Ruder, zur Sonne, zur Freiheit!


Nirgends erleben Gäste den Wasserreichtum der Stadt intensiver als bei einer Paddelpartie auf der Alster. Abenteuerlich ist das auch, denn nicht überall kommen Dampfer und Kanus so leicht aneinander vorbei wie auf der Außenalster. Eine Fahrt gegen den Strom. 

Jan Gottberg hat sein Kanu hergerichtet wie eine Couch – mit unzähligen Kuschelkissen im Mittelteil. Ein 114 Jahre altes Familienerbstück, das der Mann in Strickjacke und Schiffermütze schon fährt, seit er 18 ist. Der 64-jährige Hamburger, den alle nur den „Dänen“ nennen, weil seine Familie von dort kommt, ist oft in den Alsterkanälen unterwegs. An manchen Abenden bringt er sein liebstes Stück erst gar nicht ins Bootshaus zurück. Dann macht er irgendwo fest, spannt die Persenning über den Rumpf und lässt sich in den Schlaf schaukeln.

Will man Hamburgs Alltag erleben, ist man in den Kanälen richtig. Mit dem Kanu kann man in das Leben rund um die Alster regelrecht eintauchen. Teils schieben sich die Häuser bis ans Wasser, oft blickt man in verwunschene Gärten von Villen, die sich sonst nur mit ihrer Straßenansicht präsentieren. Anleger und Bootsgaragen reihen sich an den hinteren Grundstücksgrenzen. Dort stehen Kanus so selbstverständlich wie vor den Häusern Fahrräder. Die Kanäle ziehen sich als grün geränderte Schleichwege durch die gediegenen Viertel Winterhude, Uhlenhorst und Eppendorf, wo manches Palais Millionen von Euro wert ist. Doch die Wasserstraßen reichen auch in die backsteinroten einstigen Arbeiterviertel Barmbek und Eilbek, wo Schrebergärten und alte Industriebauten ans Wasser grenzen.

Kaffee-drive-in auf dem Wasser im Winterhuder Mühlenkampkanal: Jan Gottberg (rechts) bestellt beim „Canale Grande“ Getränke.

Einst wurden die Kanäle angelegt, um die Gegend östlich der Alster zu entwässern und Schiffswege zu bauen. Heute verwandeln sich die Alsterkanäle an Wochenenden in wahre Lebensadern. Dann ziehen die Hamburger aufs Wasser – in allem, was schwimmt: in Kajaks, Ruder- und Tretbooten, aber auch auf Aquabikes, venezianischen Gondeln und großen Teambooten mit so kuriosen Namen wie Barmbeker Wasserbüffel. 30.000 dieser unregistrierten Vehikel tummeln sich Schätzungen zufolge auf der Alster. Die lautesten sind die Drachenboote mit einem Trommler als Taktgeber für eine ganze Paddelmannschaft.

Der Klassiker ist hingegen das lautlose Kanu, das auch Jan Gottberg so liebt. Er fuhr früher zur See, arbeitete dann als Tierpfleger im Tierpark Hagenbeck, und jetzt passt er nebenbei auf, dass die Fische in der Alster nicht von übermütigen Anglern weggefischt werden. „He, du!“, ruft er einem jungen Burschen zu, der schon zusammenpackt, bevor Gottberg mit seinem Satz zu Ende ist. „Du weißt schon, dass der noch Schonzeit hat?“ Wer hier öfter ist, kennt Gottberg und seine trockenen Sprüche. Ständig versucht er zu provozieren – auf liebevolle Art. „Die Frauen habt ihr doch nur als Ballast mit!“, ruft er zwei Ruderbooten mit elegant gekleideten Insassen zu, die plaudernd im prächtigen Rondeelteich treiben, umstellt von Hamburgs teuersten Villen. Hin und wieder tauscht Gottberg das Paddel gegen seine Handharmonika. Andere Kanus werden langsamer und bleiben stehen, um ihm zu lauschen – wie einem Straßenmusiker auf dem Wasser. Immer wieder spielt er auch vor Altenheimen, die am Kanal
liegen.

Nach einem Brand im Jahr 1842 bauten die Hamburger ihre Alsterarkaden nach venezianischem Vorbild auf. Daher heißt es hier auch: „Venedig des Nordens“

Die Bewohner kennen ihn schon, kommen oft raus und singen mit.
Anders als mit den öffentlichen Vergnügungsschiffen, die rund um die Alster nur neun Anlegestellen haben, kann man im Kanu überall festmachen: an einem der vielen Cafés oder Bootshäuser, bei Segelvereinen oder Restaurants. Entlang der Außenalster und am Stadtparksee ziehen viele ihr Kanu an Land und picknicken oder grillen. Oft plaudern die Leute von Boot zu Boot. „Hier auf der Alster verstehen sich alle“, sagt Gottberg. „Und man duzt sich.“ Probleme gebe es nur mit den Einern. Das sind die Sportruderboote für eine Person, die mit dem Rücken nach vorn fährt, ohne die Augen eines Steuermanns. Die Ruderer sehen die Alster als ihr Trainingsgelände – und die Freizeitpaddler auf Schlingerkurs als Hindernisse.

Viele Städter haben den Freizeitfaktor der Boote entdeckt. Sie rüsten ihre Fahrzeuge auf mit Musikanlagen, Bierhaltern, Aschenbechern, Sonnenschirmen und Polstern. Diejenigen, die keinen Garten mit Wasserzugang haben, lagern ihre Kanus in Bootshäusern. Einige Firmen reservieren dort auch welche für ihre Mitarbeiter. Andere kommen auf Betriebsausflug hierher. Und wenn einem die venezianische Gondel samt schmetterndem Sänger begegnet, dauert es meist nicht lang, bis der Passagier seiner Begleiterin einen Heiratsantrag macht – falls sie nicht ohnehin schon ein Brautkleid trägt. Näher dran am Leben als auf der Alster kann man kaum sein.

Nur manchmal kommt auf dem Fluss ein wenig Hektik auf: Wenn in einem der engen Kanäle ein Dampfer um die Ecke biegt. Dann gibt es kein Pardon, und alle Bötchen müssen zurückrudern. „Die Berufsschifffahrt hat immer Vorrang, wie auf der Elbe auch“, sagt Christian Ludwig. Schon mit 15 fuhr er zur See, seit fast 30 Jahren ist er Kapitän und steuerte lange Zeit Container- und Passagierschiffe übers Meer. Nun ist die Alster sein Revier, und die Anforderungen sind hier ganz andere. „Da kommen mir 30 bis 40 Kanus entgegen, und ich muss ihnen erklären, dass sie zurückpaddeln sollen.“

Kanutour, einghüllt vom Grün der Hamburger Trauerweiden

Der 58-Jährige redet von Geduld und gegenseitiger Rücksichtnahme und von 80 Tonnen, die gegen ein Bötchen aus Holz oder Glasfaser stehen. Und er spricht von gefährlichen Ecken wie der Ausfahrt aus dem Stadtparksee. Da darf er mit dem Alsterdampfer nicht zu langsam durchfahren, denn er braucht den Schwung, um in den Osterbekkanal einzudrehen. „Meine Schraube kann Leben vernichten“, sagt er etwas pathetisch, aber durchaus realistisch. Kanut Gottberg kennt diese Gefahren und ermahnt andere an scharfen Abzweigungen immer wieder, nicht zu schnell abzubiegen. Er zeigt auf eine geflickte Stelle an seinem Kanu: „Da hat mich ein Alsterdampfer 300 Meter mitgeschleift.“ Dabei ist er auch ein bisschen stolz – auf die Qualität des Familienerbes. Kapitän Ludwig erzählt, wie er zum japanischen Kirschblütenfest für vier Kilometer eineinhalb Stunden braucht – und das sogar außerhalb der Kanäle. Tausende treiben dann auf dem Wasser und warten aufs Feuerwerk. „Manche binden gleich drei Kanus zusammen: Aufs linke kommt der Grill, aufs rechte die Bierkisten, und im mittleren sitzen die Leute.“

Einigen gehen diese Volksfeste auf dem Wasser sogar ein wenig zu weit. Am Vatertag könne das schon mal aus dem Ruder laufen, berichtet Arnim Silwar, Inhaber von Hamburgs ältestem Bootshaus. „Da kommen viele schwimmend zurück.“ Einmal hätten Gäste auf seinem Polizeitretboot einen Einweggrill benutzt und dabei das Schiffsdeck angeschmort. Daher lässt er seine Kunden gar nicht mit Bierkisten ablegen, denn für ihn haben die Kanäle Klasse, die es zu bewahren gilt. Das weiß Silwar aus eigener Erfahrung. Der 70-Jährige wuchs an den Alsterkanälen auf, vermietete schon als Junge im Bootshaus seiner Familie Ausflugsschiffe und verkaufte Eis. „Ich selbst durfte nur bei Regen Boot fahren“, erinnert er sich. „Und wenn ich Freunde mit nach Hause bringen wollte, musste ich bis nach der Saison warten.“ Als er später dann als Jazzmusiker im Winterhuder Fährhaus auftrat, ließ er sich mitsamt seinem Schlagzeug
im Kanu übersetzen.

Heute engagiert er sich selbst für den Erhalt der Flusstradition. Als eigenes Gefährt nutzt er ein 60 Jahre altes Holzkajak. Sein windschiefes Bootshaus hat er geradeziehen lassen, statt es durch einen Neubau zu ersetzen. Und für den Verleih kauft er gern alte Kanus und restauriert sie. Doch gehören zu seiner Flotte auch neuere Tretboote. Eines davon ist aus Plastik und sieht aus wie ein Schwan. Diesem Plastikboot schwamm jahrelang der Hausschwan des Bootshauses, Swanee, hinterher und musste auf dem Weg manchen Revierkampf bestehen. Bald wurde der verliebte Swanee stadtbekannt, der „Spiegel“ kürte ihn zum Alster-Maskottchen, und Silwar erinnert sich: „Manchmal musste ich den Kunden sagen: „Wollt ihr nicht ein anderes Tretboot nehmen? Der Schwan kann nicht mehr.“

Das liebste Schwimmbecken der gut 200 Alsterschwäne ist die Kleine Alster. Sie speist sich aus der Binnenalster und fließt durch die Rathausschleuse ab. An den Treppenstufen zum Rathausplatz hinauf pausieren oft Touristen. Gegenüber, in den weißen Alsterarkaden, befinden sich teure Boutiquen. Und mitten auf der nur 40 Meter breiten Kleinen Alster zwitschert nun aus einem Nest zwischen den Duckdalben, an denen Schiffe befestigt werden, der frisch geschlüpfte Blässhuhn-Nachwuchs. Die Küken werden umkreist von Kanu- und Kajakfahrern, die in nächster Nähe sind, wenn mitten in Hamburg neues Leben entsteht.

Im Gegensatz zur „weißen Flotte“ der Alstertouristik können Kanuten direkt am Fuß der Stufen anlegen, das Rathaus besichtigen oder in die Stadt shoppen gehen. Wer bisher über die Beschreibung Hamburgs als „Venedig des Nordens“ gelächelt hat, wird hier auf der Kleinen Alster nun reuevoll. Tatsächlich hatten die Architekten bei der Neukonzeption des Ensembles nach dem Stadtbrand 1842 den Markusplatz im Sinn. 4000 Pfähle trieben sie ins Marschland, um dem Rathaus festen Boden unter den Füßen zu geben. Parallelen zur „Stadt der Kanäle“ gibt es reichlich. Von den Gondeln bis zu den Brücken, von denen es in Hamburg noch mehr gibt als in Venedig. Oder dem „Canale Grande“, wie die Hamburger das Café Canale im Winterhuder Mühlenkampkanal nennen. Das Café verkauft aus einem zum Kanal gelegenen Hinterfenster an Bootsfahrer, und gewissermaßen haben es die Paddler selbst geschaffen: Erst begannen Kunden des Cafés, hinten zu klopfen. Irgendwann installierten die Betreiber dann eine Türglocke und eine Halteleine. Eine Tafel kennzeichnet es heute als Verkaufsplatz. Noch immer gestalten sich die Übergabe des Kaffees und die Bezahlung ein wenig wacklig.

Und so liegt im Schlick unter dem Fenster wohl so viel Geld wie im Trevi-Brunnen in Rom – doch aus dem trüben Kanal holt es keiner raus. Informelle Lösungen sind der Clou beim Kanufahren – und jeder findet seine eigenen. Ein Paddelfreund erzählt: „Wir haben mal vom Boot aus bei Angestellten eines Weinladens eingekauft, die gerade im Garten saßen.“ Wer die Wasserstraßen so zu seinen Verkehrswegen macht, vergisst schnell die Stadt drum herum. Übliche Wegmarken wie U-Bahn-Stationen weichen Brücken und Villen. Das Grün der Trauerweiden an den Kanälen hüllt einen ein, und die brütenden Haubentaucher strahlen Ruhe aus in ihren schwimmenden Nestern. Diese Gemütlichkeit suchen viele Hamburger, wenn sie sich nach Feierabend in ein Kanu setzen. Viel Strecke wollen sie gar nicht machen. Vielleicht nur in die Mitte der Außenalster paddeln und ein Buch lesen. Dort sind sie dann mittendrin und ganz weit weg.

Autorin: Anja Martin

Fotos: Jörg Modrow

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