Vorausschauend fahren


Apfelpapier, Schreibmaschine, Raketenantrieb. Wer hat’s erfunden? Die Südtiroler. Im Elektroauto machen wir uns auf die Suche nach bahnbrechenden Neuerungen aus dem Land der alpinen Avantgarde.

Der Opel Ampera vor der Sternwarte Max Valier in Gummer

Der Opel Ampera vor der Sternwarte Max Valier in Gummer

Schuld ist an jenem Abend im Jahr 1867 wie immer nur der Alkohol. Mitten in Paris, bei festlichem Essen und französischem Rotwein, sitzen die renommiertesten Physiker Europas zusammen: von Zénobe Gramme über Antonio Pacinotti bis hin zu Werner Siemens. Alle lauschen den Worten eines gewissen Johann Kravogl aus Lana. Der bis dahin unbekannte Schlosser aus dem Etschtal ist zur Weltausstellung in die französische Hauptstadt gereist, um seine neueste Erfindung vorzustellen. Und was für eine.

Elektromotor von Johann Kravogl aus Lana, 1867

Elektromotor von Johann Kravogl aus Lana, 1867

Kravogl hat den ersten Motor der Welt im Gepäck, der elektrische Energie in Rotationsbewegung umwandeln kann: eine Scheibe mit Messingring, drehbar um eine Achse. Die berühmten Physiker sind „paff “, wie Kravogls Vetter Andreas Wolf später schreibt. Sie laden das „arglose Tiroler Naturkind“ am Abend zum Saufgelage, um mehr über das Geheimnis seines Apparats zu erfahren. Und Kravogl, der alles andere als ein Trinker ist, schwatzt zu viel. Wenig später ist es Gramme, der durch ein paar naheliegende Änderungen an der sensationellen Konstruktion Ruhm erlangt. Kravogl aber stirbt 1889 verarmt. Er erleidet ein „Erfinderschicksal, namentlich Schicksal der gutmütigen Tiroler“, notiert sein Vetter.
144 Jahre nachdem der Tüftler seine Konstruktion enthüllte, parkt ein Elektroauto vor seinem Geburtshaus. Späte Genugtuung für den vergessenen Pionier, findet Albert Innerhofer, Obmann des Heimatschutzvereins in Lana: „Kravogl wäre stolz, könnte er sehen, was heute alles mit Elektromotoren möglich ist. Beim Anblick des Autos hätte er gesagt: ,Seht’s her, ich war der Initiator!‘ “ Von Zeit zu Zeit legt der 53-Jährige einen Kranz an die Kravogl-Gedenktafel am Haus. Sonst erinnert in dem Barockgebäude, das heute als Gemeindehaus dient, wenig an den Erfinder. Nur ein Nachbau des „Elektrischen Kraftrads“ ruht in einer Vitrine im Erdgeschoss. Innerhofer sagt: „Kravogl war seiner Zeit weit voraus. Die einfachen Leute verstanden seine Apparate noch nicht.“ Als der Bastler in seiner Werkstatt mit Strom experimentierte, brannte in seinem Heimatdorf noch kein einziges elektrisches Licht. Heute hält im Ortszentrum ein Opel Ampera, das erste Elektroauto, das es mit Strom 500 Kilometer weit schafft. Zwar reicht die Lithium-Ionen-Batterie nur für etwa 60 Kilometer, aber danach springt der Range-Extender ein: ein Benzinmotor, der einen Generator antreibt, der wiederum Strom für den Elektromotor erzeugt. Ein zukunftsträchtiger Wagen, der uns zu den großen Südtiroler Erfindungen der Vergangenheit und Gegenwart bringen soll.

Kopiergerät für Ansichtskarten von Julius Durst, 1934

Kopiergerät für Ansichtskarten von Julius Durst, 1934

Der Elektromotor ist bei Weitem nicht die einzige Innovation aus der Region. Der Tischler Peter Mitterhofer aus Partschins bei Meran ersann 1864 die Schreibmaschine. Julius Durst aus Brixen, genannt „Julchen, der Konstrukteur“,
ent wickelte 1934 eine Kopiermaschine zum Drucken von Ansichtskarten. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts bauten Techniker im Stadttheater von Meran ein Kühlsystem ein, und sogar die religiöse Malerei revolutionierten die Südtiroler vor 800 Jahren: Davon zeugt das Knödelfresko in der Kapelle der Burg Hocheppan bei Bozen. Von Lana sind es rund 20 Kilometer bis dorthin. Das schafft der Ampera locker. Für den letzten Kilometer bis zur Burg nutzen wir allerdings Muskelkraft – nur ein Fußweg führt hinauf.
Als wir oben angekommen sind, fällt uns an den Wänden der Burgkapelle ein gut erhaltener Bilderzyklus aus dem 13. Jahrhundert auf. Er zeigt den Lebens- und Leidensweg Jesu. Nach Ansicht der Kirchenmaler waren bei Christi Geburt nicht nur Joseph, Maria, Ochs und Esel anwesend. Zu Füßen der Madonna kniet eine Frau vor einer Pfanne, aus der sie mit einer Gabel ein rundliches Etwas herausnimmt und zum Mund führt. Kein Zweifel: ein Knödel – und damit die älteste Darstellung des runden Nationalgerichts. Die Spezialität war früher ein Arme-Leute-Essen, das Bauersfrauen aus dem zusammenkochten, was gerade da war. Not macht erfinderisch. Außer Schönheit bietet die gebirgige, rohstoffarme Region wenig. Die Südtiroler halten mit Einfallsreichtum dagegen.

Heute, da kein Mangel mehr herrscht, sondern die Gegend zu den wohlhabendsten des Kontinents zählt, ist der Erfindergeist keineswegs erloschen. Im Überfluss bietet das Land vor allem Holz und Äpfel. Gut eine Million Tonnen jährlich, etwa zehn Prozent der in der EU produzierten Äpfel, stammen aus der Provinz. Die meisten Früchte werden zu Saft verarbeitet. Was beim Auspressen übrig bleibt, heißt Trester. Davon entstehen 30 000 bis 40 000 Tonnen pro Jahr.

Apfelpapier von Alberto Volcan, 2003

Apfelpapier von Alberto Volcan, 2003

Aus diesem Abfall muss sich doch etwas machen lassen, dachte Alberto Volcan und erfand 2003 das Apfelpapier. Die zellulosehaltigen Obstreste werden getrocknet, zermahlen und schließlich mit Papier zu Cartamela verarbeitet. So heißt das Recyclingprodukt auf Italienisch.
Vorbei an Obstplantagen geht die Fahrt von Hocheppan nach Bozen, wo die Firma Frumat die Patente für die Apfelresteverwertung besitzt. Geschäftsführer Hannes Parth sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem eine hölzerne Schatulle in Apfelform steht. Er sagt: „Äpfel haben wir hier jede Menge.“ Der junge Mann mit der Retro-Hornbrille war fasziniert von Volcans Erfindung und experimentierte in der heimischen Küche weiter. „Ich habe gemerkt, dass die Fruchtmasse klebt wie sonst was.“ Mittlerweile lässt Parth daraus pflanzlichen Klebstoff herstellen. Seine neueste Innovation ist Apfelleder.
Warum gerade Südtiroler so erfinderisch sind, erklärt der Firmenchef so: „Das Tüfteln haben wir von den Italienern gelernt, Ideen zielstrebig zu verwirklichen gehört zu den deutschen Tugenden. Vielleicht ist die Mischung das Geheimnis.“ Frumat steht noch am Anfang. Cartamela ist bereits auf dem Markt erhältlich, die anderen Produkte sollen bald folgen. Taschen, Schuhe und sogar Autositze aus Apfelleder: Parth kann sich da einiges vorstellen. Die Chancen stehen gut. Das Unternehmen wäre nicht das erste erfolgreiche mit einem Apfel als Logo.
Der Siegeszug der Erfindung, die wir als nächste ansteuern, begann 1908 im Weiler Kohlern, hoch über Bozen. Um den Ort aus der Stadt besser erreichen zu können, nahm vor mehr als 100 Jahren die Kohlerer Bahn als erste Personenschwebeseilbahn Mitteleuropas den Betrieb auf. Die Fahrt von der Talstation in 265 Meter Höhe hinauf auf 1108 Meter dauert mit dem modernen Nachfolger nur fünf Minuten. Der Opel Ampera braucht für den Weg auf den Bozner Hausberg länger. Die Anzeige auf dem Armaturenbrett zeigt 30 Kilometer elektrische Reichweite an. Das müsste genügen, um die neun Kilometer hinaufzufahren. So weit die Theorie.
Die Straße schlängelt sich vorbei an Weinbergen. Durch das offene Autofenster hören wir die Reifen rollen und den Motor surren. Dem geht von Kurve zu Kurve mehr Energie aus. Noch 25 Kilometer, warnt die Anzeige, dann 15, 7 …  Am Ortsschild Kohlern heult das Aggregat kurz auf, als wolle es seine letzten Kräfte mobilisieren. Doch es ist der benzingetriebene Range-Extender, der anspringt. Ohne ihn brauchten wir jetzt Strom aus der Dose.
In der Nähe der Bergstation vor dem Gasthof Kohlern wird das Auto voll aufgeladen. Ein Kabel aus dem Kofferraum verbindet die Steckdose am vorderen Kotflügel mit einer anderen im Haus. Während die Batterie Energie tankt, erzählt uns Inhaber Josef Schrott bei Schlutzkrapfen und Marillenknödeln auf der Terrasse des Hotels von seinen erfindungsreichen Vorfahren: „Dass wir hier die erste Personenschwebeseilbahn hatten, erzähle ich gern unseren Schweizer Gästen. Auch wenn die das nicht hören wollen.“ Die Idee zur Bahn hatte Josef Staffler, der damalige Besitzer des Gasthofs. Ein cleverer Geschäftsmann, der sich durch die bequeme Aufstiegsmöglichkeit mehr Gäste versprach. Die mussten dann nicht mehr zwei Stunden zu Fuß oder mit Ochsenkarren zu seinem Hotel auf dem Kohlern gehen, sondern waren damals in knapp 20 Minuten oben.
Noch höher hinaus wollte der Astronom und Techniker Max Valier. Ohne ihn hätte es die Apollo-11-Mission zum Mond vielleicht nie gegeben. Ein Krater auf dem Erdtrabanten trägt seinen Namen. Und auch mit dem Opel Ampera verbindet den gebürtigen Bozner eine Geschichte.
Um Valiers Werk zu begreifen, verlassen wir Kohlern und fahren von der Staatsstraße 241 ab Richtung Gummer. Über Waldwege gelangen wir zum Gasthaus Unteregger. Das Muhen der Kühe schallt aus dem Tal, die Latemarspitze berührt in der Ferne den Himmel. Unweit des Hofs steht ein weißes Häuschen mit einer Kuppel, das nicht recht zur alpinen Architektur passen will. Davor wartet Gerhard Mair, Vorsitzender des Vereins der Amateurastronomen Max Valier. Mit seinen Vereinsfreunden betreibt er Südtirols einzige Sternwarte. Entfernte Sonnen und Planeten waren es, die den Astronomen Valier antrieben. 1924 verfasste er die Schrift „Vorstoß in den Weltenraum“, in der er ein Programm zur Entwicklung der Raketentechnik beschrieb. „Seine Ausführungen gelten als Grundlage für die moderne Raumfahrt“, sagt Mair. Allein das Geld fehlte Valier, um seine Theorien in die Praxis umzusetzen. Einen spendablen Förderer fand er in Fritz von Opel, Enkel von Opel-Gründer Adam. Für ihn baute Valier ein Raketenauto, mit dem der Opel-Erbe 1928 mit 228 km/h über die Berliner Avus-Rennstrecke schoss. Ein Jahr später schaffte Valiers Raketenschlitten sogar Tempo 400. Sein letzter Erfolg. Wenig später starb er im Alter von 35 Jahren bei einer Explosion, als er mit Treibstoff experimentierte. Den Vorstoß in den Weltraum erlebte der Vordenker nicht mehr.
Hobbyastronom Mair begnügt sich damit, die Sterne aus sicherer Entfernung zu betrachten. Langsam öffnet sich die Kuppel des Observatoriums wie ein Autoschiebedach. Durch ein tonnenschweres Spiegelteleskop beobachtet er den
Himmel. Viele klare Nächte verbringt Mair hier, schaut zum Mond und bis in die zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernte Nachbargalaxie Andromeda, die Millionen von Sternen in sich trägt. „Da wird mir die Nichtigkeit des eigenen Daseins deutlich“, sagt er. Den Kosmos lassen wir hinter uns und fahren auf irdischen Straßen vorbei am Karersee, über Sella- und Grödner Joch bis zum Eingang des Ahrntals. Sand in Taufers ist ein Ort, der sich immer wieder neu erfunden hat. Bis in die Fünfzigerjahre stand er in keinem  Reiseführer. Die Region war arm und bäuerlich geprägt. Mit der Eröffnung des Skigebiets Speikboden 1973 verwandelte sie sich in ein Wintersportzentrum mit heute
9500 Gästebetten, schicken Bars, Restaurants und Clubs. Das Tauferer Ahrntal zählt nicht nur zu den beliebtesten Ferienregionen Südtirols, sondern auch zu den fortschrittlichsten.
Ende 2011 wurde in Sand in Taufers das Erlebnisbad Cascade eröffnet. Den Namen verdankt die 15 Millionen Euro teure Anlage mit sechs Saunen, sechs Schwimmbecken und Restaurants den nahen Reinbachfällen, deren Wasser tosend die Tobelschlucht hinunterstürzt. 130 000 Besucher pro Jahr erwartet die Gemeinde im Spaßbad. Der Bau, der viel Geld gekostet hat und mit Alternativenergie betrieben wird, soll ein anderes Projekt nicht beeinträchtigen: Bis 2017 will Sand in Taufers die erste Gemeinde Südtirols sein, deren Kohlendioxid-Ausstoß null beträgt. Schon heute produziert ein Wasserkraftwerk mehr Strom, als die Einwohner verbrauchen. Gas zum Heizen entsteht in einer Biogasanlage.
Sogar eine Elektrotankstelle gibt es im Ort. Endlich können wir den Ampera wieder aufladen. Doch besagte Strom-Zapfstelle entpuppt sich als grün markierter Parkplatz, dessen Ladestation leider unerreichbar ist. Müllsäcke und
ein mannshoher Abfallcontainer versperren den Weg. Die Zukunft hat auch in Südtirol gerade erst begonnen.

Text: Verena Gaspar
Fotos: Moritz Hoffmann

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Eine Antwort zu “Vorausschauend fahren

  1. Ich war ganz erstaunt das Foto vom Ampera vor der Sternwarte zu sehen, kenne die Gegend sehr gut da ich genau von dem Ort bin. Zudem sind wir auch ein ADAC Werkstatt Stützpunkt. Vielleicht sehen wir euch ja wenn die Elektrorundfahrt gemacht wird. Weiter so und viel Glück.