Im Namen des Folks


Diese Diashow benötigt JavaScript.

Wir haben die Insel der Sänger, Tänzer und Komponisten bereist und erlebt, dass überall irische Musik erklingt. Sie stiftet Identität, inspiriert Weltstars – die Lieder verzaubern auf Festivals und in Pubs. Eine Rundfahrt ins Herz und zur Seele des Landes.

Ross Mannion verkauft jeden Tag ein Stück seiner Seele. Er reicht in Plastikhüllen verpackte Tonträger mit Heimat­klängen über die Ladentheke aus dunklem Holz. Der Record Room in der Grattan Street von Sli­go ist ein Familienbetrieb, der seit 29 Jahren existiert: „Er ist genauso alt wie ich“, sagt Ross, des­sen düstere Tattoos an den Oberarmen nicht recht zu seinen weichen, fast teddyhaften Zügen passen. An der Wand hängen vergilbte Plattenco­ver und erinnern an alte Zeiten. Whitney Houston, Billy Idol, Michael Jackson. „Früher“, sagt Ross, „haben wir auch Popmusik verkauft, aber seit es Internet und Supermarktketten gibt, lohnt sich das nicht mehr.“ Er deutet auf die Regale, in de­nen alle CDs alphabetisch sortiert sind: Chief­tains, Dubliners, Paddy Reilly, The Wolfe Tones. Irische Folkmusic: „Das hier ist unser Geschäft. Die meisten traditionellen Musiker produzieren bei kleinen Labels, die nur in Läden wie unserem vertrieben werden.“ In der Geschichte Irlands spielt Volksmusik eine identitätsstiftende Rolle: Hungersnot, Bürgerkrieg, Unabhängigkeitskampf und die Einsamkeit der Auswanderer, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika gingen. Im­mer wieder war es die Musik, die den Menschen Halt gab und Trost spendete. Die Melodien und Texte berühren auch Ross. Obwohl der Verkäufer aussieht wie ein Rockstar, lebt er nicht nur von seinen Schätzen – er liebt sie. Wer die Seele der Insel ergründen will, muss ihren Sound kennenlernen. Eine Woche lang fahren meine Begleiter und ich deshalb in musika­lischer Mission durch Irland. Wir treffen Tänzer, Geiger, Folkstars, Touristen und Experten, die eines verbindet: die Leidenschaft für Musik.

Was in Peters Seele vorgeht, ist schwer zu erah­nen. Er ist ein apfelsinenfarbener VW-Bus, Bau­jahr 1979, streng genommen kein Ire, sondern ein Deutscher – und er macht seine ganz eigene Musik. Den Namen Peter hat ihm das Ehepaar Keating in Schreibschrift auf die Fahrertür ge­pinselt. Das Duo aus Garristown restauriert und vermietet alte Bullis. Peter ist ein Schmuckstück, was sein Äußeres betrifft, aber eine Katastrophe hinsichtlich der Fahreigenschaften. Der Motor kennt nur eine Lautstärke: fortissimo. Ab 60 km/h geben wir es auf, während der Fahrt CDs abzuspielen. Dann singen wir selbst, und zwar so stimmgewaltig, dass wir den Bus mitsamt den gelegentlich unwirschen Grüßen aus dem Ge­triebe übertönen. Unser sympathisches Mittel­ding zwischen Traktor und Rasenmäher ist den­noch der beste Begleiter, den wir uns vorstellen können, um die lebendigste Musikszene Euro­pas zu entdecken. Irland ist mit sieben Siegen die erfolgreichste Nation beim European Song Contest. Weltbekannte Bands und Stars wie U 2, The Corrs, Enya oder Ronan Keating kommen von der Insel. Ihre Wurzeln liegen in der Volks­musik. Peter wird auf der Reise zum Folkwagen.

Wir sind in Gorteen im County Sligo angekom­men. 350 Einwohner, drei Kirchen, eine Tank­stelle. Unter dem Ortsschild ist eine weiße Fie­del in eine schwarze Tafel graviert – kein Mensch ist auf der Straße. Nach wenigen Metern ringen wir Peter eine Vollbremsung ab. John McGettrick wartet schon vor dem Eingang eines großen, rostroten Gebäudes auf uns. Der 69-Jährige ist Direktor des Coleman Music Centre, eines Zen­trums für Irish Folk Music mit Museum, Kon­zertsaal und Musikschule. Er führt uns durch den Museumsbereich, in dem die Geschichte der irischen Musik nacherzählt wird: von den Barden in der Keltenzeit, von Richard Poekrich, der 1744 die keltische Glasharfe erfand, die heu­te auf den irischen Euromünzen zu sehen ist. Dann zeigt er uns die Instrumente, die in der irischen Musik eine Rolle spielen: Fiddle (Geige), Bodhrán (Trommel), Tin Whistle (Flöte), Uilleann Pipes (Dudelsack) und Harp (Harfe). „Die traditionelle Musik ist für die Iren heute wichtiger denn je“, sagt John McGettrick, während er uns im Besuchercafé Filterkaffee und Butterkekse serviert.

„Unser Auftrag ist es, diese Musik zu fördern“, sagt er. Dafür gibt es sogar staatliche Gelder. Aber warum ist sie für die Menschen so wichtig? „Es gibt immer mehr junge Leute, die sich mit Irish Folk beschäftigen“, sagt McGettrick, „sie reisen mehr als früher, sie gehen in die Welt hi­naus. Ähnlich wie ihre Vorfahren, die in den ver­gangenen Jahrhunderten ausgewandert sind, su­chen sie etwas, womit sie sich identifizieren können.“ Auch Michael Coleman, der berühmteste Musiker der Region, der dem Zentrum sei­nen Namen leiht, war ein Auswanderer. 1914 ging der Geiger nach Amerika und spielte dort Schallplatten ein. Viele mündlich überlieferte Melodien, die heute Standardwerke der irischen Folkmusic sind, wären ohne ihn vermutlich ver­loren gegangen. 6000 Besucher zählt das Zen­trum jährlich, darauf ist John McGettrick stolz: „Wir sind hier schließlich in einem selbst für irische Verhältnisse ländlichen Gebiet“, sagt er. In der vergangenen Woche war er an vier Abenden bis Mitternacht bei Konzerten im Dienst. Dabei könnte er in Rente gehen. „Aber die Mu­sik ist ein Teil meines Lebens.“

„Ist das euer Bus?“, fragt der Fremde, der mit sei­nem Wagen direkt neben unserem anhält. Wir parken vor einem Sparmarkt in Strandhill an der Nordwestküste, um für das Abendessen einzu­kaufen, das wir auf dem Campingkocher zuberei­ten. Wir bedauern: „Peter ist nur gemietet.“ Der ältere Herr im karierten Hemd ist gleichwohl nicht mehr zu halten: „Mein Sohn hat auch ei­nen VW-Bus, Baujahr 77, mit dem ist er im Som­mer bei der Fußball-EM in Polen gewesen. 1900 Kilometer. Ein großartiges Auto!“ Er umrundet unseren Begleiter, wirft einen Blick durch die Scheibe. Dann verschwindet er ebenso plötzlich, wie er kam: „Take care and good-bye.“ Peter öffnet uns die Herzen der Inselbewohner – es hätte schlechter kommen können. Fußgänger winken, Autofahrer grüßen mit Lichthupe, und Wildfremde bieten uns ihr Grundstück zum Campen an. Aber das machen wir dann doch auf offiziellen Plätzen. Die sind meist sehr sauber, günstig und schön gelegen. Wie etwa in Doolin im County Clare, einem kleinen Fischerdorf un­weit der Cliffs of Moher.

Peter steht dort zwischen den großen, weißen Caravans wie ein verlorener Farbklecks. Er darf Pause machen, während wir die drei Pubs nach Livemusik abklappern. Der Ort gilt als Zentrum des Irish Folk. Im McDermott’s am Ortseingang werden schon ab 21 Uhr die Stehplätze knapp. Der Geruch eines atemberaubenden Bier-und-Pommes-Gemischs liegt in der Luft. Aber auch Musik. Laut, schwungvoll und von mitreißender Heiterkeit. Es spielen Eimar Howley, 23, Musik­lehrerin aus Kilfenora, und ihre Kumpels. Auf zwei Fernsehern läuft das olympische 100-Me­ter-Finale der Herren. Sport gegen Musik. Wäh­rend Usain Bolt seinen Olympiasieg bejubelt, klatschen die Menschen begeistert in die Hände. Der Jamaikaner ist aber gar nicht gemeint – sie wollen die jungen Musiker zu einer Zugabe überreden.

Teemu Eerola ist mit seiner großen Liebe einmal durch Europa gereist. Sie liegt auf dem Asphalt, Teemu hockt neben ihr, angelehnt an eine Haus­wand. Der 22-jährige Finne nimmt sie vom Bo­den auf und drückt sie an sich, als hätte er Angst, dass ihm jemand seine Geige wegnehmen könnte. Wir sind beim Folk & Traditional Music Festival in Ballyshannon in der Grafschaft Donegal, einer der drei größten traditionellen Musikveranstal­tungen im Land. Überall wird gespielt. Auf der Bühne im Abbey Theatre, in Pubs und auf der Straße, wie hier am Bridge End. Etwa 100 Besu­cher haben sich auf dem Platz an der Brücke ein­gefunden. Menschen in Regenjacke, mit Norwe­gerpulli, Alte und Kinder. Füße gehen im Takt mit, Oberkörper bewegen sich rhythmisch. Tee­mu hört zu und schwärmt: „Dieser Groove. Die­ser Schwung, diese Dynamik, diese Nuancen.“ Jedes Wort, das der blasse Mann mit Brille und Pferdeschwanz über die Musik sagt, setzt mehr Energie in ihm frei. Mit fünf Jahren hatte er be­gonnen, Geige zu spielen. „Als Teenager fing ich dann mit Irish Folk an, das war meine Art der Rebellion.“ Die irische Musik bewegt ihn bis heute, deshalb ist er hier. „Vielleicht kann ich ir­gendwo mitmachen“, sagt er. Wenige Stunden später sehen wir ihn im Dicey Reilly’s sitzen – er hat sich spontan mit vier anderen Musikern zu­sammengetan. Sie spielen ohne Noten. Ohne Ab­sprachen. Und erstmals in dieser Besetzung. Wer die Augen schließt, könnte denken, es sei eine Studioaufnahme. Der Finne ist angekommen.

Schwarze Wolken bauen sich über dem Kirch­turm von Ballyshannon auf. „Kein Mensch kommt wegen des Wetters nach Irland“, sagt Tonny Schwebke. Wegen der Musik etwa? „Aber ja! Es ist schon das siebte Mal, dass ich dieses Festival besuche.“ Zu Hause in den Niederlan­den spielt die Frau Akkordeon in einer Irish Folk Band. „Am Anfang versteht man die Musik nicht so recht, findet sie anstrengend. Das ist so ein ‚Dideldideldidi‘ “, sagt sie und schlägt ganz schnell mit der Zunge an ihren Gaumen. Tonny lacht: „Man muss erst lernen, die Musik zu lie­ben. Aber dann wird man sie nicht mehr los.“

Die Begeisterung bekommt auch Cara Dillon zu spüren. Die 37-jährige Nordirin ist einer der Stargäste des Festivals, hat mehrere Soloalben veröffentlicht und war weltweit auf Tournee. Ihre Stimme und ihre melancholischen Melodien sprechen die Menschen an. Das Abbey Theatre ist ausverkauft. Nach dem Konzert bildet sich eine Schlange hinter dem Tisch, an dem sie handsignierte CDs verkauft. Viele Fans möchten ein Foto mit der Sängerin, andere wollen nur ihre Bewunderung loswerden: „Cara, Sie waren grandios!“, ruft eine Frau. Dillon nimmt das schüchtern zur Kenntnis. „Natürlich fühlt sich Lob gut an“, sagt sie und lächelt. Das Geheimnis ihrer Musik? „Es sind Songs für die Seele. Und sie berühren die Herzen der Menschen.“

Amüsiert stellen wir auf unserer letzten Etappe fest, dass in Irland sogar Feldwege mit Straßenordnungsnummern ausgestattet sind. Und dass in Keadew, County Roscommon, die größte Tanzveranstaltung der Region stattfindet. Obwohl es schwer ist, diese Ortschaft auf einer Straßenkarte zu finden. Im Gemeindesaal St. Ronan’s Hall füllen sich die Stuhlreihen. Alles wartet auf den Beginn des Door-Dancing-Wettbewerbs, eines Höhepunkts des Festivals, das nach dem blinden Wanderharfenspieler Turlough O’Carolan aus dem 18. Jahrhundert benannt ist. Auf der Bühne machen sich die Musiker bereit: Flöte, Gitarre, Akkordeon und Trommel, auf dem Boden liegen zwei aus Fichtenholz nachgebaute Türen. Eugene Murphy vom lokalen Radiosender moderiert die Veranstaltung und kennt ihre Geschichte: „Früher waren die Farmleute so arm, dass sie sich keine vernünftigen Fußböden leisten konnten. Um zu tanzen, hängten sie die Türen aus und legten sie auf den Boden.“ Aus dieser Tradition wurde ein Wettbewerb, bei dem Kinder und Erwachsene um Pokale kämpfen. Was sie mit ihren Schuhsohlen aufs Holz bringen, erinnert an Stepptanz. Die verschiedenen Disziplinen heißen Reel, Jig oder Polka.

Seit 1978 findet das O’ Carolan Harp Festival jedes Jahr im August statt. „Es ist die größte Veranstaltung im Nordwesten“, sagt Murphy. Es gibt eine Konzertbühne, die Zuschauerreihen davor sind durch die Hauptstraße geteilt. Aber das stört nicht, da kaum Verkehr fließt. Es gibt einen Harfenwettbewerb und – natürlich – Livemusik. Der letzte Auftritt gehört Derek Warfield. Jahrzehntelang ist der fast 70-jährige Sänger mit den Wolfe Tones um die Welt getourt, seine aktuelle Band nennt er Derek Warfield & The Young Wolfe Tones. Vor einem neuen Lied spricht er ins Publikum: „Unsere Musik ist unser Kulturerbe. In Europa gibt es Adlige und Könige, in Frankreich hatten sie Napoleon. Unsere Helden sind die Musiker.“ Dann nimmt er sein Banjo und fängt an zu spielen. Beim Refrain singen wir mit und denken an das bevorstehende Ende der Reise: Mein Herz ist in Irland.

My heart is in Ireland,

It’s there I long to be.

Her hills and her valleys

are calling to me

Mein Herz schlägt in Irland,

Dort sehne ich mich hin.

Da, wohin Berge und Täler

Mich übermächtig zieh’n

(„My Heart Is In Ireland“ / The Wolfe Tones)

Text: Katja Fastrich, Fotos: Peter Guenzel

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.