus, vorbei an dem kleinen Bistro und die Treppen hinauf bis zu dem Zelt, wo der rothaarige Helmut aus Deutschland diese zerrupften Minipizzen, mehr braun als gold und ohne jeden Belag, in der Pfanne wendet. „Reibekuchen“, sagt Helmut und gibt dem fragend blickenden Italiener ein Stück. Bernardo kaut, seine Augen weiten sich. Schließlich sagt er: „Fantastisch!“

So begegneten sich Bernardo und Helmut im Sommer 1961, als der Gardasee für Deutsche noch ein ferner Sehnsuchtsort war. Helmut und zwei Kumpels hatten sich von Bergisch Gladbach aufgemacht. 17 Stunden im roten VW-Käfer, vorbei an Köln und Ulm, über den Splügenpass, an Bergamo und Brescia vorüber – bis vor ihnen in der Sonne der See glitzerte wie ein Versprechen. Sie kurvten das Westufer entlang und sahen kurz vor Limone das Schild mit der Aufschrift „Camping Nanzel“. Dort parkten sie das Auto. In den folgenden Tagen lagen sie am Strand, badeten, tranken zum ersten Mal Rotwein und lernten einen Auflauf kennen, den die Italiener „Lasagne“ nannten. Zwei Wochen verstrichen – noch ahnte Helmut nicht, dass er ein Leben lang an jenen Fleck zurückkehren sollte. Aber schon bald kam er wieder. Mit Karin, die er wenige Monate darauf heiratete.

„Wir sind hier freier als in jedem Hotel“, sagt er ein halbes Jahrhundert später, während er sein Badetuch über die Wäscheleine hängt. Sein Haar ist mittlerweile weiß, der Campingplatz die zweite Heimat des 75-Jährigen. Gerade war er schwimmen, jetzt lässt er sich in den Klappstuhl vor seinem Wohnwagen fallen, Modell Eriba-Nova 460, seit 1997 auf Betonsteinen aufgebockt, Standplatz Nummer 38. Jährlich zweimal sind er und seine Karin einige Wochen auf dem Campingplatz, dessen Terrassen am Fuß des Dalco wie Stufen anmuten, die ein Riese in den Fels gehauen hat.

65 Standplätze, knapp 2500 Camper im Jahr. Nanzel ist ein Miniaturdorf ohne soziale Klassen, wo weder Beruf noch Nachname interessieren. Helmut heißt eigentlich Helmut Brochhagen, aber auf Nanzel ist Herr Brochhagen der Helmut aus Bergisch Gladbach. Zur Etikette gehören Badehose und Jogginganzug, vorgegebene Essenszeiten gibt es nicht, ebensowenig Zimmermädchen, die morgens an die Tür klopfen. „Und diese Aussicht!“ Helmut blickt auf den Monte Baldo am gegenüberliegenden Ufer, an dessen Gipfeln ein paar Wolken ankern. „Für mich ist das ein Traum.“

Morgens wacht er durch das Geräusch der Reißverschlüsse an den Vorzelten auf, geht ins Waschhaus und holt dann die Körnerbrötchen ab, während Karin Kaffee kocht. Nach dem Frühstück folgt die Lektüre der „Bild“-Zeitung, dann spaziert das Paar durch Limone oder fährt in den Nachbarort Riva – dort gibt es einen Lidl, der nicht teurer als der in Bergisch Gladbach ist. Um 13 Uhr nehmen sie einen Cappuccino im Bistro zu sich, ab 15.10 Uhr guckt Karin die ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“. Um 17.30 Uhr essen die Brochhagens zu Abend, danach trinken sie einen Magenbitter, Fernet-Branca.

Text: Kati Thielitz, Fotos: Stephanie Füssenich

Lesen Sie die ganze Reportage ab Seite 76 im ADAC Reisemagazin Gardasee.

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