Ein Männlein steht im Walde


Unser Redakteur wollte nicht Pilze oder Beeren suchen, sondern sich selbst. Neue Einsichten kamen aber erst mit Einbruch der Dunkelheit. Ein Übernachtungsversuch.

Wie er in Buchen steht: Lukas Kapeller sucht sich mit Sondergenehmigung einen Schlafplatz im Nationalpark Hainich.

Wie er in Buchen steht: Lukas Kapeller sucht sich mit Sondergenehmigung einen Schlafplatz im Nationalpark Hainich.

Gut gelaunt sitze ich auf einem Baumstumpf und sehe mich nach einem geeigneten Schlafplatz um. Da drüben, eine ebene Fläche unter einer mächtigen Buche! Ich will über einen laubgefüllten Graben hüpfen und rutsche auf einem morschen Ast aus. Jetzt liege ich auf dem Kreuz.

Schon lang war der Wunsch in mir gewachsen, einmal der Zivilisation zu entfliehen, den E-Mails, Anrufen und Meetings den Rücken zu kehren. Ich wollte wieder Bäume sehen. Laub riechen. Den Wind in den Wipfeln hören. Oder einfach auf einem moosbewachsenen Strunk sitzen und nachdenken. Die Natur ist für mich der richtige Ort, um die Dinge wieder klarer zu sehen.

Den Weg in den Wald beginne ich entschlossen, mit federnden Schritten. Hinter mir Äcker voll goldgelbem Stroh, vor mir nur mehr Bäume. Buchen, um genau zu sein. In Craula, einem Ort mit drei Straßen, parkt mein Auto. Jetzt wandere ich über den Asphalt direkt hinein in den Nationalpark Hainich. Die Sonne taucht die Stämme in honigfarbenes Licht. Aus der Ferne sah der Wald noch aus wie ein riesiger Brokkoli. Nun sehe ich links und rechts nur Gras und stirnhohe Disteln. Es wird kein Sonntagsspaziergang. Aber das war auch nicht der Sinn. Als echter Stadtmensch habe ich natürlich selbst im Wald einen Termin fixiert. Axel Ziehn, der mich in den Hainich führt, ist Ranger im Nationalpark. Ein kleiner Mann mit einem großen Hut und viel Mumm. Seit 1986 klettert der staatlich geprüfte Zapfenpflücker auf Bäume. Er kraxelt schon mal auf eine 40-Meter-Tanne, um ein Schwarzspechtküken zu füttern. Leute wie ich machen Urlaub, Ziehn geht auf Reisen. Er nimmt im Amazonasgebiet ein Paddelboot oder ein Fahrrad und schläft unter freiem Himmel. Genau das habe ich heute vor. Nicht in den Tropen, aber unter dem Dach der Buchenkronen will ich schlafen, im Einklang mit der Natur.

Nennen Sie mich ruhig naiv! Aber ich bin nicht leichtsinnig und erkundige mich nach giftigen Schlangen und tollwütigen Füchsen. Ziehn lächelt. „Das gefährlichste Tier im Hainich ist die Zecke.“ Ein paar Tage vorher gaben mir alle möglichen Menschen Ratschläge, was in den Wald mitzunehmen sei. Eine Freundin sagte: „Ein Gaskocher.“ Mein Mitbewohner: „Ein Flachmann.“ Meine Kollegin: „Eine Axt!“ Eine Axt? „Wegen der Wildschweine.“ Sie sagte das mit ernster, besorgter Miene. Gaskocher, Flachmann und Axt blieben trotzdem zu Hause. Eine Stirnlampe und einen Zeckenschieber habe ich hingegen eingepackt. Zu essen? Als Stadtkind werde ich mich von Verpacktem ernähren: von Salamisticks und geschnittenem Brot, Müsliriegeln, Äpfeln und Bananen. Mein Handy ist mit dabei, bleibt aber ausgeschaltet. Und in letzter Minute habe ich mich doch noch entschieden, auch ein Zelt mitzunehmen – mit dem festen Vorsatz, es nicht zu benutzen.

Denn das Ziel meines Experiments ist, eine Nacht ohne Dach überm Kopf und ohne technische Hilfsmittel tief im Wald zu verbringen. Das Übernachten im Nationalpark Hainich ist eigentlich verboten. Für das ADAC Reisemagazin machten die Ranger eine Ausnahme. (Trotzdem können Besucher fast mitten in der Natur schlafen, im sogenannten Urwald-Life-Camp.) Ich biege in jene Richtung ab, wo mir Ziehn eine nahe Lichtung empfohlen hat. Als Punkt zur Orientierung. Wie einst Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und all die anderen Schlingel, die die Gebrüder Grimm in finstere Abenteuer schickten, verlasse ich den befestigten Pfad und gehe zwischen Buchen hindurch. Die Stämme stehen nicht sehr dicht, und der Wald empfängt mich offen und freundlich. Ich spüre das Laub unter meinen Wanderschuhen. Schön und friedlich ist es hier. Ich höre ein Flugzeug über mir und denke: Ihr Armen! Schlechte Luft atmen, Schlange stehen und zur nächsten Besprechung laufen. Ohne mich.

Bald erreiche ich die Lichtung, die mir Ziehn versprochen hat. Ich stapfe durchs dichte Gras, sehe eine Spur, die wohl von einem Reh stammt, so dünn und fein ist sie. Dann sehe ich etwas über die Böschung huschen, vermutlich ein Reh. Oder war das doch eine Hirschkuh? Hat der weibliche Hirsch ein Geweih?
Ich bin ein Natur-Analphabet, denke ich traurig und stiefle zurück in den Wald. Für mich sind die Bäume darin einfach schön. Ziehn wüsste vermutlich, ob er gerade im Schatten einer Rot- oder einer Hainbuche geht. Als ich vorhin über die Blumenwiese lief, erfreuten mich die bunten Blüten – Ziehn hätte hingegen erkannt, dass hier Märzenbecher, Leberblümchen und Buschwindröschen wachsen. „Ich höre Dinge, die du gar nicht hörst“, sagte der Ranger zu mir. „Ich sehe Sachen, für die du kein Auge hast.“ Er hatte recht.

Der Baumkronenpfad ist die große Attraktion im Nationalpark Hainich. Als ich heute Vormittag diesen Wipfelweg für Touristen ging, stand dort ein Schild: „Kennen auch Sie mehr Automarken als Baumarten?“ Sogar mehr japanische, dachte ich. Und auch bei anderen Besuchern dürften die Nationalparkhüter mit dem Schild richtig liegen. Dass im Hainich neben der dominierenden Rotbuche rund 50 weitere Baumarten wachsen, erfahren die meisten wohl erst bei ihrer Ankunft. Oder dass die Kernzone des Hainich vor allem deshalb unberührt wucherte, weil sie DDR-Militärgebiet war. Die Sowjets übten mit Panzern und Granaten, und die Thüringer machten aus Angst vor Blindgängern einen Bogen um den Hainich, der im Innern beinah ein deutscher Urwald blieb. Dass aus dem Truppenübungsplatz 1997 ein Nationalpark wurde, erwies sich nicht nur für die 10.000 Tierarten, davon allein 2000 verschiedene Käfer, als segensreiche Wende. „Früher kannten nicht einmal die Thüringer die Gegend“, erzählte mir gestern der Nationalparkleiter Manfred Großmann.

Heutzutage kämen mehr als 300.
000 Gäste im Jahr in den Hainich. Die Liebe der Deutschen zum Wald ist dabei nicht neu. Schon die Märchen und Gedichte der Romantik sind voller Sehnsucht nach dem Wald und überhöhen ihn zu einem Ort des immerwährenden Friedens. Zur Waldliebe trägt oft auch die eigene Biografie bei. Ich bin zwar in Wien aufgewachsen, war aber im Sommer oft mit Mutter und Oma Pfifferlinge in der Steiermark suchen. Mein Großvater, ein Jäger, ging nachts mit der Flinte los. Als Fünfjähriger fand ich Pilzesammeln todlangweilig, aber im Rückblick war es eine sorglose Zeit. Die Deutschen, ließ ich mir, bevor ich aufbrach, noch am Telefon vom Soziologen Rainer Brämer erklären, liebten „am meisten einen offenen, lichtungs- und aussichtsreichen Wald“. Gleichwohl hält Brämer die Waldverehrer und Bambiverklärer aus den Großstädten für eher verblendet – Leute wie mich also.

Ein wenig nachdenklich suche ich nach meinem Schlafplatz für diese Nacht. „Leg dich nicht in eine Senke und nie unter einen brüchigen Ast“, riet mir Ziehn. Ich rolle meine Isomatte aus, lege den Schlafsack drauf – fertig ist die Schlafstelle. Mit dem Fuß schiebe ich ein paar kleine Äste beiseite und fingere einige Salamisticks aus dem Rucksack. Die letzte Stunde vor der Dämmerung will ich noch durch den Wald streifen. Um acht Uhr abends schimmern die Buchen noch in grünlichem Licht. Kurz bewegt mich die Frage, ob die Stirnlampe auf meinem Kopf dämlich wirkt – dabei sieht mich ja keiner. Ich gehe eine kleine Runde um meinen Schlafplatz herum, sehe eine Weinbergschnecke und einen Bovist, so groß, dass er eine fünfköpfige Familie satt machen könnte. Es wird dunkler, und beim Umhergehen habe ich plötzlich Spinnweben im Gesicht. Ziemlich schnell legt sich um halb neun die Nacht über den Wald, und Grün wird Grau. Etwas surrt an meinem linken Ohr vorbei. Die Tiere, kommt es mir vor, werden immer selbstbewusster. Vielleicht war mein Experiment doch keine so gute Idee. Habe ich den Wald vor lauter Träumen nicht gesehen?

Panik erfasst mich, weil ich fürchte, meinen Schlafplatz nicht mehr zu finden. Aber da ist er schon. Ich setze mich auf die Isomatte und warte. Jetzt habe ich Schritte gehört. Ist das ein Fuchs? Oder etwas Größeres? Die dünnen Zweige des Jungwaldes ringsum sind nun eine schwarze Fläche. Irgendwie will ich, dass etwas geschieht, zu Hause hätte ich schon nach 15 Minuten den Fernseher eingeschaltet. Zugleich wäre es mir ganz recht, wenn nichts passierte. Aber ab jetzt ist immer irgendwo ein Rascheln, Tapsen oder Knacksen. Obwohl ich weiß, wo die nahe Lichtung liegt, ist mir unheimlich zumute. Ich leuchte mit der Taschenlampe zwischen die Stämme, sehe aber kein Tier. Jetzt würde ich keine Runde mehr drehen. Warum eigentlich? Tagsüber waren dieselben Tiere da. Aber die Angst, die ich plötzlich kriege, scheint in mir geschlummert zu haben. Vielleicht kommt sie nachts über jeden Menschen, um ihn vor verspäteten Reaktionen zu schützen. Angst, weil ich blind bin und mich das Wildschwein längst erschnüffelt hat. Ich höre Bewegungen, fast immer ruckartig. Ein Angriff? Oder ist das nur Einbildung? Manchmal dringt auch ein Quietschen oder Vogelkreischen durch. Die Bäume sind noch schemenhaft zu erkennen, aber sie spenden keinen Trost mehr. Diesmal ein Rascheln über mir! Das muss ein Greifvogel sein, der mich ins Visier nimmt. Ich leuchte nach oben – eine Eule! Ich husche zurück, hole die Zeltplane aus dem Rucksack, stelle meine Taschenlampe auf den Boden und baue, ohne viel nachzudenken, so schnell wie möglich die Stangen und die Plane zu einem Zelt auf. Ich schlüpfe rein und fühle mich sicher wie in einem Kokon. Es ist jetzt 22.45 Uhr – und mein Experiment ist gescheitert.

Die Kinder im Märchen sind in den Wald gegangen, um erwachsen zu werden – ich habe wieder Angst wie ein Kind. Ständig höre ich Zweige knacken, ein stetes Trippeln und Hasten. Wenn sich etwas schnell und leise bewegt, stelle ich mir einen Marder oder Dachs im Geäst vor. Dann höre ich etwas, was sich schwerfällig durch den Wald wälzt – und plötzlich nichts mehr. Steht da jetzt ein Keiler vor meinem Zelt? Aber es geschieht nichts. Als um 4.30 Uhr mein Wecker läutet, ist es immer noch dunkel, und ich habe höchstens eine Stunde geschlafen. Dass mir erst jetzt auffällt, wie kalt es im Zelt ist, zeigt, wie angespannt ich die ganze Nacht war. Statt großer Einsichten geht mir nur ein kitschiges Lied von Silbermond durch den Kopf: „Und ich kämpf mich durch die Nacht / Bin unter Tränen wieder aufgewacht.“ Ich gebe ein weiteres Vorhaben meines Experiments auf und schalte mein Handy ein. Das Licht auf meinem Display bedeutet die Kapitulation des Großstädters. Ich wollte Natur, aber nicht gleich so viel davon.

Als ich um fünf Uhr wieder Flugzeuglärm höre, ist klar, dass die Nacht zu Ende geht – aber nicht wie erwünscht. Vielmehr sehne ich mich nach oben, ins Flugzeug. Von dort würde ich im Morgenlicht sehen, was die Menschen geleistet haben: Deutschland, das vor 3000 Jahren bis auf die Berge und Küsten ein dichter Wald war, verwandelten sie in ein Kunstwerk aus Äckern und Wiesen. Die Bäume stehen in kleinen Grüppchen dazwischen, kaum irgendwo so zahlreich wie im Hainich mit seinen insgesamt 16.000 Hektar. Gerade kann ich die Lust des Menschen aufs Holzfällen gut verstehen. Um 5.27 Uhr krieche ich aus dem Zelt und breche auf, obwohl gerade ein Gewitter aufzieht. Eilig stopfe ich die feuchte Zeltplane in den Rucksack. Mein Brot ist über Nacht geschimmelt. Ich gehe den schnellsten Weg zur Lichtung, dann direkt über den Acker zum Auto. Ein wenig fürchte ich noch, mich könnte ein schlaftrunkener Jäger erschießen, als ich aus dem Dickicht trete. Am Rand des Nationalparks dürfen die Bauern jagen, viele Hochstände zeugen von diesem Recht. Mitten auf dem weiten Feld steht ein Fuchs. Als er meine Schritte hört, rennt er panisch los, bis er im Hainich verschwunden ist. Ein kleiner Trost. Auch wenn ich im Wald nicht glücklich wurde – zumindest meine Angst war ganz natürlich.

Text: Lukas Kapeller, Foto: Florian Jaenicke

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